Die Zahl der Teilzeitangestellten steigt in der Schweiz seit Jahren an. Das Arbeitsmodell verspricht eine bessere WorkLife-Balance und vor allem eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch die Teilzeitchance kann auch schnell zur Falle werden: dann etwa, wenn sich hoch qualifizierte Frauen nach einer Schwangerschaft mit Stellen ohne Aufstiegschancen begnügen müssen, weil verantwortungsvollere Positionen nur als Vollzeitjob verfügbar sind. Denn Kompetenz wird immer noch stark mit Präsenz verknüpft — wer auf Teilzeit besteht, riskiert auch, beruflich aufs Abstellgleis zu geraten.

Dabei gäbe es Alternativen: etwa das sogenannte Jobsharing, bei dem sich zwei Personen eine Stelle mit gemeinsamer Verantwortung teilen. So ist gewährleistet, dass stets eine Anspruchsperson verfügbar ist, wenn es auch nicht immer dieselbe ist. Auch für höhere Chargen eignet sich das Arbeitsmodell, wenngleich es mit einem höheren Koordinationsaufwand verbunden ist. Doch noch gibt es in der Schweiz wenig Angebote; Arbeitgeber beäugen Jobsharing bisher mit Skepsis.

Wenig Teilzeitstellen in Chirurgie

Eine Vorreiterrolle nimmt das Spital Limmattal ein: Dort teilen sich die beiden Chirurginnen Annina Büsser und Susanne Battilana eine Vollzeitstelle. Beide arbeiten 60 Prozent: Montag bis Mittwoch ist Battilana dran, Mittwoch bis Freitag Büsser. Auch Spezialdienste und Wochenendeinsätze teilen die beiden untereinander auf. «So sind wir gut im Team integriert und müssen niemandem Arbeit abgeben», sagt Büsser. Am Mittwoch sind beide im Spital, um Patienten und Büroarbeit zu übergeben. Etwa 40 Minuten nehmen sie sich dafür Zeit. Am Montag werden die relevanten Informationen per Telefon weitergegeben.

Begonnen hat alles mit Büssers Schwangerschaft. Sie hat schon vorher im Spital Limmattal gearbeitet; als sie schwanger wurde, war sie stellvertretende Oberärztin. Chefarzt Urs Zingg wollte sie behalten, so entwickelten sie zusammen ein Jobsharing-System und gingen auf die Suche nach einer Arbeitspartnerin. Die Wahl fiel auf Battilana: ebenfalls eine junge Mutter, die aber an ihrem alten Arbeitsort keine Teilzeitstelle in Aussicht gestellt bekam. Dass es in der Chirurgie nicht viele Teilzeit- und noch weniger Jobsharing-Stellen gibt, hat laut Büsser auch mit der Persönlichkeit der Chirurgen zu tun. «Die meisten sind sehr ehrgeizig und wollen weiterkommen. Arbeitet man im Jobsharing, hat man schlechtere Aussichten auf eine hohe Kaderstelle.»

Seit Februar arbeiten die Oberärztinnen am Spital Limmattal nun im Jobsharing. Es lief von Anfang an reibungslos. «Wir hatten nie Probleme, aber wir sind uns in vielen Dingen auch sehr ähnlich. Es braucht eine Person, der man vertrauen kann», sagt Battilana. Die Chirurginnen sehen in dem Modell viele Vorteile. «Wir gehen motivierter an die Arbeit und sind nicht mehr so überlastet», sagt Büsser. Zudem bringe sie Arbeit und Familie perfekt unter einen Hut, habe aber trotzdem bessere Weiterbildungschancen als bei normaler Teilzeitarbeit.

Mehr Vorteile für Arbeitnehmer

Chefarzt Zingg ist zufrieden mit seinem Duo. «Die Situation war ideal, um so etwas einmal auszuprobieren», sagt er. Momentan könne er sich Jobsharing aber nur mit einem Frauenpaar vorstellen. «Ein Mann bräuchte sehr gute Argumente, um in der Chirurgie Teilzeit arbeiten zu können. Das ist noch nicht akzeptiert und könnte die Stimmung im Team belasten», sagt Zingg.

Ohnehin vermag ihn das neue Arbeitsmodell nicht so ganz zu überzeugen. Zwar eröffne sich mit Jobsharing-Angeboten ein grösserer Markt an potenziellen Arbeitnehmern, dazu können hervorragende Chirurginnen dem Spital erhalten bleiben. «Aber sonst gibt es ganz ehrlich nicht so viele Vorteile», sagt Zingg. Einerseits, weil Jobsharing-Angestellte teurer als «normale» Mitarbeiter seien. Und andererseits, weil trotz aller Bemühungen die Kontinuität doch nicht dieselbe sei. Wenn jemand anderes Visite macht als die Person, die operiert, sei das für die Patienten kein Vorteil. «Die Beziehung zum operierenden Arzt ist meistens eine sehr spezielle», sagt Zingg.

Beschwert hätten sich ihre Patienten bisher noch nie, halten Battilana und Büsser dem entgegen. Wichtig sei aber, den Patienten die Situation am Anfang ausführlich zu erklären, damit sie wissen, was auf sie zukommt. Allgemein muss beim Jobsharing sehr viel kommuniziert und abgeklärt werden, damit alle Abläufe gut funktionieren.

Familienleben will geplant sein

Nicht nur das Berufsleben muss gut organisiert sein, sondern auch die Familie. Die Partner der beiden arbeiten nicht als Ärzte. «Das würde nicht funktionieren, vor allem nicht in der Chirurgie», sagt Battilana. Die Familien werden eingespannt und müssen auch einmal die Kinder von der Kita abholen. Anders würde es nicht gehen, da sind sich die beiden einig.

Zingg verortet auch hier Gefahrenpotenzial. Es bestehe das Risiko, dass Mitarbeitende, die den Spagat zwischen Beruf und Privatleben versuchen, am Schluss weder im Beruf noch in der Familie befriedigt sind. «Wenn man an beiden Orten nur halb anwesend ist, kann es sein, dass man vieles verpasst», so Zingg.

Dem hingegen widersprechen Battilana und Büsser. Sie hätten damit keine Probleme, sondern seien im Gegenteil sehr zufrieden mit der Situation. Einzig bei den Kitas sehen sie noch Verbesserungspotenzial. Längere Öffnungszeiten und mehr Plätze würden ihnen das Leben sehr viel einfacher machen. «Jetzt müssen unsere Partner die Kinder morgens hinbringen, da sie bei unserem Arbeitsbeginn noch nicht geöffnet haben», sagt Büsser.