Dietikon

Früher Top – heute Flop: Das Velohaus gerät aufs Abstellgleis

Eine «Fehlinvestition» und «Fehlkonstruktion» sei das Veloparkhaus am Dietiker Bahnhof, findet SVP-Gemeinderat Stephan Wittwer.

Eine «Fehlinvestition» und «Fehlkonstruktion» sei das Veloparkhaus am Dietiker Bahnhof, findet SVP-Gemeinderat Stephan Wittwer.

Die SVP will das einstige Prestigeobjekt weghaben — oder zumindest umnutzen. Von der Linken droht kein Widerstand - mehr noch: Eine Mehrheit der SP/AL-Gemeinderatsfraktion stimmt dem Vorhaben zu.

Es war einst ein Symbol für ein neues Dietikon, ein besseres Dietikon, ein moderneres Dietikon: das am 3. Juli 1993 eingeweihte Veloparkhaus am Bahnhofplatz. Die Konstruktion aus Stahl, Beton und mattem Glas zeugte in den 1990er-Jahren zusammen mit dem zeitgleich realisierten Busbahnhof und dem Taxistand von einem neuen Selbstverständnis einer neuen Hauptstadt eines neuen Bezirks.

Architekturzeitschriften lobten die Anfänge des neuen Dietiker Zentrums als fortschrittlich, dessen Architekten Ueli Zbinden als Bändiger eines heillos zusammengewürfelten Durcheinanders, der unzusammenhängende Alt- und Neubauten zu einem zumindest ansatzweise einheitlichen Ganzen zu einen vermochte.

Inzwischen ist der Glanz des Neuen weg — und, wie ein Postulat von SVP-Gemeinderat Stephan Wittwer zeigt, die Zeit gekommen, das einst Neue neu zu überdenken, um Platz für das noch Neuere zu machen.

Konkret heisst das: Das mit dem bevorstehenden Bau der Limmattalbahn in Bedrängnis kommende Gebiet um den Dietiker Bahnhof soll entschlackt werden. Und geht es nach Wittwer, am liebsten um jenes Gebäude entrümpelt, «das eigentlich nie hätte gebaut werden sollen»: die «Fehlinvestition» und «Fehlkonstruktion» Veloparkhaus nämlich. Seine Forderung: Der Stadtrat soll prüfen, ob der Bau abgebrochen oder umgenutzt werden kann.

Velohaus wird schlecht genutzt

An ihm passt dem Postulanten einiges nicht, allem voran aber seine schlechte Ausnutzung. «Dass mehrere dezentrale Veloabstellplätze, wie es sie heute an der Post-, der Weininger- oder der Schächlistrasse gibt, mehr bringen als ein grosser, hat sich mittlerweile gezeigt», sagt er. Denn Velofahrer würden stets den kürzesten Weg suchen, das beweise die schlechte Nutzung des «Glaspalastes»: «Wenn ein Veloständer schon nur 20 Meter vom Bahnhof entfernt steht, ist er zu weit weg.»

Der «quer in der Landschaft» stehende Bau ist Wittwer aber auch städteplanerisch ein Dorn im Auge. «Es kann nicht sein, dass solch ein Fremdkörper das Zentrum verstellt.» Dennoch ist es für ihn nicht zwingend, dass das Gebäude komplett abgerissen wird. Auch wenn ein Abbruch den Blick auf die Markthalle öffnen würde: Habe jemand eine Idee «für eine vernünftige Umnutzung, die zur Gesamtplatzgestaltung passt», sei ihm das auch recht. Er selbst könnte sich etwa «einen schönen Biergarten mit Kiesplatz und Lindenbäumen» vorstellen — «das würde doch noch passen».

Wittwer ist zuversichtlich, dass weitere Ideen folgen werden. Denn das Postulat dürfte an der nächsten Ratssitzung vom 7. Mai überwiesen werden. 13 Gemeinderäte von SVP und FDP haben es mitunterzeichnet und sogar von linker Ratsseite gebe es Signale für eine Unterstützung. Auch der Stadtrat habe bereits in Aussicht gestellt, dass er das Postulat entgegennehmen werde.

Dass von der linken Ratsseite kein Widerstand zu erwarten ist, bestätigt Ernst Joss: «Dass das Velohaus schlecht genutzt wird, ist eine Tatsache», sagt der AL-Gemeinderat, das sehe auch die Mehrheit der SP/AL-Gemeinderatsfraktion so; ein Nichtüberweisungsantrag sei von ihrer Seite daher nicht geplant. Joss geht mit Wittwer einig, dass Velofahrer den kürzesten Weg bevorzugen: «Deshalb haben sich auch die Abstellplätze etabliert, die möglichst nah am Bahnhof stehen.» Er selbst benutze das Velohaus nie, «obwohl ich mich damals sehr für seinen Bau eingesetzt habe».

Abbruch nein, Umnutzung ja

All das heisse aber nicht, dass man das Velohaus ganz abschreiben wolle. «Ein ersatzloser Abbruch kommt nicht infrage», so Joss. Denn einerseits gebe es durchaus Leute, die sich daran gewöhnt haben, ihr Velo dort unterzubringen; denen könne man diesen Abstellplatz nun nicht einfach wieder wegnehmen. Andererseits fände Joss es auch schade, wenn mit dem Velohaus ein aus architektonischer Sicht viel gelobtes Gebäude abgerissen würde. Er glaubt zudem, dass es bei der Vermarktung des Velohauses noch Luft nach oben gebe: Dass man etwa in dessen Untergeschoss sein Velo einschliessen könne, sei den wenigsten bekannt, «das Bedürfnis danach ist aber vorhanden», ist Joss überzeugt.

Für eine komplette oder partielle Umnutzung oder gar eine Versetzung des Gebäudes an einen anderen Standort sei man aber offen, erklärt Joss — «solange auch danach genügend Veloabstellplätze am Bahnhof vorhanden sind». Wittwer beteuert derweil, er wolle mit seinem Angriff auf das Velohaus keineswegs die Velofahrer schikanieren: «Ich habe überhaupt nichts gegen Velos — als Autofahrer bin ich schliesslich froh um jeden Velofahrer, der für weniger verstopfte Strassen sorgt.» Deshalb findet auch er, dass im Fall eines Abbruchs die Anzahl Abstellplätze rund um den Bahnhof unter dem Strich nicht reduziert werden dürfe.

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