Er sieht aus, wie man sich einen Pöstler vorstellt. Bärtig, mit vielen Lachfalten rund um die wachen Augen. Der rundliche Bauch passt zu Urs Kohlers gemütlicher Erscheinung. Seit 47 Jahren ist er Postbote, seit 2001 in Bergdietikon. Heute fährt der 63-Jährige zum letzten Mal die Tour, die er in den letzten 12 Jahren fast täglich zurückgelegt hat. Danach, zurück bei der Poststelle, wird er sein Gefährt in die Garage schieben, die Schlüssel abgeben und in die wohlverdiente Pension gehen. Ob Kohler wohl mit einem wehmütigen Gefühl gehen wird? «Ja. Ich habe sehr gerne hier gearbeitet», sagt er und lächelt.

Ganz freiwillig gehe er ja nicht, fügt er an. Mit den Sortiermaschinen, die in der Post vermehrt verwendet werden, müssen Pöstler am Morgen immer weniger selber sortieren. So auch in Bergdietikon. Eigentlich habe Kohler immer gesagt, er wolle 50 Jahre Pöstler sein, aber das Angebot zur frühzeitigen Pensionierung wollte er nicht ablehnen. «Der Entscheid ist mir nicht leicht gefallen. Denn ich fühle mich immer noch sehr gesund und würde gerne noch arbeiten.» Kohlers Vollzeitstelle wird nun mit einer Teilzeitstelle besetzt.

Die schönsten Sonnenaufgänge

Drei Pöstler sind es noch, die von Bergdietikon aus ihre Tour fahren. Um sechs Uhr ist Arbeitsbeginn. «Im Postbüro mit dem schönsten Sonnenaufgang», wie Kohler es nennt, sortieren die drei die restliche Post. Auf dem Herrenberg treffen sie sich dann oft zum Kaffee im Restaurant. Ein ehemaliger Banker, der seit mehreren Jahren pensioniert ist und täglich zu Fuss von Widen auf den Herrenberg spaziert, ist immer froh, wenn die Tür aufgeht und Kohler ins Stübli tritt.

«Im Winter hatte ich schon an manchen Tagen Angst um ihn, wenn er mit seinem alten Töff die steilen Kurven hochfahren musste», sagt er. «Ach, erzähl keinen Seich», murmelt Kohler lächelnd. Aber es stimme schon: Der elektrischen Dreiradtöff, den er jetzt habe, sei viel besser.

Die Lehre absolvierte Kohler in Wettingen. «Ich wusste nicht, was sonst machen, also wurde ich Pöstler», scherzt er. Bei der Post in Bergdietikon ist er für solche Sprüche bekannt. Eine Mitarbeiterin beschreibt ihn als hilfsbereiten Kollegen, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat. Nach der Lehre wechselte er nach Zürich, dann nach Dällikon, bevor er schliesslich nach Bergdietikon kam. Auf seiner Tour in Kindhausen versorgte er 410 Haushalte mit Post. Da es im Ort keine eigene Poststelle mehr gibt, bot Kohler zudem einen Hausservice an – eine Methode, die vor allem in ländlichen Regionen zum Tragen kommt. Postgeschäfte wie Briefe oder Pakete aufgeben, Briefmarken kaufen oder Einzahlungen erledigen, können dabei direkt beim Pöstler erledigt werden.

«Am meisten werde ich die schöne Natur, die Gärten und den Waldrand vermissen», sagt Kohler. Viele nette Leute habe er in den letzten Jahren kennen gelernt. Auch die werden ihm fehlen.

Nach der Pension: Tauben züchten

Laut Kohler verschicken die Leute heute keine Briefe mehr. Nebst Werbung kommen nur noch Rechnungen und Kontoauszüge mit der Post. Auch Liebesbotschaften würden heute per SMS geschickt. Das findet er schade: «Liebesbriefe in farbigen Couverts brachte ich immer besonders gerne.» Einmal habe ihm eine junge Frau Schokolade geschenkt, weil er ihr so viele Briefe bringen musste, während ihr Freund in der Rekrutenschule war.

Im zürcherischen Buchs, wo Kohler mit seiner Frau wohnt, wird er sich nach der Pensionierung mehr seinem Hobby, der Taubenzucht widmen. Er ist in diversen Vereinen aktiv, im Schweizerischen Leghorn-Italienerhuhnklub ist er Präsident. Vermutlich werde er auch mit seiner bereits pensionierten Frau auf Reisen gehen. Ein Mal pro Woche aber will Kohler weiterhin auf den Herrenberg fahren, um dort mit seinen Kollegen Kaffee zu trinken.