In der Nacht vom 27. auf den 28. April kam er. Die aus dem Polargebiet eingeflossene Luft brachte den Frost erneut in die Schweiz. Während Bündner Weinbauern zwischen ihren Reben Frostkerzen anzündeten, verwirbelte über den Schaffhauser Rebhängen ein Helikopter kalte und warme Luftschichten, um Bodenfrost abzuwenden. Im Limmattal war keine dieser Methoden nötig, obwohl der Frost auch für die hiesigen Rebkulturen eine akute Gefahr darstellte. «Seit 30 Jahren haben unsere Reben keinen so späten Frost erfahren», sagt der Weininger Winzer Robin Haug.

Winzer Gottlieb Werffeli zeigt, wie einzelne Traubenbeeren entfernt werden.

Winzer Gottlieb Werffeli zeigt, wie einzelne Traubenbeeren entfernt werden.

Die Trauben von 2016 haben gute Qualität. So viele Traubenbeeren wie bei Gottlieb Werffelis Demonstration mussten zum Glück selten weggeschnitten werden.

Mit bis zu 80 Prozent Ausfall habe er in gewissen Parzellen gerechnet. Weil sich die kalte Luft in tieferen Lagen sammle, so der Oenologe, habe der Frost vor allem in denjenigen Parzellen Ausfälle verursacht, die am unteren Abschnitt des Rebhanges liegen. Der Verlust sei mit höchstens 40 Prozent in den betroffenen Parzellen dann aber viel kleiner ausgefallen. Eine wahre Kältestarre hatte Roland Steinmann, Kellermeister des Klosters Fahrs, an den klostereigenen Reben beobachtet. Während 14 Tagen sei jegliches Wachstum der Rebstöcke stillgestanden. «Eine Zeit lang haben wir um die Reben gezittert», sagt Steinmann. Am Ende habe der Kloster-Weinberg jedoch nur geringe Frostschäden erlitten.

Auf Frost folgte Regen

Kaum war der Schreck des Bodenfrosts verdaut, veranlasste wochenlanger Regen zur Sorge. «Als es im Frühling nicht aufhörte, zu regnen, bekamen wir etwas Angst um die Qualität dieses Jahrgangs», sagt der Weininger Winzer Gottlieb Werffeli. Dank des guten Wetters im August und September sei die Sorge zum Glück unbegründet geblieben. «Der Dauerregen bedeutete für uns Weininger einen späten Wümmet», sagt Köbi Haug. Im schweizweiten Vergleich hätten die hiesigen Winzer ihre Trauben jedoch früh lesen können.

Die gehemmte Entwicklung machte Mutter Natur mit einem beispiellosen Spätsommer-Endspurt wieder wett. Steinmann spricht gar von einer überraschend hohen Qualität der Fahr-Trauben Pinot Noir und Federweiss. «Dank der schönen Spätsommer-Wochen konnte der Zuckergehalt nochmals steigen», sagt Robin Haug. Dadurch seien die meisten Sorten zu einem sehr guten Oechslegrad gereift. Weil darüber hinaus keine Fäulnis drohte, wurden die Weinbauern nicht zur verfrühten Ernte gedrängt und die Trauben entwickelten einen guten Reifegrad, sagt Haug. «All dies verspricht eine gute Qualität für den Jahrgang 2016.»

Zuletzt kam die Fliege

An Gottlieb Werffelis Pinot-Noir-Trauben fällt der weisse Belag des Gesteinsmehls auf. Es soll Kirschessigfliegen davon abhalten, in den Früchten Eier abzulegen. Während ihm der Frost weniger Sorgen bereitete, hatte Werffeli dieses Jahr stark mit dem aus Asien eingeschleppten Schädling zu kämpfen. «Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen», sagt der Winzer. Sie hätten gut entlaubt und das Gras unter der Rebe kurz gehalten, um der Fliege keine Gelegenheit zu bieten, sich zu verstecken. Licht möge die Fliege nämlich nicht, ebenso wenig die Trockenheit, die in den letzten Wochen herrschte. «Ohne die Schönwetterperiode hätte die Kirschessigfliege bestimmt schlimmeren Schaden angerichtet», sagt Werffeli.

Auch Robin Haug hatte wegen des Schädlings mit Ausfällen gerechnet: «Die Population der Kirschessigfliege war sehr hoch dieses Jahr. Doch der Schädling verursachte weniger Probleme als befürchtet.» Auch die Reben von Winzerkollege Köbi Haug erwiesen sich beim Wümmet als weniger stark befallen als erwartet. «Wir bangten im Sommer sehr wegen des Schädlings, denn er hat sich genau dann ausgebreitet, als die Trauben zu reifen begannen», sagt der Weinbauer. Der aktuelle Temperaturrückgang mindert den Fliegenbestand nur bedingt, denn einmal im Innern der Traube, wärmt sie das Fruchtfleisch, wie Peter Grütter weiss.

Der pensionierte Kantonspolizist bewirtschaftet den Rebberg auf dem Waffenplatz Reppischtal in Urdorf und möchte mit der Ernte seiner Klevner-Trauben bis kommende Woche zuwarten. «Sie sollen noch zu ein paar Oechslegraden mehr reifen, doch mit jedem Tag des Wartens steigt auch das Risiko geschädigter Trauben.» Das Gespür für den richtigen Erntezeitpunkt ist nach einem hindernisreichen Weinjahr entscheidend. «Es gab Sorten, wie etwa Sauvignon Blanc, die wir schnell wümmen mussten, weil sie sonst verfault wären», sagt Köbi Haug. Ob der turbulente Jahrgang 2016 mundet, kann im nächsten Sommer erprobt werden.