Das Leben vor 100 Jahren (9) Wenig Freizeit - dafür intensiver Genuss
Freizeit lockt: In der Beiz wird gern das Tanzbein geschwungen

Ob ein Sonntagsausflug, ein Umtrunk oder Spiele im Wald, nebst der harten Arbeit lockt schon vor 100 Jahren das Vergnügen.

Carla Stampfli
Drucken
Teilen
Der «Eckstein» in Unterengstringen ist um 1914 eines der beliebtesten Ausflugsziele im Limmattal, auch weil direkt vor dem Haus die Limmattal-Strassenbahn hält.

Der «Eckstein» in Unterengstringen ist um 1914 eines der beliebtesten Ausflugsziele im Limmattal, auch weil direkt vor dem Haus die Limmattal-Strassenbahn hält.

Ortsmuseum Unterengstringen

Die Basis für eine geregelte Freizeit brachte das Eidgenössische Fabrikgesetz von 1877: Es beschränkte den Arbeitstag von Montag bis Freitag auf elf Stunden, am Samstag auf zehn. Infolge blühten Vereine jeglicher Art auf, die Bevölkerung begann, die freie Zeit zu nutzen — so auch im Jahr 1914.

Zu den beliebtesten Sonn- und Feiertagsausflügen gehörte damals eine Wanderung ins Kloster Fahr mitsamt einer Einkehr in ein Restaurant (siehe Kontext). So lockte die grosse Gartenwirtschaft des Restaurants Eckstein in Unterengstringen im Sommer viele Ausflügler an. Aber auch im Herbst während der Dahlienschau bei der Gärtnerei Hoffmann war der «Eckstein» ein beliebter Ausflugsort. In der Neujahrsschrift «Das Dörfchen vor 100 Jahren» ist zu entnehmen: «Man spazierte zu Fuss von Zürich-Höngg (..) der steril begradigten Limmat entlang und kehrte im Eckstein ein, bevor man mit dem «Lisbethli» (die Limmattal-Strassenbahn Anm. d. Red.) über Schlieren in die Stadt zurückfuhr.»

Wo sich die Bevölkerung im Limmattal mit Speis und Trank verköstigen lässt

Zahlreich waren die Wirtschaften im Limmattal, die vor 100 Jahren Sonntagsausflügler, Arbeiter oder Feierabendbesucher zu einem Umtrunk einluden. Die «Linde» in Schlieren war sowohl von Ausflüglern – das «Lisbethli» hielt damals vor dem Restaurant – wie auch von Wagi- und Gastarbeitern gut besucht. Während der Kriegszeit wurde die «Linde» auch zum Treffpunkt des Militärs. Das Gasthaus wurde 1960 abgerissen, ein Jahr später wurde die neue «Linde» im errichteten Hochhaus eingeweiht. Auch die «Lilie» gleich um die Ecke war vor 100 Jahren gut besucht; vor allem der angebaute Saal fand Anklang: Politische Vorträge, Turn- und Chordarbeitungen oder die Fasnacht wäre ohne den «Lilie»-Saal nicht denkbar gewesen. 1963 musste das Haus dem neuen Lilienzentrum Platz machen — heute erinnert das Café-Restaurant im ersten Stock mit dem Namen «lily» an dessen Vergangenheit. Das Restaurant Gaswerk, das 1900 eröffnet wurde, war zunächst Treffpunkt für das Quartier und die Arbeiter. Das Restaurant mit Gartenwirtschaft und Kegelbahn machte sich rasch einmal einen Namen; es gab Gartenfeste, General- und Parteiversammlungen, Konzerte und Hochzeiten. Es hatte auch wegen seiner Küche einen guten Ruf. Heute heisst das ehemalige «Gaswerk» «Maori» (einst Mojito). Das «Bahnhöfli» in Urdorf, das 1897 erbaut wurde, zog Besucher aus naher und entfernter Umgebung an. Ein Werbeplakat um die Jahrhundertwende wirbt für das «Bahnhöfli» mit dem Hinweis: «Pension für 3.50 pro Tag» und «eigene Hühner». Geworben wurde auch mit der Limmattal-Strassenbahn: «nur 10 Minuten Gehweg!». Das «Bahnhöfli» hat seinen Betrieb im vergangenen Oktober eingestellt. In Weiningen kehrte man im Gasthof Löwen oder in der «Linde» zu einem Umtrunk ein. Um die Jahrhundertwende baute der damalige Eigentümer der «Linde» einen Saal. Dieser wurde zur Herberge vieler Vereine, die ihre Banner mit Kränzen, Kannen und Becher in Glaskästen unterbrachten. In der «Chronik 3500 Jahre Weiningen» steht: «Manches gute Wort wurde hier gesprochen, manches Lied gesungen, mancher Becher von den feurigen Weiningern geleert und bei Unterhaltungen und Hochzeiten oft das Tanzbein geschwungen.» Auch in Dietikon in der Taverne zur Krone, die erstmals 1259 urkundlich erwähnt worden ist, wurde das Tanzbein geschwungen. Generationen haben im Säli der «Krone» Hochzeiten gefeiert oder sich zum Leidmahl getroffen. Der frühbarocke Bau wurde 1982 von der Zürcher Baudirektion unter Denkmalschutz gestellt, 1997 wurde der Restaurant- und Hotelbetrieb stillgelegt, 2010 wurde die «Krone» wiedereröffnet. (ces)

Mit Pfannendeckeln ausgerüstet

Der «Eckstein» war aber nicht nur bei Ausflüglern beliebt; auch während der Fasnacht war es gang und gäbe, im Restaurant einzukehren. Denn im feudalen Saal mit Bühne und Empore im Obergeschoss wurden verschiedene Tanzveranstaltungen abgehalten. Rasch waren im Limmattal und in der Stadt die Tanzanlässe im «Eckstein» bekannt. In Unterengstringen wie auch in den Nachbargemeinden gehörte es nun zum guten Ton, Hochzeiten, runde Geburtstage oder auch Taufen im vornehmen Saal zu feiern.

An Sonn- und Feiertagen pflegte die Bevölkerung auch, Traditionen aufleben zu lassen. So war der Altjahresabend ein besonderer Tag: Bereits im Morgengrauen zogen Mädchen und Knaben gruppenweise durch die Strassen. Ausgerüstet mit Pfannendeckel, Kuhglocken und Horne liessen sie so das alte Jahr ausklingen. In Urdorf beispielsweise blieben die Kinder bei den Bäckers- und Metzgersleuten stehen. Sie lärmten, sangen und schrien so lange, bis ihnen etwas Essbares verteilt wurde. Abends besuchte die Bevölkerung den Gottesdienst, danach kehrte sie für das Nachtessen in eine Gaststätte ein.

Am «Berchtelistag» wird gefeiert

In der Uitiker Dorfchronik «Aus der Vergangenheit eines Zürcher Dorfes» ist zu entnehmen, dass sich die Uitiker am 31. Dezember gerne im Restaurant Hoffnung oder im «Frohsinn» trafen: «Die Verheirateten nahmen ihre Frauen mit, die Ledigen ihre Schätze. Wiederum sorgte der Männerchor für Fröhlichkeit, und man hätte kaum einen leeren Platz finden können.» An Neujahr hingegen wurde zu Hause gut gegessen und getrunken; denn meist hatte man zuvor «gemetzget». Allerlei Besuch kam, die Frauen sotten Schinken, backten Butter- und Birnweggen — die Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Das Kommen und Gehen in den Häusern dauerte über den ganzen Neujahrs- und auch am «Berchtelistag» an. Niemandem wäre es eingefallen, an diesen beiden Festtagen zu arbeiten. «Was mer am Berchtelistag schaffet, das frässed d'Müüs», pflegte die Bevölkerung zu sagen. So trafen sich am 2. Januar bereits am Nachmittag die Familien in der Bauernküche zu Kaffee und Birnweggen. Es wurde gespielt und geredet. Auch das «Salz abschniide» war beliebt: In der Mitte des Tisches steckte in einem Salzhaufen eine Stricknadel. Mit einem Messer galt es, einen Teil des Salzhaufens wegzustreichen — fiel dabei die Stricknadel um, mussten die Spieler ein Pfand abgeben.

Erst Beeren ernten, dann spielen

Wenn nicht gerade ein besonderer Anlass auf dem Programm stand, vergnügten sich die Kinder untereinander. Bevor sie jedoch spielen und herumtollen durften, mussten sie ihre Schulaufgaben erledigen. Danach hiess es, sich auf dem elterlichen Hof oder im Garten nützlich zu machen: Jäten, Bewässern, mit Rossmist düngen, Beeren ernten oder Laub zusammenlesen — das waren normale Arbeiten, die einen Teil der Freizeit beanspruchten. Erst dann blieb Zeit, sich mit anderen Kindern zu vergnügen: Gespielt wurde unter anderem auf der Strasse. Mit dem Ball, mit Murmeln; «Chlürlä», mit Kreiseln, mit Büchsen oder mit dem Springseil. Oftmals waren bis zu 20 Kinder beim Schlag- oder Völkerball, beim «Versteckis» oder «Verbannis» beteiligt. Der Wald bot für die Mädchen und Knaben eine weitere Vielfalt von Spielmöglichkeiten an. Im Zeitdokument «Urdorf in der Geschichte» erzählt Fritz Aregger aus seiner Jugendzeit: «Doch gehörte auch im Wald das Sammeln von dürrem Holz und von Tannzapfen zu den üblichen Verpflichtungen. (..). Im Winter war Schlitteln Trumpf, konnte man doch ohne Halt vom Wald bis zum Feldegg schlitteln. Da in jener Zeit schneereiche Winter die Regel waren, vergnügten wir uns zudem mit Bauen von Schneehütten und Schneemännern.»

In der Nachbarsgemeinde Schlieren verbrachte die Jugend den Winter nicht nur im Schnee, sondern auch auf einem natürlichen Eisfeld: In einem Moor in der Nähe des Rütirains bildete sich nach intensiven Niederschlägen und der Schneeschmelze einen Weiher. In der kalten Jahreszeit verwandelte sich das Moor zu einem bis zu 2 000 Quadratmeter grossen Eisfeld. Etwas weiter unten, an der Bäckerstrasse, befand sich das Kino Tivoli. Ein- bis zweimal im Jahr zeigte es Trickfilme; «Dick und Doof», «Fix und Foxi» sowie andere Trickfilmvorführungen.

Als «Lumpekudi» verkleidet

Viel Vergnügen bot den Jungen auch die Fasnacht. In Urdorf gab es ein traditionelles Fasnachtsfeuer, das in den Reben von der Knabengesellschaft entzündet wurde. Die Jugend beteiligte sich auch mit selbst fabrizierten Kienspänen an einem Fackelzug. Am Fasnachtsmontag war es zudem Brauch, dass die ganze Gruppe auf einem Fasnachtswagen — mit Tannästen und Papierblumen bekränzt — von Restaurant zu Restaurant zog. Mit gesungenen Versen und lustigen Reden verulkten und rügten sie die Persönlichkeiten des Dorfes. Die Kinder verkleideten sich mit alten Kleidern als «Lumpekudi» oder vermummten sich als «Böögg». Die Jungen zogen so durchs Dorf und besuchten Verwandte und Bekannte. Wer dabei ein «Versli» aufsagte oder ein Lied sang,
erhielt 20 Rappen oder ein Fasnachtsküchlein.

Der Vereinsalltag während des Ersten Weltkriegs

1914
Am letzten grossen Kantonalturnfest bis 1920 erringen der STV Dietikon und der STV Schlieren in Unterstrass je einen 2. Platz. Das ist Balsam auf die Seele des STVD, der im Jahr zuvor nach der Abspaltung der Katholiken Konkurrenz aus dem eigenen Dorf erhalten hat. Dies übrigens, weil der STV die Trainings auf Sonntagmorgen angesetzt hatte.

Der Kirchenchor Bergdietikon feiert sein 25-jähriges Bestehen.

In Dietikon erhalten die Pontoniere ein Schreiben von den Turnern: Sie sollen beim Abholen der Athleten beim Bahnhof künftig kein Freibier mehr ausschenken.

Die Mehrzahl der Spieler des FC Dietikon weilt im Aktivdienst. Der Monatsbeitrag im Verein beträgt 60 Rappen.

Der Männerchor Eintracht Urdorf besingt sein 50-Jahr-Jubiläum.

1915
Zwei Jahre nach dem Entschluss, das Feldschiessen nur noch liegend zu schiessen, gibt der Bund bekannt, dass bis Kriegsende keine Munition an Sportschützen mehr abgeben wird.

Die Pontoniere verlangen von ihren Aktivmitgliedern 4 Franken Jahresbeitrag, die Passivmitglieder zahlen 5, ausgenommen sind Vorstand und Aktivdienstler. Weil auch der Aktuar ein solcher ist, kann an einer Versammlung das Protokoll der letzten nicht verlesen werden.

Der Monatsbeitrag im FC Dietikon wird auf 80 Rappen erhöht.

Die Turnvereine Weiningen und Oetwil-Geroldswil werden gegründet. In Weiningen beträgt das einmalig zu entrichtende «Eintrittsgeld» 1 Franken, der monatliche Beitrag 30 Rappen. Erst an der zweiten Vereinsversammlung wird beschlossen, dass sich jedes Mitglied ein eigenes Paar Turnschuhe anschaffen muss.

Die Feldschützen Aesch pflegen seit 20 Jahren «das Schiessen als Sport, aber auch im Interesse der Landesverteidigung» und wollen damit «echte Kameradschaft und vaterländische Gesinnung» fördern.

1916
Der Bezirks-Schützenverband Zürich wird gegründet, zu dem auch die Limmattaler Vereine gehören.

Weiningens Oberturner Robert Hürlimann soll an einer Versammlung mit einer Gratifikation bedacht werden. Er weist diese zurück, weil er für seine Mühe und Arbeit keine Entschädigung annehme. Wenig später tritt er von seiner Funktion zurück: er ist bei den Lehrerwahlen nicht bestätigt worden.

Am ersten Chränzli des TV Weiningen wird unter anderem das Strassenfeger-Stück «Der Füsilier Hülsensack» aufgeführt. Ausserdem leistet der vom TV Engstringen geliehene Barren bei einer Aufführung gute Dienste.

Seit 15 Jahren zieht der Dietiker Musikverein «Eintracht» bereits über die Dörfer, seit drei Jahren in Uniform.

«Unbescholtene Töchter» aus Urdorf können nun in einem eigenen Chor singen.

1917
Wegen der knappen Versorgungslage werden zahlreiche Turnplätze in Stadt und Region zu Kartoffeläckern umfunktioniert. Vereinsaktivitäten gibt es kaum mehr.

Im Krisenjahr für den Musikverein Harmonie Birmensdorf wollen der Präsident und der Kassier an der GV infolge Überlastung ihr Amt niederlegen. Überhaupt fehle es den älteren Mitgliedern an Zeit, den vielen Proben nachzukommen. Dirigent Peter Oggenfuss rettet wohl das Überleben mit seinem Vorschlag, die Proben bis auf weiteres einzustellen.

1918
Der Kirchenchor Birmensdorf wird neugegründet. Sechs Jahre zuvor war er aufgelöst worden – nachdem er erst 1905 gegründet worden war.

Es geht aufwärts mit den Dietiker Pontonieren: Dem Präsidenten wird als Hochzeitsgeschenk ein «schönes Besteck» zum Preis von 100 Franken gekauft.

Mit Alois Imfeld wird zum 10-Jahr-Jubiläum des FC Dietikon bereits der neunte Vereinspräsident gewählt – «unter ziemlich lauten Reden», wie im GV-Protokoll vermerkt ist.

Weil der Turnverein Weiningen den Mitwirkenden einer gemeinsamen Vorstellung mit dem Dramatischen Verein (1 Franken Eintritt plus 1 Franken Tanzgeld) ein Nachtessen bezahlt, bleibt kein Gewinn übrig. Als Konsequenz wird fortan kein Essen mehr offeriert. (Bier)

Verwendete Quellen: «Chronik 3500 Jahre Weiningen», «Das Dörfchen vor 100 Jahren», «Historisches Lexikon Schweiz», «Jahresheft von Schlieren 2005 und 2007», «Krone Dietikon, Vergangenheit, Zukunft», «Tramlinie 1901–1931; Dahlienschau – Sennenbühl», «Urdorf in der Geschichte», «Uitikon. Aus der Vergangenheit eines Zürcher Dorfes».