Um Punkt 18.36 Uhr eröffnete der Dietiker Bezirksgerichtspräsident Stephan Aeschbacher am Freitagabend das Urteil: Freispruch wegen Schuldunfähigkeit. Die Richter konnten nicht ausschliessen, dass sich die Nigerianerin in einem Wahnzustand befand, als sie am 27. Januar 2016 ihre Schweizer Schwiegermutter erstickte und ihr dabei unter anderem alle Rippen brach – so wie es ein Serienmörder mit Nachnamen Burke im Schottland des 19. Jahrhunderts getan hatte, weshalb diese Mordmethode auch als Burking bekannt ist.

Tatort war die Vierzimmerwohnung in einem Mehrfamilienhaus in Oberengstringen. Dort lebten die 84-jährige Rentnerin, ihr 49-jähriger Sohn und dessen 34-jährige nigerianische Frau zusammen.

Der Freispruch wegen Schuldunfähigkeit bedeutet für die Frau aber nicht die Freiheit: Sie muss sich einer stationären Massnahme in einer geschlossenen Einrichtung fügen, um die Krankheit schizophrener Art zu behandeln, an der sie gemäss Gutachten der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich leidet. Ohne Behandlung besteht laut Gutachten die Gefahr, dass die Schizophrenie der Täterin wieder aufbricht und sie erneut eine Gewalttat verübt. Die Massnahme, der sie sich nun unterziehen muss, ist auch als «kleine Verwahrung» bekannt. Wie lange sie dauert, ist völlig offen: Grundsätzlich gilt eine Frist von maximal fünf Jahren, die Massnahme kann aber auch verlängert werden.

Erbrochenes auf Aufseher geworfen

Die Gerichtsverhandlung ermöglichte ein Einblick in das Innenleben der Täterin und darin, wie sich deren psychische Störung bisher manifestierte. Im Gefängnis sammelte sie beispielsweise ihr eigenes Erbrochenes, um es den Gefängnisaufsehern anzuwerfen – durch die Luke der Zellentür. Zudem machte sie vor Gericht mehrmals geltend, dass ihr das Gefängnispersonal Drogen ins Essen gemischt habe. Via Englisch-Dolmetscher gab sie den Richtern mehrmals zu verstehen, dass sie nicht verrückt sei.

Schon von Anfang an hatte sie die Tat jeweils bestritten. «Ich habe die Wahrheit gesagt, ich habe es nicht getan», beteuerte sie auch am Freitag am Bezirksgericht Dietikon. Der Hauptantrag der Verteidigerin Monika Meier verlangte denn auch einen Freispruch mangels Beweisen. Für den Fall, dass das Gericht diesem Hauptantrag nicht folgen sollte, forderte sie einen Freispruch mangels Schuldfähigkeit. Und hätte auch das nicht geklappt, stand nochmals ein Eventualantrag im Raum: Maximal sieben Jahre Haft wegen vorsätzlicher Tötung.

Mord oder nicht? Juristisch bleibt die Frage offen

Die Frage, ob es sich um Mord oder vorsätzliche Tötung handelte, musste das Gericht wegen der nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit gar nicht erst klären. Es hatte lediglich festzustellen, dass die Angeklagte den Tod des Opfers vorsätzlich und rechtswidrig verursachte. Hinsichtlich dieser Frage nach der Täterschaft folgten die Richter somit vollständig den Untersuchungsergebnissen der Zürcher Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte.

«Die Beweislage ist erdrückend», sagte Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher. Nur der Sohn, die Spitex-Betreuerin und die Täterin hatten einen Schlüssel zur Wohnung. Doch hatte der Sohn ein wasserdichtes Alibi und auch eine Täterschaft aus der Spitex konnte anhand der Untersuchung ausgeschlossen werden.

Täterin unzufrieden mit ihrer Verteidigerin

Die Staatsanwaltschaft hätte sich allerdings ein ganz anderes Strafmass gewünscht. Staatsanwalt Michael Scherrer hat in seinem Plädoyer am Freitag zwölf Jahre Freiheitsstrafe gefordert, die vorerst zugunsten einer stationären Massnahme aufzuschieben seien.

Angesichts dieses Antrags des Staatsanwalts könnte man beim nun ergangenen Urteil von einem Erfolg der Verteidigung sprechen. Die Täterin war aber mit ihrer Verteidigung sehr unzufrieden: Im Vorfeld verlangte sie mehrmals, dass ihre amtliche Verteidigung ausgewechselt werde. Gerichtspräsident Aeschbacher machte zum Schluss aber klar, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei: «Subjektive Gründe genügen nicht, um die amtliche Verteidigung auszuwechseln. Und objektive Gründe lagen nicht vor.»

Die Biografie des Schreckens

Auch der Staatsanwalt bekam von der Täterin sein Fett weg: «Ich weiss nicht, was der Herr Staatsanwalt durchgemacht hat, dass er dermassen will, dass ich bestraft werde. Wissen Sie eigentlich, was Sie mir antun?»

Zwar nicht vom Staatsanwalt, aber von vielen anderen Männern, wurde der Frau durchaus schon Schlimmes angetan. Sie wuchs als Analphabetin in Nigeria auf und kam früh in die Prostitution. Bei der Emigration nach Italien waren Vergewaltigungen durch die Schlepper an der Tagesordnung. Danach hatte sie die Kosten für die Reise auf dem italienischen Strassenstrich abzuarbeiten, wo ihr auch Gewalt angetan wurde, unter anderem eine Messerattacke. «Es ist eine Biografie des Schreckens», sagte denn auch der Staatsanwalt.

Wie 30'000 Euro weggekommen sind

In Italien entkam sie der Strasse dank einer Heirat. Die Ehe scheiterte – wofür sie die Mutter des Italieners mitverantwortlich machte –, woraufhin sie mit 30 000 Euro vom Mann nach Nigeria zurückkehrte, um ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Ihr neuer nigerianischer Partner stahl ihr aber das Geld. Am Schluss landete sie in Lanzarote, wo sie wiederum auf dem Strassenstrich zu arbeiten begann. Dort lernte sie dann einen Schweizer Freier kennen – den Sohn des späteren Opfers. Diesen heiratete sie im November 2015 in Dietikon. Sie wollte ein Kind von ihm. Der Mann war dafür zu haben, doch erzählte er ihr, dass die Schwiegermutter dagegen sei und finde, er sei zu alt für Kinder. Die bis anhin gute Beziehung zwischen der Nigerianerin und ihrer Schweizer Schwiegermutter bekam einen unreparierbaren Riss. Nicht noch einmal sollte eine Schwiegermutter ihrem Glück im Weg stehen.

Abgang unter Tränen

Die Täterin sah das Urteil nicht ein. Sie war am Boden zerstört und heulte. Zwei, drei Schritte tat sie zu ihrem Ehemann, um sich für den Bruchteil einer Sekunde an ihn anzuschmiegen, ehe die Kantonspolizei sie unverzüglich an den Armen packte und aus dem Gerichtssaal brachte. Bis zum Beginn der Massnahme bleibt sie in Sicherheitshaft – spätestens bis 29. März 2018.