«Wieso auch nicht?» sagt eine Frau, die eben aus dem Bus gestiegen ist und mein Schild mit der Aufschrift «Gratis-Knuddel» sieht.

Einen Tag bevor der – inzwischen internationale – Weltknuddeltag gefeiert wird, will ich mich in Schlierens Zentrum als Umarmungs-Vergeberin für fremde Leute üben.

Free Hugs: Redaktorin Flurina verteilt Gratis-Umarmungen

Free Hugs: Redaktorin Flurina verteilt Gratis-Umarmungen



Auch Kostenloses will nicht jeder

Schnell merke ich: Der Stumme Umarmungs-Verteiler wird freilich kaum jemanden in seine Arme drücken, mag sein Schild auch noch so kreativ daherkommen.

Nur kritische Blicke und das eine oder andere Schmunzeln ernte ich als tonlose Arm-Leiherin. An Sprachproblemen sollte es nicht liegen, kann man doch an meinen Schildern auch den für solche Aktionen gängigen Begriff «free hugs» ablesen.

Ob den Leuten eine Person einfach nicht geheuer ist, die an einem Werktag nichts Besseres vorhat, als selbstlos Umarmungen zu verteilen? Zumindest reagierte ich so, als ich vor Jahren im Ausland auf die ersten «free Huggers» traf. Ich tippte damals auf eine Werbeaktion oder Taschendiebe.

Sobald ich meine Stimme ins Spiel bringe, sieht die Situation ganz anders aus. Die Leute schauen aufmerksamer, nehmen die Botschaft, eine Sekunde lang Glückshormone auszutauschen, in meinem enthusiastischen Ton wahr und laufen der Reihe nach in meine zur Umklammerung bereitgehaltenen Arme.


In weniger als einer Stunde haben mich über 20 fremde Menschen an sich gedrückt.
Nachdem der «International Hugging Day» – später im deutschen Sprachraum «Weltknuddeltag» benannt – am 21. Januar 1986 in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal begangen wurde, ist die Idee, die Leute mit gratis Umarmungen zu animieren, sich gegenseitig öfter ans Herz zu drücken, vor ein paar Jahren auch in Europa angekommen.

Der Reaktion meiner Versuchspersonen entsprechend waren die meisten Leute der Region bereits Zeugen solcher Aktionen.

Gleichwohl werden «free Hugs» eher auf belebten Plätzen grosser Städte erwartet. Umso freudiger reagieren die Menschen in Schlieren, dass sich jemand in die schwer zu knackende Agglo aufgemacht hat. «Das ist wahre Menschlichkeit!» ruft eine Frau euphorisch, bevor sie mir in die Arme rennt.

Als einsamen Spinner mit einem «Knuddel»-Schild in der Hand hatte ich mich vor dem Experiment auf dem Platz stehen sehen.

Als vielfach Umarmte, fest Gedrückte und Momente der Freude Bereitende kam ich aus dem Selbstversuch heraus.

Eine Umarmung, selbst die eines Fremden, scheint gut zu tun. Manche, die ich drücke, umarmen mich nach ihrer Tour durch den Supermarkt gleich noch einmal.

Der typische Knuddler

Frauen scheinen geneigter zu sein, sich von mir umarmen zu lassen. Männliche Passanten, vor allem solche jüngeren Jahrgangs, reagieren skeptischer auf meine weit ausgebreiteten Arme. «Meine Freundin würde mich umbringen», offenbart mir ein junger Mann seinen Verweigerungsgrund.

Ein gar nicht so abwegiger Gedanke in Zeiten, in denen jeder eine Kamera im Smartphone mitträgt und einen belastenden Beweis auch gleich in die sozialen Medien hochladen könnte.
Und wirklich nehmen einige ihr Handy hervor und halten diese lebende «Drückmaschine» auf der anderen Strassenseite fest.

Mit der Überschrift «jetzt gibt es diese Spinner schon im Limmattal» wähne ich mich bereits in einem Facebook-Post. Aber schliesslich geht es bei den Knuddelaktionen auch darum, die Idee der Zuneigungsbekundung unter den Mitmenschen zu verbreiten.

Der Versuch, meine Arme zur Verfügung zu stellen, um Menschen erleben zu lassen, dass selbst dies uns einen Moment lang Freude bereitet, scheint psychologisch ausgeklügelter, als ich mir vorgestellt habe.

«Welche Wirkung», überlegt man sich danach, «hätte wohl dieses Nähegefühl, wenn ich es öfter als bisher bei meinem Partner, meinem Kind oder meinem besten Freund anwende?»

Dabei ist der Akt der Umarmung natürlich symbolisch als Liebesbezeugung durch Berührung gedacht. Genauso funktioniert das Steicheln übers Haar, der Klaps auf den Rücken oder das Platzieren des Kopfs auf des anderen Schulter.