Pro Infirmis

Fredy Baumann hilft beim Bürokram: «Viele brauchen die Hilfe ein Leben lang»

Fredy Baumann während eines Treffens in der Wohnung eines Klienten. «Viele brauchen die Hilfe ein Leben lang», sagt er.Sandra Ardizzone

Fredy Baumann während eines Treffens in der Wohnung eines Klienten. «Viele brauchen die Hilfe ein Leben lang», sagt er.Sandra Ardizzone

Fredy Baumann unterstützt als Freiwilliger der Pro Infirmis im Treuhanddienst drei handicapierte Menschen bei Büroarbeiten.

Kilian Bianchi (Name geändert) ist inzwischen über 30 Jahre alt. Noch heute begleitet ihn ein Gespräch aus der Kindheit täglich. Ein Schulpsychologe meinte damals zu Bianchis Mutter: «Ihr Sohn wird nicht viel aus seinem Leben machen können. Er wird wahrscheinlich drogensüchtig oder landet im Gefängnis.»

Bianchi musste im Kindergarten eine Stufe wiederholen. Später wurde er von einer Sonderschule zur nächsten geschickt. Niemand wusste ihm recht zu helfen. Diagnose: Leseschwäche als Teil einer allgemeinen Lernbehinderung.

«Behindert finde ich ein blödes Wort. Ich sage lieber ‹handicapiert›», sagt Kilian heute, am Holztisch in seiner Stube in einem Mehrfamilienhaus im städtischen Teil des Limmattals. Ihm gegenüber sitzt Fredy Baumann, 71 Jahre alt, pensioniert und als Freiwilliger im Treuhanddienst der Pro Infirmis engagiert.

Hilfe wird von der Kesb empfohlen

Seit einem Jahr treffen sich die beiden hier einmal monatlich, um sich mit Bianchis Finanzen und dem ganzen weiteren Bürokram herumzuschlagen, zuletzt zum Beispiel auch mit der Steuererklärung. «Briefe von Ämtern haben oft ein hochgestochenes Deutsch. Wenn man sowieso schon eine Leseschwäche hat, ist es sehr schwierig, diese Briefe zu verstehen», sagt Kilian, dem die Hilfe der Pro Infirmis von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) empfohlen wurde. Zwar könne er jeweils Wort für Wort im Internet nachschauen und komme so doch zu einem gewissen Verständnis dieser Schreiben. «Aber auch so blicke ich nicht immer durch.»

Hier hilft ihm Baumann weiter, sodass Bianchi zum Beispiel diesen oder jenen Vertrag mit gutem Gewissen unterschreiben kann. Baumann, der als Freiwilliger im Treuhanddienst der Pro Infirmis derzeit drei Personen betreut, ist voll des Lobes für Bianchi: «Er ist sozusagen ein pflegeleichter Fall. Oft sind es Unsicherheiten in der Korrespondenz, die wir aus dem Weg räumen müssen.»

Zudem zahlt Bianchi all seine Rechnungen stets fristgerecht – viele andere Klienten des freiwilligen Treuhanddiensts sind hingegen verschuldet. «Ich habe schon früh gelernt, dass Schulden nicht gut sind», sagt Bianchi, der selber ein Budget führt. Und sich daran hält.

Das Ziel des freiwilligen Treuhanddiensts ist es, dass die Klienten sich dereinst alleine um diese Dinge kümmern können. «Viele brauchen die Hilfe aber ein Leben lang», sagt Baumann. Denn der Weg zur Selbstständigkeit ist auch davon abhängig, welche Diagnose respektive Krankheit jemand hat.

Bianchi lebt heute von einer Teil-Rente der Invalidenversicherung (IV), von seinem Lohn und von Zusatzleistungen. Er ist in einem Werkstatt-Betrieb der IV fest angestellt, in dem er schon seine Anlehre machte und wird von diesem Betrieb an eine private Firma ausgeliehen. In diesem Zusammenhang hat er schon oft im Messebau gearbeitet, aber auch an Kulissen für einen TV-Werbespot einer grossen Firma oder für Schweizer Kinofilme hat er schon mitgearbeitet.

Dann zeigt Bianchi auf das Regal in der Stube: «Das habe ich auch selbst gemacht.» Auch die beiden Tischchen vor dem Sofa stammen aus Bianchis Eigenproduktion, der nun seit gut drei Jahren hier lebt, nachdem er aus einer Jugendwohngruppe ausgezogen ist.

«Die Klienten sind sehr dankbar»

«Er ist ziemlich selbstständig», sagt Fredy Baumann über seinen Klienten. Bianchi erwidert: «Je mehr ich selber mache, desto mehr kann ich es dem Schulpsychologen von damals zeigen. Das ist mein innerer Antrieb.»

Baumann lacht. «Ich habe hier zwar eine nüchterne Aufgabe, aber man braucht trotzdem Gefühl, schliesslich hat man es mit Menschen zu tun», sagt er, der sich seit vier Jahren als Freiwilliger bei der Pro Infirmis engagiert. Seither verspürt er menschlich eine grosse Befriedigung. «Ich fühle mich nützlich und die Klienten sind sehr dankbar», sagt Baumann.

Pro Monat erhält er 50 Franken Spesen. Bianchi bezahlt der Pro Infirmis für die Dienstleistung eine Eigenleistung von 50 Franken. Die weiteren Aufwände, zum Beispiel die Personalkosten, die bei der Pro Infirmis anfallen, werden der Gemeinde in Rechnung gestellt. Stets legt Bianchi auch etwas Geld auf die Seite, um für Reisen zu sparen.

«Schon seit ich ein Kind bin, will ich mal Walfische in der Natur beobachten. Dafür will ich nach Norwegen gehen», erzählt er. Diesem Ziel kommt Bianchi immer näher. Der Schulpsychologe würde staunen.

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