Schlieren

Frauen in Technikberufen: «Die Schweiz braucht länger für gewisse Entwicklungen»

War selber 10 Jahre an der ETH: Béatrice Miller fördert Frauen, die sich für Technik interessieren.Annika Bütschi

War selber 10 Jahre an der ETH: Béatrice Miller fördert Frauen, die sich für Technik interessieren.Annika Bütschi

Béatrice Miller will mehr Frauen in technischen Berufen – dies aber nicht nur aus Gründen der Gleichberechtigung. Dem Fachkräftemangel in technischen Berufen könne mit der Einbindung von Frauen Abhilfe geschaffen werden.

Miller fände es schön, wenn der heutige Tag der Frau gar nicht nötig wäre. «Ich hoffe, dass er künftig überflüssig wird, weil dann Frauen und Männer gleichberechtigt sein werden», sagt sie. Die Schlieremerin organisiert im Auftrag der Schweizerischen Akademie für Technische Wissenschaften (SATW) die Frauenförderung in technischen Berufen. Auf den ersten Blick lässt sich eine steigende Tendenz ausmachen.

Während im Jahr 1990 erst 18 Prozent Frauen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) studierten, sind es heute bereits deren 31. Doch der Schein trügt. In klassischen Männerdomänen, wie Ingenieurwissenschaften, verharrt der Anteil der Studentinnen seit längerem bei 12 Prozent.

Diesen Prozentsatz will Béatrice Miller in die Höhe treiben. Doch wie überzeugt sie junge Frauen und Mädchen von einer Laufbahn als Ingenieurin, die in einem Vorlesungssaal voller Männer ihren Anfang nimmt? Von Überzeugen könne nicht die Rede sein, so Miller. «Es geht uns darum, die Berührungsängste, die Mädchen mit der Technik haben, zu überwinden und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken», sagt sie und verweist darauf, dass dies am besten über das Vermitteln von Erfolgserlebnissen geschehe. «Können die Mädchen zum Beispiel selber einen kleinen Roboter bauen, verlieren sie die Hemmungen.»

Um Berührungsängste abzubauen, organisierte Miller erstmals im Jahr 2007 einen Tec Day. An dem seither mehrmals jährlich in verschiedenen Mittelschulen durchgeführten Anlass referieren Berufsleute aus technischen Berufen über ihren Alltag, bieten den Mittelschülern somit einen Einblick in ihre Tätigkeit und laden in Miniprojekten zum Mitmachen ein.

Dass Mädchen mehr Respekt vor Technik hätten, habe damit zu tun, dass sie durch das Elternhaus und die Schule weniger an sie herangeführt würden, sagt Miller. Sie weiss, wovon sie spricht, wenn sie von einem Studium in einer männerlastigen Domäne erzählt. An der ETH studierte sie Lebensmittelingenieurwissenschaften, bis zum Doktortitel verbrachte sie zehn Jahre an der Institution. «Ausgegrenzt fühlte ich mich jedoch nie.»

Frauen fällen Kaufentscheide

Angeeckt wegen ihrer geschlechteratypischen Begabung sei sie in der Mittelschule. «Dass ein Mädchen nicht in Sprachen, sondern in Mathematik talentiert war, sorgte bei einigen Lehrern für Unverständnis», so Miller. Was sagt Miller zur Vorstellung mancher Menschen, dass sich Frauen und Männer aufgrund ihrer biologischen Voraussetzungen für oder gegen einen Beruf entscheiden? «Natürlich sind Männer und Frauen unterschiedlich. Aber die Bandbreite an Fähigkeiten und Interessen ist bei beiden Geschlechtern grösser, als sie die Verteilung auf die Berufe widerspiegelt.»

Neben dem Aspekt der Gleichberechtigung hat die Frauenförderung bei der SATW aber auch wirtschaftliche Beweggründe. Geschlechterdurchmischte Arbeitsgruppen bringen verschiedene Perspektiven ein und realisieren Projekte dadurch erfolgreicher, so Miller. «Zum Beispiel wurde früher bei Crashtests nur mit der männlichen Körperpostur geforscht, an die weibliche dachte man nicht.»

Der Wirtschaft sei damit gedient, wenn sie Produkte auf den Markt bringe, die von Frauen mitkonzipiert wurden. Der Clou dabei sei, dass eine Studie ergab, dass Frauen gegen 80 Prozent der Kaufentscheide fällen, so Miller lachend. Aber auch dem Fachkräftemangel in technischen Berufen könne mit der Einbindung von Frauen Abhilfe geschaffen werden, erklärt sie.

Wirtschaft lässt mit sich reden

«Den Mädchen die Ausbildung schmackhaft zu machen, ist das eine. Später im Beruf müssen die Firmen aber auch dafür sorgen, dass beispielsweise flexible Arbeitszeiten die Familienverträglichkeit fördern», so Miller. Die Faustregel, dass in klassischen Männerberufen besser verdient, in klassischen Frauenberufen aber besser Teilzeit gearbeitet werden könne, gilt noch heute.

Bereitet Miller die Mädchen, die sich für ein ETH-Studium interessieren, auch auf dieses künftige Problem vor? «Natürlich kommt dieses Thema zur Sprache. Aber einerseits scheint es mir wichtig, beruflich das zu tun, woran man Freude hat. Andererseits lassen Firmen auch mit sich reden, wenn sie merken, dass eine Frau mit Kind beruflich aktiv bleiben will», sagt sie.

In der Schweiz gibt es noch weniger Frauen in Männerberufen als in Nachbarländern. Laut Miller liegt dies daran, dass hier traditionell stark ausgeprägte Geschlechterstereotypen vorherrschen: «Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz später als anderswo eingeführt. Wir brauchen ein bisschen länger für gewisse Entwicklungen als andere.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1