Frauen in der Exekutive? Ja, davon hatten wir ein paar!» Das Strahlen auf dem Gesicht des Gemeindeschreibers überträgt sich selbst über die Telefonleitung. Viele waren es in dieser Gemeinde aber nicht: Fünf seit dem Jahr 1969, in dem der Kanton Zürich an der Urne bestimmte, Frauen in kommunalen Angelegenheiten das Stimmrecht zu gewähren. Im Bezirk Dietikon steht die Gemeinde, die hier als anonymes Beispiel dienen soll, mit einer solchen Bilanz alles andere als allein da.

Auch in den Städten Dietikon und Schlieren mit ihrem urbaneren sozialen Gewebe haben es noch nicht viele Frauen in die Regierung geschafft. In Dietikon gab es bisher fünf Stadträtinnen, die erste von ihnen war die mittlerweile 94-jährige Alice Maier – immerhin war das bereits 1974, also in der Legislaturperiode, die auf eidgenössischer Ebene die Einführung des Frauenstimmrechts sah. Für die politische Gleichberechtigung hatte Maier sich immer schon eingesetzt – «Frauen zahlen schliesslich auch Steuern, also sollten wir doch auch mitbestimmen dürfen», sagt sie heute.

Als ihre Partei, die CVP, sie anfragte, ob sie nicht für den Stadtrat kandidieren wolle, zweifelte sie keine Sekunde daran, dem Amt gewachsen zu sein. Als praktizierende Ärztin war es sich Maier zudem bestens gewöhnt, die einzige Frau im Raum zu sein; die Zusammenarbeit mit ihren männlichen Stadtratskollegen, die sie auch alle schon kannte, sei für sie nie schwierig gewesen. Dass sie nach acht Jahren zurücktrat, habe nur mit ihrem Beruf zu tun gehabt.

Bezirkshauptstadt in Männerhand

Auf Maier folgten über die nächsten 33 Jahre noch Maria Hagenbuch, Gertrud Disler, Marianne Landolt und die aktuelle Stadträtin Esther Tonini. Mehr als eine Frau in der Regierung hatte Dietikon nur von 1998 bis 2006, als Disler und Landolt gleichzeitig im Siebnergremium tätig waren. Seither ist es wieder nur je eine. Eine Stadtpräsidentin hatte Dietikon noch nie; das Amt ist, seit es dieses gibt, in Männerhand. Dafür war im Dietiker Gemeinderat bereits 1970 eine Frau vertreten: Theres Frech vom Landesring der Unabhängigen, die in ihrer langen politischen Karriere gleich mehrere Male eine «erste Frau» war: 1981 war sie als Gemeinderatspräsidentin die erste höchste Dietikerin, 1983 die erste Kantonsrätin des Bezirks.

In Schlieren kam die erste Gemeinderätin vier Jahre später als in Dietikon. In ein Parlament konnte man aber auch Männer erst 1974 wählen – vorher gab es noch gar keines. So politisierten im Schlieremer Gemeinderat von Beginn weg Frauen, wenn sie auch stets in der Minderheit waren. Eine der drei Frauen, die damals neben 30 männlichen Kollegen ins erste Parlament gewählt wurden, ist Rosmarie Mehlin. Die Journalistin, die in den 1970er-Jahren in Schlieren lebte, arbeitete damals für die sozial-liberale Migros-Tageszeitung «Die Tat»; so kam sie in Kontakt mit dem Landesring der Unabhängigen (LdU), für den sie schliesslich kandidierte. Politisch interessiert sei sie immer schon gewesen, und so kurz nach Erlangen des Frauenstimmrechts fand sie: «Wer A sagt, muss auch B sagen.» Will heissen: Wer fürs Frauenstimmrecht kämpft, muss dieses dann auch nutzen – auch das passive.

Dem LdU sei es damals wichtig gewesen, eine Frau im Gemeinderat zu haben, hatte sich die Partei doch zuvor auch für das Frauenstimmrecht eingesetzt. Als Mehlin vom Füllerplatz aus überraschend gewählt wurde, kniete sie sich voll rein, auch wenn sie bereits ihr Beruf schon fest beanspruchte – und der Ratsbetrieb eine ziemlich männliche Angelegenheit war. «Wir Frauen wurden nicht zur Seite geschoben, aber wir wurden auch nicht als vollwertige politische Mitglieder betrachtet», erinnert sie sich. Gelitten habe sie darunter nicht, sie war noch jung und wollte lernen. Mit ihrem ersten Geschäft – ein Postulat, das ein Bushäuschen an der Ringstrasse forderte – war sie gleich erfolgreich.

Als Mitglied der Geschäftsprüfungskommission habe sie sich aber eher still verhalten. An den Sitzungen hingegen habe sie manchmal über den eigenen Mut gestaunt, mit dem sie den Männern Paroli bot. Mehlins Zeit in der Gemeindepolitik war kurz: Als der LdU 1978 einen Sitz verlor, war ihre politische Karriere vorbei. Und es sollte noch weitere 12 Jahre dauern, bis in Schlieren mit Rita Geistlich (FDP) die erste Frau in den Stadtrat gewählt wurde. Auf sie folgten bisher erste drei weitere: Bea Capaul sowie die beiden aktuellen Stadträtinnen Bea Krebs und Manuela Stiefel.

Erste Stadtpräsidentin des Kantons

Doch als der Bann mit Geistlichs Wahl in den Stadtrat im Jahr 1990 erst einmal gebrochen war, ging es nicht lange, bis die Stadt ihr erstes weibliches Regierungsoberhaupt wählte: Vier Jahre später wurde sie im zweiten Wahlgang nicht nur die erste Stadtpräsidentin von Schlieren, sondern auch die erste im ganzen Kanton Zürich.

Darauf sei sie heute noch stolz, «natürlich, absolut», sagt sie auf Anfrage. Für sie sei aber damals nicht im Vordergrund gestanden, dass endlich mal eine Frau der Stadt vorsteht, sondern der persönliche Wille, mitzugestalten. Das unterschied sie allerdings von einem guten Teil des weiblichen Stimmvolks Schlierens: Für sie hätten damals vor allem sehr viele Frauen gestimmt, erinnert sich Geistlich, und zwar über die Parteigrenzen hinweg. Dasselbe hält Alice Maier aus Dietikon fest: Die Parteizugehörigkeit habe bei ihrer Wahl nicht die Hauptrolle gespielt, sagt sie, sondern die Begeisterung des Stimmvolks für eine weibliche Vertretung. Für Geistlich war es «eine schöne Sache, diese Solidarität von den Frauen aus der Bevölkerung zu spüren».

Im gleichen Jahr wie Geistlich wurde ennet der Limmat die erste Frau in ein Gemeindepräsidium gewählt. Verena Zbinden war damals schon vier Jahre (das erste weibliche) Mitglied der Weininger Exekutive, bevor sie fürs Präsidium antrat. Sie tat es, wie schon vier Jahre zuvor, eher widerwillig. Im Wahlkampf von 1990 hatte sie noch Glück: Weil sie gerade einen schweren Unfall gehabt hatte und lange Zeit im Spital verbrachte, musste sie sich im Wahlkampf nicht allzu fest exponieren. Das hatte schon andere Frauen der Gemeinde abgehalten, in die Politik einzusteigen, wie sie damals in Gesprächen vernommen habe. Sie hatten keine Lust auf Sprüche wie: «Die soll doch besser den Goofen schauen.»

Frauenboykott verhalf zum Sieg

Doch unter einem der beiden Männer weiterzuarbeiten, die sich nach dem überraschenden Rücktritt von Gemeindepräsident Jakob Haug für das Amt zur Verfügung stellten, konnte sich Zbinden genauso wenig vorstellen wie ihre Kollegen der Bürgervereinigung, dem heutigen Forum Weiningen. Der Wahlkampf war kein einfacher. Obwohl sich die damals 54-Jährige als Gemeinderätin während vier Jahren behauptet hatte, war die Frage «Ja, kann die denn das?» omnipräsent, erinnert sie sich – mehr, als man sich das, wenn überhaupt, bei einem Mann gefragt hätte. «Viele trauten einer Frau das Amt nicht zu, das wurde schnell klar.» Dabei sei sie in Weiningen nie «eine typische Frau» gewesen: Kinderlos und unverheiratet ist die damals freischaffende Journalistin, die bei der «Annabelle» das Ressort Kochen und Lebensmittel leitete, im Dorf immer schon etwas aus der Reihe getanzt.

Mitgeholfen beim Sieg im zweiten Wahlgang gaben dann paradoxerweise genau die Bestrebungen, eine Frau an der Spitze zu verhindern. Im ersten Wahlgang hatte sie schon mehr Stimmen, scheiterte aber am absoluten Mehr. Als einer ihrer beiden Mitstreiter danach aus dem Rennen stieg, stellte die SVP einen neuen Kandidaten – alles, nur keine Frau, schien das Ziel zu sein. Das goutierten viele, aber wohl vor allem Frauen in der Gemeinde, nicht. Sie sagten sich: Jetzt gehe ich erst recht an die Urne. Zbinden schaffte die Wahl mit mehr als doppelt so vielen Stimmen wie dem in letzter Minute eingestiegenen Konkurrenten. Problematischer war dann das Arbeiten im Rat: «Drei von sechs Kollegen hatten schliesslich gerade gegen mich verloren, das war am Anfang schon ziemlich ungemütlich», erinnert sie sich.

Ständig den Beweis erbringen

Insgesamt seien ihre männlichen Kollegen immer «so weit anständig zu mir» gewesen, sagt Zbinden, auch wenn sie sich erst einmal an den Ton in den Sitzungen gewöhnen musste. «Männer haben eine ganz andere Streitkultur als Frauen. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass man sich auch nach hitzigen Sachdiskussionen in der Beiz dann wieder vertragen kann.» Vieles, das Zbinden zu Beginn ihrer politischen Laufbahn Probleme bereitete, tut sie als normale, geschlechtsunabhängige Mühen in einem politischen Amt ab.

Doch sie sagt auch: «Anfangsschwierigkeiten haben alle, aber Frauen sicher mehr als Männer.» Sie führt das auch darauf zurück, dass Männern schon viel früher Erfahrungen mit hierarchischen Strukturen sammeln könnten, etwa im Militär oder in der Feuerwehr, die auch heute noch vornehmlich Männerdomänen sind. Das bereite besser auf ein politisches Amt vor, ist sie überzeugt. Als Frau habe sie zudem ständig den Beweis dafür erbringen müssen, dass sie fähig ist – bei Männern ging man einfach mal davon aus. Dass sie für andere Frauen der Gemeinde ein Vorbild war, sie motivierte, selbst politisch tätig zu werden, glaubt sie heute nicht mehr. Rückblickend habe sie feststellen müssen, dass der Effekt einer weiblichen Präsidentin bei den Frauen der Gemeinde eher der war: «Die kann das, doch ich könnte das nie.»

Heute, glaubt Zbinden, lasse sich die magere Vertretung von Frauen in der Gemeindepolitik mit einem höheren Bildungsstandard erklären. Die meisten Frauen, die heute neben der Familie – die immer noch hauptsächlich als ihre Verantwortung angesehen wird – arbeiten können, würden dies lieber für einen guten Lohn tun, anstatt ihre Zeit für die Gemeindepolitik zu opfern. «Das kann man ihnen auch nicht verübeln», so Zbinden.

Mehr Frauen in der Gemeindepolitik wünscht sich Rita Geistlich. «Wir stellen schliesslich auch den grösseren Teil der Bevölkerung dar.» Sie ist überzeugt, dass die Familienarbeit im Laufe der Zeit gleichmässiger unter den Geschlechtern aufgeteilt werden wird; «die alten Rollenbilder verändern sich, aber nicht so schnell», sagt sie. Als sie damals das Gemeindepräsidium übernahm, waren bereits die ersten Enkelkinder da; als junge Mutter hätte sie sich in Ermangelung von institutionalisierten Betreuungsangeboten der Aufgabe aber noch kaum widmen können.

«Schon viel passiert»

Auch Sandra Rottensteiner hatte das Glück, dass ihre beiden Kinder schon fast flügge waren, als sie in die Politik einstieg. Die Urdorferin ist zurzeit das einzige weibliche Gemeindeoberhaupt im Bezirk. Auch sie bedauert, dass Frauen in Exekutiven heute noch eine Seltenheit sind. Sie führt dies hauptsächlich darauf zurück, dass familiäre Betreuungsaufgaben noch immer vorderhand als Frauensache wahrgenommen werden; neben Familie und Beruf auch noch ein politisches Amt auszuführen, sei wohl vielen zu anstrengend. Rottensteiner ist überzeugt, dass eine ausgewogenere weibliche Vertretung in politischen Ämtern eine Frage der Zeit ist, «auch, weil in Sachen Bildung und Beruf schon viel passiert ist – noch nicht genug zwar, aber viel».

Als sie sich damals entschloss, zu kandidieren, habe sie es überhaupt nicht als aussergewöhnlich oder gar historisch wahrgenommen, als Frau anzutreten. Erst im Vorfeld der Wahlen von 2010 – in denen Rottensteiner konkurrenzlos fürs Präsidium kandidierte – habe sie gemerkt, dass manche auf diesen Moment gewartet hatten. «Ich hörte ab und zu, wie toll es sei, dass nun endlich eine Frau an der Reihe ist», erinnert sie sich. Sie politisiere als Frau nicht anders als ihre männlichen Kollegen, sagt sie – gegen Pauschalisierungen à la «Männer sind so, Frauen so» wehrt sie sich ohnehin. Hingegen glaubt sie, dass manche Frauen durchaus ein «geschärfteres Sensorium» oder eine bessere Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, in ein politisches Amt mitbringen können. «Männer und Frauen können sich gut ergänzen, in der Politik wie auch privat.» Nicht ernst genommen oder überhaupt anders behandelt aufgrund ihres Geschlechts fühlte sich Rottensteiner nie, sagt sie. «Aber es ist schon so: Egal, wo ich auftrete, bin ich als Frau in der Minderheit.» Sie habe das nie gestört: «Ich nehme mir meinen Raum einfach ein.»

Gar kein Verständnis hat sie hingegen für die andauernde Benachteiligung der Frau in der Arbeitswelt, für Lohndiskriminierung – «ein Armutszeugnis für die heutige Zeit» – und die tief verankerten Strukturen, die noch immer vor allem Männer in Vollzeit- und verantwortungsvolle Positionen hievt, während für Frauen ein Kinderwunsch häufig das Karriereende bedeutet. Schön fände sie es, wenn dies ohne politische Druckmittel wie eine Frauenquote ein baldiges Ende fände – «aber anscheinend klappt es mit der Freiwilligkeit ja einfach nicht».