Dietikon
Frau mit Identitätsstörung betrügt Krankenkasse – Bezirksgericht ordnet Gutachten an

Eine Frau soll ihre Krankenkasse um 55'000 Franken betrogen haben. Das Dietiker Bezirksgericht kann aber noch kein Urteil fällen.

Louis Probst
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Die Beschuldigte leidet gemäss Verteidiger unter einer schweren dissozialen Identitätsstörung. Diese äussere sich in Stresssituationen.

Die Beschuldigte leidet gemäss Verteidiger unter einer schweren dissozialen Identitätsstörung. Diese äussere sich in Stresssituationen.

Bettina Hamilton-Irvine

Die Liste weist eine eindrückliche Länge auf: Mehr als 50-mal hatte die Frau ihrer Krankenversicherung, mit der sie für sich und ihre beiden Töchter eine Zusatzversicherung für komplementärmedizinische Behandlungen abgeschlossen hatte, Quittungen für medizinische Massagen eingereicht. Meist lauteten die Rechnungen – oft drei mit dem gleichen Datum – auf einen Betrag von 1150 Franken. Über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg zahlte die Versicherung insgesamt mehr als 55'000 Franken aus.

Nachdem die Frau, die als Therapeutin in medizinischen Praxen tätig war, an einem andern Arbeitsort versucht hatte, mit der gleichen Masche bei ihrer Versicherung weitere knapp 8000 Franken locker zu machen, war man ihr auf die Schliche gekommen. Die Versicherung erstattete Anzeige.

Anklage spricht von Betrug und Urkundenfälschung

In der Folge erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen gewerbsmässigen Betrugs sowie mehrfacher Urkundenfälschung. Nach Erkenntnis der Staatsanwaltschaft hatte die Frau die Quittungen selber fabriziert, wobei sie die Unterschriften von real existierenden medizinischen Masseurinnen verwendete. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatte die Frau willentlich und wissentlich gehandelt und auch im Bewusstsein, dass der Versicherer aufgrund der vielen bei ihm eingehenden Rechnungen gar nicht in der Lage sein würde, jede einzelne Rechnung zu prüfen. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 70 Franken – entsprechend 12'600 Franken – und eine Busse von 3000 Franken.

In dieser Woche stand die Beschuldigte, eine gut 50 Jahre alte Schweizerin, vor dem Bezirksgericht Dietikon. Erschienen war sie mit ihrem amtlichen Verteidiger. Begleitet wurde sie auch von ihren beiden erwachsenen Töchtern und ihrer Psychotherapeutin.

Meine Mandantin kann – wegen Amnesien – keine Auskünfte geben.

(Quelle: Der Verteidiger)

Eingangs der Verhandlung vor Bezirksrichter Benedikt Hoffmann stellte der Verteidiger den Antrag, dass zunächst ein fachärztliches Gutachten eingeholt wird, ob seine Mandantin überhaupt schuldfähig sei.

Der Verteidiger machte geltend, dass die Beschuldigte unter einer schweren dissozialen Identitätsstörung leide, was sich bei Stresssituationen äussere. Bis zum Vorliegen eines Gutachtens sei das Verfahren zu sistieren. Wie der Verteidiger einräumte, sei zwar im Vorfeld der Verhandlung ein Antrag auf ein Gutachten abgelehnt worden. Die Staatsanwaltschaft habe damals erklärt, dass es sich bei der geltend gemachten Identitätsstörung um eine reine Schutzbehauptung handle. «Aufgrund ihres Leidens hatte meine Mandantin keine exekutive Kontrolle über ihr Verhalten gehabt, und sie kann – wegen Amnesien – auch keine Auskünfte geben», erklärte der Verteidiger und verwies auch auf Neuerungen bei der Definition von Persönlichkeitsstörungen in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und sich daraus ergebende Konsequenzen.

Identitätsstörung ist gemäss Verteidiger keine Schutzbehauptung

Der Verteidiger meint: «Es bestehen ernsthafte Zweifel an der Schuldfähigkeit. Auch die Prozessfähigkeit meiner Mandantin steht in Frage. Bei der Identitätsstörung handelt es sich in keiner Art und Weise um eine Schutzbehauptung. Die Beschuldigte hat ja gegenüber der Versicherung eine Schuldanerkennung unterzeichnet.»

Nach kurzer Beratung entschied das Bezirksgericht, die Verhandlung abzubrechen und die Erstellung eines Gutachtens anzuordnen.

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