Violett-rosafarbene Päckchen sind auf dem Arbeitstisch verteilt. In ihnen befindet sich jeweils eine Dose mit Gesichtscreme zur Tagespflege. Es handelt sich um eines der zahlreichen dermatologischen Produkte des Schlieremer Traditionsunternehmens Louis Widmer. Nichts darf durcheinanderkommen, denn es geht gerade darum, die Produkte an die verschiedenen Abnehmer in über einem Dutzend Länder zu versenden. Hochkonzentriert blickt Rebecca Läuchli auf den Produktionsauftrag, dann wieder auf den Tisch. Flink nimmt sie die Päckchen und legt sie in den Karton, der in Kürze nach Polen transportiert werden wird. Ihr Tempo beeindruckt. Etwa 20 Frauen arbeiten im selben Raum, sind teils für andere Schritte des Verpackungs- und Versandprozesses zuständig – alle tragen sie jedoch die hellblaue Arbeitsuniform der Konfektionsabteilung des Unternehmens, die für diese Schritte verantwortlich ist.

Von den Maschinen in den Produktionsräumen, die durch eine dicke Glasscheibe von der Konfektion getrennt sind, und ihren Mitarbeiterinnen vernimmt Läuchli nichts – zumindest keine Geräusche. Die Dietikerin ist seit ihrer Geburt gehörlos. «Meine Eltern entdeckten dies, als ich zweijährig war», übersetzt eine Dolmetscherin die Gebärdensprache der jungen Frau. Ihre Mimik und Gestik reichert sie mit kurzen Lauten an. Es sind einige rollende «R» dabei, die für das ungeschulte Ohr anfänglich unverständlich sind. Im Verlauf der Unterhaltung beginnt man jedoch, Fragmente zu verstehen.

Nach der obligatorischen Schulzeit in einer Institution für Gehörlose absolvierte die heute 31-Jährige eine Ausbildung in Fällanden zur Logistikerin mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis. Sie war die einzige Gehörlose im Betrieb. «Anfänglich hatte ich Schwierigkeiten mit dem Lippenlesen, da jede Person ein anderes Mundbild hat», so Läuchli. Doch sei dies blosse Gewöhnungssache, und schliesslich habe sie sich gut integriert. Nach drei Jahren Anstellung beendete Läuchli das Arbeitsverhältnis und machte sich auf die Suche nach einer neuen Stelle. Dies gestaltete sich aber schwieriger, als sie anfänglich gedacht hatte. «Stets hoffte ich, dass ich eine Chance auf eine Anstellung erhalte, doch zog sich dies über zwei Jahre hin.»

«Es ist ein zu grosser Aufwand»

Dass es Menschen mit einer Beeinträchtigung schwer haben auf dem Arbeitsmarkt, musste Läuchli zwischen Ende 2014 und 2016 am eigenen Leib erfahren. Es sei sehr frustrierend, so viele Absagen zu erhalten. Doch was am meisten an ihr genagt habe, sei, dass viele Arbeitnehmer sie noch nicht einmal kennenlernen wollten. Lediglich bei drei Unternehmen ergatterte sie einen Termin für ein Vorstellungsgespräch.

Rebecca Läuchli arbeitet seit dem letzten November bei Louis Widmer: Sie will, dass auch andere Menschen     mit Beeinträchtigung eine Chance in der Arbeitswelt erhalten.

Rebecca Läuchli arbeitet seit dem letzten November bei Louis Widmer: Sie will, dass auch andere Menschen     mit Beeinträchtigung eine Chance in der Arbeitswelt erhalten.  

Dass sich nicht alle Arbeitgeber überhaupt vorstellen können, eine Person mit Beeinträchtigung zu beschäftigen, bestätigt Felix Steinmann, Teamleiter im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in Dietikon. Obwohl Menschen wie Läuchli sämtliche Qualifikationen mitbringen, hätten viele Arbeitgeber grosse Berührungsängste. «Dies etwa, weil man den Bewerber nicht kurz und unkompliziert telefonisch kontaktieren kann oder beim Bewerbungsgespräch ein Übersetzer anwesend sein muss. Vielen ist dies ein zu grosser Aufwand noch vor dem ersten Kennenlernen», sagt er.

Für Läuchli war es ein Frust. «Liest ein Chef auf dem Lebenslauf, dass man gehörlos ist, wird man oft aussortiert. Das ist nicht fair», sagt sie. Steinmann kennt viele Menschen wie Läuchli. Er unterrichtete im privaten Rahmen einen Gehörlosen im Vorfeld einer Aufnahmeprüfung. «Damals entbrannte mein Feuer für diese Menschen.» Mehr und mehr befasste er sich mit deren Bedürfnissen im Alltag. Heute ist er im Dietiker RAV informell für die Vermittlung Gehörloser zuständig. Im vergangenen Jahr betreute er zwei Klienten, die inzwischen erfolgreich vermittelt werden konnten.

Die Zeiten, als sich Läuchli und Steinmann, gesäumt von einer Vielzahl anderer Involvierter, regelmässig trafen, um ihre Stellensuche zu evaluieren, scheint in weite Ferne gerückt. Denn seit vergangenem November hat sie eine Festanstellung in der Abteilung Konfektion von Louis Widmer. «Frau Läuchli arbeitet sehr selbstständig und ist bei etlichen Aufträgen die Tätschmeisterin», sagt Susanna Betschmann, Leiterin Konfektion beim Kosmetik- und Pharmaunternehmen und somit Läuchlis direkte Vorgesetzte.

Vier Bezugspersonen für Läuchli

Die Anstellung beim Traditionsunternehmen begann bereits im letzten Sommer – mit einer dreimonatigen Stelle als Aushilfskraft. Damals traf das Unternehmen besondere Massnahmen, wie Betschmann erklärt. «Wir wählten vier Mitarbeiterinnen aus, die mit Frau Läuchli in regem Austausch sein würden. Sie sollten sie begleiten», sagt sie. Die Vorfreude auf die neue Kollegin sei gross gewesen, die Bezugspersonen hätten sich gar privilegiert gefühlt.

Beim Entscheid zur Festanstellung vom vergangenen November habe das Unternehmen bei der Planung nicht mehr darauf Rücksicht nehmen können, dass Läuchli stets mit einer ihrer Bezugspersonen zusammenarbeitet. «Dies ist heute aber auch nicht mehr notwendig.» Eine Mitarbeiterin, die bereits zuvor lebhaft gestikulierte und so wohl den Draht zu Läuchli fand, habe sich gar aus eigenen Stücken das Gebärdensprache-Alphabet beigebracht. «Frau Läuchli ist heute gut integriert.»

Diese Erfolgsgeschichte ist für Steinmann eine Genugtuung. Zwar habe Läuchlis Ehrgeiz und Wille massgeblich zum Erfolg beigetragen: Doch seien stets auch andere Akteure am Prozess beteiligt gewesen. Neben dem RAV, der Gehörlosenberatungsstelle, verschiedenen Übersetzern und Vertretern der Invalidenversicherung (IV) waren dies auch Vertreter von Louis Widmer. Zentral sei es, dass man offen sei für den Umgang mit Menschen mit Einschränkungen.

RAV-Personalberater Andreas Maurer, der in engem Kontakt mit Unternehmen steht und ebenfalls am Vermittlungsprozess von Läuchli beteiligt war, wünscht sich mehr Offenheit. «Den Unternehmen muss man erklären, dass im elektronischen Schriftverkehr mit Frau Läuchli hin und wieder ein Schreibfehler enthalten sein kann.» Trotzdem können damit nicht alle Hürden überwunden werden: «Erfahren Unternehmen von einer Beeinträchtigung eines Kandidaten, wird der Bewerbungsprozess oft gestoppt.» Man wolle sich die Zeit nicht nehmen, auf diese Menschen einzugehen. «Dabei können solche Einschränkungen auch zu einer Stärke werden.»

Zusammenarbeit führte zur erfolgreichen Vermittlung: Andreas Maurer, RAV Dietikon, Susanna Betschmann, Konfektionsleiterin Louis Widmer, Marcel Langenauer, Geschäftsführung Louis Widmer, Rebecca Läuchli und Felix Steinmann, RAV Dietikon.

Zusammenarbeit führte zur erfolgreichen Vermittlung: Andreas Maurer, RAV Dietikon, Susanna Betschmann, Konfektionsleiterin Louis Widmer, Marcel Langenauer, Geschäftsführung Louis Widmer, Rebecca Läuchli und Felix Steinmann, RAV Dietikon. 

Einschränkung als Vorteil

Läuchli nickt energisch. «Diese Vorzüge gilt es auszunutzen. Ich bin beispielsweise hoch konzentriert während der Arbeit und schwatze nicht. Zudem bin ich ein visueller Mensch und erkenne sofort, wenn es eine Lücke in einem Karton hat. Auch sind meine Finger flink.» Auch Betschmann nickt. «Überwindet man die ersten Berührungsängste und setzt sich damit auseinander, was es heisst, einen beeinträchtigten Menschen zu beschäftigten, kann ein Unternehmen von den genannten Vorzügen profitieren.»

Ausdrucksstark artikulieren

Was heisst es denn genau, mit einem gehörlosen Menschen zusammenzuarbeiten? «Meine Mitarbeiter sprechen Schriftdeutsch mit mir, sodass ich einfacher Lippenlesen kann», sagt Läuchli. Verstehen sie die Mitarbeiter nicht, schreibt sie ihre Nachricht auf ein Blatt Papier. Auch könne man sie nicht einfach rufen wie andere Angestellte, sondern müsse mit einer Berührung an der Schulter auf sich aufmerksam machen. «Auch braucht es beispielsweise Blickkontakt beim Sprechen und man sollte auch ausdrucksstark artikulieren und gestikulieren – dies macht vieles leichter», so Läuchli. Prozesse, die sich bei Louis Widmer eingespielt haben.

Zurück an ihrem Arbeitsplatz warten viele Pendenzen auf die junge Frau. So müssen die Päckchen mit der Gesichtscreme noch mit einem kleinen Spachtel versehen werden, bevor sie nach Polen versandt werden können. Bis 16 Uhr dauert Läuchlis Arbeitstag jeweils. «Es macht mir viel Freude, und genau das wünsche ich mir auch für andere Menschen mit Beeinträchtigung. Auch sie verdienen eine Chance in der Arbeitswelt.»