Geroldswil
Franziska aus Niedersachsen verbringt Traumferien im Limmattal

Dreieinhalb sorglose Wochen verbringt die achtjährige Franziska, die drei Geschwister hat, diesen Sommer im Limmattal – wie schon letztes Jahr. Ermöglicht werden diese Ferien durch das Schweizer Kinderhilfswerk Kovive.

Nicole Emmenegger
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Franziska geniesst mit dem Hund ihrer Gasteltern sorglose Sommertage in Geroldswil. nem

Franziska geniesst mit dem Hund ihrer Gasteltern sorglose Sommertage in Geroldswil. nem

Limmattaler Zeitung

Noch wirkt sie schüchtern, die achtjährige Franziska aus Niedersachsen (D). Das Mädchen mit dem roten Bauernzopf und den frechen Zahnlücken sitzt am Esstisch der Familie Sterchi in Geroldswil. Offenbar konzentriert bemalt und beschriftet sie das Deckblatt für ihr Ferientagebuch mit Filzstiften. Nur ab und zu ein scheuer Blick auf die Journalistin. «Sommerferien 2011 in der Schweits» steht auf dem Deckblatt geschrieben.

Beim Blick ins Tagebuch und auf die vielen Fotos darin taut Franziska auf. Die Erinnerungen an die ersten Ferientage mit ihrer Gastfamilie sprudeln nur so hervor: die Geburtstagsfeier von Gastvater Franz Sterchi auf dem Altberg-Aussichtsturm in Oetwil, die Fahrt mit der Dampfbahn über die Furka-Bergstrecke. «Wir haben sogar einen Gletsch gesehen», erzählt das Mädchen. «Einen Gletscher», korrigiert Gastmutter Sterchi, die ebenfalls Franziska heisst und vom Mädchen liebevoll «Franzi» genannt wird.

Neue Kraft für die Kinder

Dreieinhalb sorglose Wochen verbringt Franziska, die drei Geschwister hat, diesen Sommer im Limmattal – wie schon letztes Jahr. Ermöglicht werden diese Ferien durch das Schweizer Kinderhilfswerk Kovive. Dieses sucht und betreut Schweizer Gastfamilien für Kinder aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die zu Hause in schwierigen sozialen Verhältnissen leben (siehe Infobox). Bei den Gastfamilien, die ihre Ausgaben für die Kinder selber finanzieren, sollen sie sich erholen und Kraft schöpfen können für ihre Entwicklung.

Wie das Spassprogramm in der Schweiz auszusehen hat, davon haben die Kinder konkrete Vorstellungen, wie Franziska Sterchi sagt: «Die Kinder aus Deutschland fahren gemeinsam mit dem Zug in die Schweiz. Unterwegs erzählen sie einander von den letztjährigen Erlebnissen. Wenn wir die Kinder am Bahnhof abholen, wissen sie bereits: Wir wollen in den Zoo oder ins Alpamare.»

Rodeln im Freizeitpark auf dem Atzmännig SG steht zuoberst auf Franziskas diesjähriger Wunschliste. Auf dem Laptop ihrer Gastmutter zeigt sie die Fotos vom letzten Som-
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mer: Sie und der Gastvater seien zusammen «Karacho runter gerodelt» steht in der kurzen Bildlegende, die das Mädchen selber getextet hat. «Wir möchten Franziska ein paar Dinge ermöglichen, die sich ihre Familie nicht leisten kann. Geld soll für einmal kein Thema sein», sagt die Gastmutter.

Keine Luxusferien

Überhäufen mit Luxus will sie ihr Ferienkind aber nicht – denn bei ihrer Rückkehr soll die kleine Franziska ihre Eltern nicht mit unerfüllbaren Wünschen konfrontieren: «Ich liefere deshalb bewusst Freizeitideen wie Bräteln im Wald, die kaum etwas kosten und die sie auch zu Hause umsetzen kann.» Dass die genauso Spass machen können wie teurere Ausflüge, beweist Franziskas begeisterter Ausruf beim nächsten Foto auf dem Laptop: «Sieh mal, da haben wir Steine geschliffen! Meine Omi trägt die Kette mit dem Steinanhänger heute noch.»

Golden Retriever Gismo trottet ins Wohnzimmer und legt sich unter den Tisch. «A dog», sagt Franziska und lächelt stolz. Zusammen mit ihrer Gastmutter hat sie in den letzten Tagen ein paar Worte Englisch gelernt – als Vorbereitung auf ihre ersten Englischstunden nach den Sommerferien. «Ich schaue darauf, dass wir ab und zu etwas für die Schule machen. Ich habe da mehr Zeit und Möglichkeiten als ihre Eltern», sagt die Geroldswilerin, die sich während des Besuchs ihres Gastkindes jeweils Büroferien nimmt.

Sie liest mit Franziska Bücher wie «Hanny und Nanny», schickt sie in den Schwimmkurs ins Schlieremer Freibad und unterstützt sie beim Schreiben des Ferientagebuchs. Wo Franziska in der Schule aufholen muss, weiss sie genau: Das Mädchen schickt ihr unter dem Jahr ihre Zeugnisse zu, man telefoniert, schreibt sich E-Mails. «Nicht alle Gastfamilien haben ausserhalb der Ferien Kontakt mit den Kindern. Franziskas Eltern hatten jedoch nichts dagegen», sagt Sterchi.

Hilfswerk stärkt den Rücken

Sie und ihr Mann laden seit sechs Jahren Kinder nach Geroldswil ein. «Ehrlich gesagt, war mir schlicht und einfach etwas langweilig, weil meine zwei Töchter dem Bastel- und Ausflugsalter entwachsen sind», sagt sie zur anfänglichen Motivation. Es sei ein Geben und Nehmen zwischen Gasteltern und -kindern. Nicht immer allerdings verlaufen die Ferien ganz sorglos: Ein Junge sei bei ihnen ohne gleichaltrige Kinder im Haus «nicht so glücklich gewesen», erinnert sich die Gastmutter. Im nächsten Jahr sei er durch Kovive an eine junge Familie vermittelt worden. «Kovive steht immer im Hintergrund und unterstützt uns Gasteltern bei Problemen», lobt sie.

Die quirlige Franziska bereitet den Geroldswilern keine Sorgen. «Sie macht es uns leicht», sagt Sterchi. «Heute Abend werde ich euch beim Uno-Spielen besiegen!», verkündet Franziska mit einem breiten Grinsen und plaudert anschliessend ohne Unterbruch über Ponys, Minigolf und «Roooodeln». Selbst der Abschied von Franziska vor deren Rückreise nach Deutschland falle jeweils nicht allzu schwer, erzählt die Gastmutter: «Sie hat es gut mit ihren Eltern und den Geschwistern und freut sich immer darauf, ihnen von den Abenteuern in der Schweiz zu erzählen.»