Altersforscher

François Höpflinger: «Die Leute haben ein veraltetes Bild von Altersinstitutionen»

François Höpflinger: «Das Bild des Alterns in der Gesellschaft hat sich nicht verbessert. Aber man zählt sich selbst später zu den Alten.»

François Höpflinger: «Das Bild des Alterns in der Gesellschaft hat sich nicht verbessert. Aber man zählt sich selbst später zu den Alten.»

François Höpflinger erklärt, wie sich Altersinstitutionen im Lauf der Zeit verändert haben, wie sie im Umfeld eines zusehends umkämpften Personalmarkts konkurrenzfähig bleiben können und wieso wir bei Besuchen im Heim auch mal die Stille ertragen sollten.

Herr Höpflinger, nie waren in der Schweiz so viele Menschen alt wie heute. Erleben diese das Altern anders, als es die Menschen früher taten?

François Höpflinger*: Ja. Der Altersprozess verzögert sich; die Leute bleiben länger gesund und selbstständig und werden viel später hilfs- und pflegebedürftig. Früher fühlten sich die Leute schon mit 60, 70 Jahren sehr alt – heute erst so ab 80, 85. Das heisst nicht, dass sich das Bild des Alterns in der Gesellschaft verbessert hätte. Aber man zählt sich selbst später zu den Alten.

Früher war die Alterssorge häufig Sache der Familie ...

Das stimmt eben gar nicht. Hierzulande gab es früher viel weniger Drei-Generationen-Haushalte, als man heute denkt – nur schon, weil die Leute jünger starben und sich dadurch die Pflege erübrigte. In vielen Kantonen wurde alte Leute schon im 18. Jahrhundert vor allem in sogenannten Bürgerheimen untergebracht, zusammen mit Armen und Kranken. Ein Trend weg von der familialen zur kommunalen Altersversorgung ist in der Schweiz sogar schon seit dem 16. Jahrhundert zu erkennen. In vielen Ländern war und ist das anders. Deshalb gibt es in Schweizer Alterseinrichtungen auch heute noch mehr Menschen der Generationen 80 und 90 Plus als in unseren Nachbarländern.

Die guten alten Zeiten der Drei-Generationen-Haushalte sind also ein Mythos?

Es kam natürlich schon vor, dass Leute von der Familie gepflegt wurden. Man hat früher aber auch die Pflegebedürftigkeit anders definiert: Die Leute mussten einfach mithelfen, solange es noch irgendwie ging. Zudem zogen die älteren Generationen häufig ins Stöckli; sie wurden aus dem Familienhaushalt also ausgelagert.

Wie haben sich Altersinstitutionen in der jüngeren Vergangenheit verändert?

Ende des 19. Jahrhunderts begann eine Differenzierung zwischen psychisch, körperlich und sozial Schwächeren, die zuvor zusammen in Heimen untergebracht wurden: Die kriminellen geistig Geschädigten kamen ins Gefängnis, die anderen ins Irrenhaus, die Alten ins Altersasyl und die armen Kinder ins Waisenhaus. Eine weitere Veränderung passierte in den letzten 30 bis 40 Jahren, in denen man vom klassischen «Altersheim» weggekommen und mehr in Richtung Pflegezentrum gegangen ist.

Was heisst das?

Heute gehen Menschen viel später in eine Pflegeeinrichtung: Das Eintrittsalter beträgt je nach Kanton 84 bis 87 Jahre. Das liegt daran, dass man heute hauptsächlich in eine Altersinstitution eintritt, wenn eine schwere Einschränkung vorliegt, wobei die Hauptursache eine demenzielle Erkrankung ist. Bei rund zwei Dritteln der Bewohner einer Altersinstitution liegt eine solche vor. Zudem versucht man heute vermehrt, verschiedene Pflegeformen zu kombinieren. So gibt es vermehrt Zentren, die neben der Pflegeabteilung Alterswohnungen anbieten. So muss man bei einer Verschlechterung des Zustands nicht umziehen, weil man von den Zentrums-Dienstleistungen profitieren kann.

Was hat sich sonst noch geändert?

Früher wurden viele Heime nach dem Spitalprinzip erstellt. Heute setzt man auf eine Architektur, die eine freundliche, helle Atmosphäre erzeugt. Man versucht auch, den Leuten mehr Freiräume und Privatsphäre zu lassen. Das Personal ist geschult, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, wenn es die Zeit zulässt, und auch die Qualität der Küche ist vielerorts sehr gut. Zudem wird mehr auf die Biografie der Bewohner geachtet und damit auch auf das psychische Wohlbefinden.

Dennoch hört man von alternden Leuten oft: «Nur nicht ins Altersheim!» Wieso ist die Institution so negativ besetzt?

Weil die Leute ein veraltetes Bild haben von solchen Institutionen. Menschen, die geistig noch mobil sind, kann ein Besuch im Alterszentrum abschrecken, weil dort sehr alte und immobile Leute wohnen. Dabei bieten diese Institutionen vielen Menschen eine höhere Pflege- und Lebensqualität, als das beim Verbleib im eigenen Zuhause der Fall ist. Es wird stark auf Aktivierung gesetzt, hinzu kommt der soziale Aspekt. Die negative Besetzung rührt auch daher, dass man in der Regel erst ins Heim geht, wenn man alleine nicht mehr zurechtkommt. Und der Verlust der Selbstständigkeit ist an sich nichts Schönes.

Wir werden immer älter. Was sind die grössten Herausforderungen der Zukunft?

Die Kosten der Langzeitpflege werden ansteigen, wobei diese gleichzeitig Einnahmen sind: Die Altenpflege generiert schliesslich auch Arbeitsplätze. Doch die Gemeinden geraten immer stärker Druck; früher oder später müssen neue Finanzierungsmodelle gefunden werden. Ein weiteres Problem ist die Pflegepersonalknappheit, die sich weltweit abzeichnet. Deshalb investieren heute viele Pflegeinstitutionen in ihre Konkurrenzfähigkeit: Man achtet auf ein gutes Betriebsklima oder bietet etwa Kindertagesstätten im Haus an. Gemeinden, die hier geschickt vorgehen, sind im Vorteil. Auch, weil durch attraktive Arbeitsplätze für junge Familien die demografische Alterung der Bevölkerung reduziert wird.

Lange waren Altersheime Sache der Gemeinden, heute drängen auch Private auf den Markt – mit welchen Folgen?

Private bevorzugen tendenziell eher Leute, die den Aufenthalt selbst zahlen können. Die grosse Frage ist, ob das zu einer Zweiklassengesellschaft im Altersbereich führt. Auf die Pflegequalität muss das allerdings keine Auswirkungen haben. So kann auch in einer privaten Einrichtung die Qualität, etwa durch einen brutaleren Preiskampf, beeinträchtigt werden. Andererseits investiert die Schweiz viel in ihre staatlichen Einrichtungen. Das sieht man auch am Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon mit seiner modernen Architektur und zentralen Lage. Verglichen mit gewissen Einrichtungen im Ausland sind solche Häuser Luxusresidenzen.

Als Zukunftsmodell werden auch Alters-WGs gehandelt.

Altershausgemeinschaften sind vor allem für Leute im dritten Lebensalter mit sozialen Interessen eine Option. Für pflegebedürftige Menschen im hohen Alter funktioniert die Wohnform nicht. Ohnehin ist diese in der Schweiz nicht bedeutsam: Weniger als ein Prozent leben heute in solchen Gemeinschaften und sie werden wohl ein interessantes Randphänomen bleiben. Hierzulande gibt es dafür einfach zu wenig Wohnraum.

Wie wichtig ist der intergenerationelle Austausch im Alter?

Das kommt auf den Menschen an. Einige sind sehr interessiert daran, andere haben Mühe damit, weil jüngere Generationen sie an die eigene verlorene Kindheit und Jugend erinnern. Zum Beispiel bei ehemaligen Verdingkindern kann das schmerzliche Erinnerungen hervorrufen. Bei Demenzkranken kann demgegenüber auch der Umgang mit Gleichaltrigen schwierig sein. Ich erinnere mich etwa an einen Mann, der seine Frau nach einer Weile im Heim nicht mehr akzeptieren konnte, weil er sich zu fest an ihr Porträtfoto aus ihrer Jugend gewöhnt hatte. Der intergenerationelle Austausch ist in Altersinstitutionen übrigens ohnehin gegeben: Das Personal ist immer jünger als die Bewohner.

Was ist mit Kontakten untereinander?

Es gibt sicher die Situationen, in denen im Heim Freundschaften entstehen. Das Problem ist, dass die neuen Freunde jederzeit sterben und diese Verlustängste zu Kontaktscheue führen können. Andererseits gibt es untereinander auch Eifersüchteleien – ich habe etwa schon Rollatorenkämpfe erlebt. Generell kann man sagen, dass im Alter viele auf soziale Kontakte verzichten, weil sie ihnen schlicht zu anstrengend sind. Das muss nicht heissen, dass sie sich nicht über einen Besuch freuen. Aber nach zehn Minuten haben sie dann vielleicht auch wieder genug.

Führt das nicht zu Vereinsamung?

Wir müssen akzeptieren können, dass manche alte Leute auch einfach mal auf dem Bänkli sitzen und nichts tun. Als Aussenstehende können wir das kaum ertragen und haben das Gefühl, wir müssen etwas dagegen tun. Wenn jemand zehn Minuten lang kein Wort sagt, ist das für ihn selbst gar kein Problem, für den Besucher aber schon.

*François Höpflinger (68) ist Alters- und Generationenforscher. Von 1994 bis 2013 war er Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich.

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Autor

Sophie Rüesch

Sophie Rüesch

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