Birmensdorf
Forstingenieur Andreas Zingg forscht, wo andere spazieren

Der Forstingenieur Andreas Zingg wurde für die Untersuchung eines speziellen Waldtyps ausgezeichnet.

Darina Schweizer
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Ob hier im Dietiker Eichenwald oder von Buchen umgeben: Waldforscher Andreas Zingg fühlt sich in jedem Wald wohl. Seit 26 Jahren sind die Schweizer Wälder sein Untersuchungslabor.

Ob hier im Dietiker Eichenwald oder von Buchen umgeben: Waldforscher Andreas Zingg fühlt sich in jedem Wald wohl. Seit 26 Jahren sind die Schweizer Wälder sein Untersuchungslabor.

Darina Schweizer

Bei den Bäumen sei es nicht wie bei den Menschen, sagt Andreas Zingg. «Während es bei uns im Laufe des Alters mit der Lebenskraft bergab geht, können selbst 200-jährige Buchen noch sehr vital sein – auch wenn man ihnen das von aussen nicht ansieht.» Wenn der 65-Jährige über Bäume spricht, spürt man, welch inniges Verhältnis er zu ihnen pflegt. Kein Wunder, hat er doch schon fast sein halbes Leben lang täglich mit ihnen zu tun. Seit 26 Jahren untersucht der Forstingenieur für die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) mit Sitz in Birmensdorf verschiedene Schweizer Waldtypen. Für die Erforschung des Plenterwaldes, aus dem immer nur einzelne – statt wie bei Kahlschlägen sämtliche – Bäume entnommen werden, wurde er Ende März von der Stiftung «Pro Silva Helvetica» ausgezeichnet.

«Gerade ich, der immer gesagt hat, er wolle nie in die Inventur, geschweige denn Forschung betreiben», so Zingg lachend. Jetzt sei er aber glücklich darüber, dass er nach der ETH diesen Weg eingeschlagen habe. Als Eisenbahnfan geniesst er es, in der ganzen Schweiz umherzureisen und Versuchsflächen zu besuchen.

Besonders faszinieren ihn diejenigen, auf denen er Plenterwälder untersucht. Aus diesen Wäldern werden im Unterschied zu Kahlschlägen, bei denen alle Bäume einer bestimmten Waldfläche entnommen werden, nur einzelne Bäume entfernt. Auf den ersten Blick ähnelt der Plenterwald einem Urwald, denn in ihm stehen Bäume mit den unterschiedlichsten Stammdicken wild durchmischt nebeneinander. «Man sieht es zwar kaum, aber der Mensch greift in Plenterwäldern durchaus ein. Wenn auch nur dezent.» Es werden nur die Bäume entfernt, die einen bestimmten Durchmesser erreicht haben und «reif» für die Ernte sind. Und davon auch nur so viele, wie in einer gewissen Zeitspanne nachgewachsen sind – der Holzvorrat in einem Plenterwald ist also immer gleich gross. «Es ist eine sehr nachhaltige Bewirtschaftungsform», betont Zingg. Diese führt aber immer wieder zu Auseinandersetzungen unter Experten.

Viele seiner Kollegen halten von der Plenterung nämlich wenig. Die meisten Forscher würden in 3-Jahres-Zyklen denken und schnell Resultate sehen wollen, so Zingg. Das ist bei Plenterwäldern aber nicht möglich: Rund 100 Jahre dauert es, bis sich ein solcher Wald vollständig entwickelt hat. «Da wir nur alle acht Jahre vor Ort gehen und die Durchmesser der Bäume ausmessen, kann man nach dreien noch nicht viel sagen», so Zingg. Trotzdem ist er nach wie vor überzeugt, dass nicht nur mit Fichten, Buchen und Weistannen, die für gewöhnlich in einem Plenterwald stehen, geplentert werden kann, sondern mit allen Baumarten. Bei solchen, die viel Licht benötigen, müsse beispielsweise einfach darauf geachtet werden, dass sie nicht zu nah beieinander stehen und Schatten auf die jungen werfen. «Funktionieren wird es meiner Meinung nach auch in diesem Fall mit dem Plentern. Bis wir es beweisen können, wird es mich wohl aber nicht mehr geben», sagt Zingg.

In der letzten Zeit hat er sich deshalb daran gemacht, alle seine Erkenntnisse vor der Pensionierung so zu dokumentieren, dass sie für seine Nachfolger an der WSL verständlich und gut auffindbar sind.

Adliger kam an seine Führung

Auch in diversen Fachzeitschriften hat Zingg wichtige Artikel veröffentlicht. Doch ein anderer Aspekt war ihm ebenso wichtig: «Nebst dem Schreiben von wissenschaftlichen Texten führte ich gerne auch Führungen und Exkursionen durch, um die Leute zu beraten», sagt Zingg. Sogar ein Besucher mit Adelstitel nahm einmal an einer seiner Führungen teil. Aber auch Waldbesitzer, die sich überlegten, Plenterwälder anzulegen, waren an den Führungen oder Beratungen interessiert. Überzeugen konnte sie Zingg nicht immer. «Das gelang mir nur, wenn sie grundsätzlich offen waren für Plenterung«, sagt er.

Als Forscher habe er aber immer eine grosse Beharrlichkeit gezeigt und damit einen grossen Beitrag zur Plenterwald-Forschung geleistet, so Arthur Sandri vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). «Das ehrt mich natürlich, denn dasselbe sagt man auch über den Forstwissenschafter Karl Kasthofer», so Zingg. Kasthofers Kopf ist auf der Kasthofer-Medaille eingraviert, die die Stiftung «Pro Silva Helvetica» Zingg überreicht hat. Sicher und stolz bewahrt er sie in einem schwarzen Schächtelchen auf.

Nach seiner Pensionierung Ende Juli begibt sich Zingg auf eine grosse Reise. Sie führt ihn weit über die Forschungsflächen in der Schweiz hinaus: Von den USA über Südamerika bis zur Antarktis und Afrika. Sein Fortbewegungsmittel wird auch dann seine geliebte Eisenbahn sein. «An Wäldern werde ich wohl auch damit immer wieder vorbeikommen», sagt Zingg und schmunzelt.