Die orange Fassade des markanten Wohnungsneubaus direkt beim Bahnhof Glanzenberg wird von einem kleinen roten Fleck gebrochen. Wer genauer hinsieht, liest die Aufschrift «1:12». Die Juso-Initiative, über die das Stimmvolk am 24. November befindet, spaltet die Wählerschaft. In einer kürzlich erschienenen SRG-Umfrage zeigte sich, dass 44 Prozent der Befragten für die 1:12-Initiative und 44 Prozent dagegen votieren würden.

Dass es jedoch schwierig ist, die Folgen einer nationalen Initiative für die regionale Wirtschaft zu beziffern, wird klar, wenn die Politiker ihre Argumente auspacken. Gespräche mit Limmattaler Befürwortern und Gegnern zeigen, warum.

Der Schlieremer Kantonsrat Andreas Geistlich (FDP) verweist beispielsweise darauf, dass der Bezirk nicht isoliert betrachtet werden könne, da die Limmattaler Wirtschaft «vielfältig und vernetzt» sei. Die Frage, ob seine eigene Firma Geistlich Biomaterials unter der Initiative leiden würde, beantwortet er hingegen mit einem klaren Ja. «Das kompetitive Umfeld in der Medizinaltechnik hat eine grosse Lohnspanne zur Folge. Wir wollen und müssen hoch qualifizierten Spezialisten eine adäquate Entschädigung bieten», erklärt er. Daran würde ihn die Initiative der Juso hindern, so Geistlich. Detaillierte Zahlen gibt das Unternehmen jedoch keine bekannt.

Rosmarie Joss, Dietiker Kantonsrätin der Sozialdemokraten, möchte diese Zahlen zuerst sehen, bevor sie Andreas Geistlich glaubt. «Bei einem Tiefstlohn von 4000 Franken müsste die Firma ihrem Kader also Löhne von über 650 000 Franken pro Jahr zahlen. Das glaube ich nicht», hält sie fest. Für Joss ist jedenfalls klar, dass die grosse Mehrheit der Limmattaler Unternehmen von der Initiative nicht in Bedrängnis gebracht würden: «Im Limmattal hat es grösstenteils Gewerbetreibende. Überrissene Löhne zahlt diese Branche schon heute nicht», sagt sie.

Argumente bleiben unverändert

Geistlich verweist darauf, dass bei einer Annahme der Initiative der Handlungsspielraum der Firmen eingeschränkt, die Personalsuche erschwert und indirekt die AHV-Beiträge erhöht würden. Rosmarie Joss hält fest, dass es nicht um eine staatlich festgesetzte Lohnobergrenze gehe, die Initiative einen Rückschritt zur Vernunft ermögliche und die Zufriedenheit der Arbeitnehmer gesteigert werden könne, wenn sie für eine «faire» Unternehmung tätig seien. Die Argumente der Gegner und Befürworter sind auf regionaler Ebene gleich wie diejenigen der Exponenten auf nationaler Ebene.

ETH-Studie gibt Hinweise

Wie viele Firmen in der Schweiz von der Annahme der Initiative tangiert wären, darüber gibt es unterschiedliche Studien. In derjenigen der unabhängigen Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich, die kürzlich erschien, wird angenommen, dass unter den rund 300 000 in der Schweiz aktiven Unternehmen, bei 1000 bis 1300 der bestbezahlte Angestellte zwölf Mal mehr verdient als der schlechtest bezahlte - Dies entspricht rund 0,4 Prozent aller Firmen. Diese müssten ihre Lohnpolitik anpassen, falls die Initiative angenommen wird.

26 Prozent dieser Unternehmen stammen aus der Finanz- und Versicherungsbranche, 11,6 Prozent aus dem Grosshandel und 9,9 Prozent aus dem Bereich Unternehmensberatung, heisst es in der Studie weiter. Zusammengezählt kommen somit insgesamt knapp die Hälfte der Firmen, die von der Initiative betroffen wären, aus diesen drei Branchen. Dabei könnte eine Häufung solcher Unternehmen in einer Region darauf hinweisen, dass die Umsetzung der Initiative das wirtschaftliche Klima verändern könnte.

Rechnerisch 15 Prozent betroffen

Im Bezirk Dietikon gibt es laut kantonalem Amt für Statistik 3873 Arbeitsstätten. Gemäss der Annahme der KOF, dass schweizweit 0,4 Prozent der Unternehmen von der Initiative betroffen wären, ergäbe dies die Anzahl von 15 Unternehmen im Bezirk.

Auch die drei laut KOF am frappantesten tangierten Branchen sind im Bezirk Dietikon vertreten: 71 Arbeitgeber bieten Finanz- und Versicherungsdienstleistungen an, 208 Unternehmensberatung; den Grosshandel führt das Amt für Statistik des Kantons nicht als Kategorie auf. Die zusammengezählt 279 Betriebe entsprechen einem Anteil von 7,2 Prozent aller Arbeitsstätten in der Region.

Der Anteil dieser Branchen an der Gesamtschweizer Wirtschaft liegt bei rund 11,8 Prozent. Das heisst, dass sich im Bezirk Dietikon im Vergleich zum Wirtschaftsplatz Schweiz weniger Firmen angesiedelt haben, die in einem der drei Bereiche tätig sind.