Integration
Flüchtlingskinder im Limmattal: Als Erstes wird intensiv Deutsch gebüffelt

Die Einschulung von Flüchtlingskindern läuft im Limmattal unterschiedlich ab. Spezielle Aufnahmeklassen bilden die Ausnahme. Gerade in kleinen Gemeinden werden die Kinder direkt in die Regeklasse integriert.

Tobias Hänni
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Schule

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bz Basellandschaftliche Zeitung

In den Durchgangszentren des Kantons Zürich wurden Anfang Dezember 700 Flüchtlingskinder und -jugendliche unterrichtet. Die Aufnahmeklassen in den Zentren bilden die erste Stufe der Einschulung, die allen Kindern – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus – zusteht (Kontext). Wenn die Kinder im Rahmen des geltenden Asylverfahrens den Gemeinden zugeteilt werden, erfolgt dort der zweite Schritt ins Schweizer Schulsystem. Doch wie sieht dieser an den Schulen im Limmattal aus?

Alltag für Schlierens Schulen

In Schlieren und Dietikon bestehen dafür spezielle Aufnahmeklassen. In diesen werden aber nicht nur Flüchtlingskinder unterrichtet, sondern etwa auch Kinder, die über den Familiennachzug in die Schweiz kommen und über keine oder wenig Deutschkenntnisse verfügen.

Laut Bea Krebs, Ressortvorsteherin Bildung und Jugend, gibt es in Schlieren je eine Aufnahmeklasse für die Primar- und die Sekundarstufe. «In diesen werden Schülerinnen und Schüler mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen für längstens ein Jahr zugeteilt und auf die Regelklasse vorbereitet», sagt Krebs.

Darüber hinaus sei es aufgrund des grossen Anteils an fremdsprachigen Einwohnern für die Schlieremer Schulen Alltag, Kinder mit sprachlichen Defiziten in die Regelklassen zu integrieren. Laut Krebs sind denn auch alle städtischen Schulen Teil des kantonalen Programms «Qualität in multikulturellen Schulen» (QUIMS), mit dem an Schulen mit ausgeprägt multikultureller Zusammensetzung die Sprache, der Schulerfolg und die soziale Integration gefördert werden.

Regelklassen ungeeignet

Auch in Dietikon sind sämtliche staatlichen Schulen dem QUIMS-Programm angeschlossen. Darüber hinaus gibt es hier drei spezielle Aufnahmeklassen: Je eine für die Unter-, die Mittel- und die Oberstufe. Diese werden nun im zweiten Jahr betrieben. «Es gab zwar schon vor ein paar Jahren ein ähnliches Konzept mit Kleinklassen», sagt Simone Fahme, Leiterin des Schulhauses Zentral, wo die Aufnahmeklassen angesiedelt sind.

Die Stadt habe diese dann aber vor rund zehn Jahren zugunsten einer neuen integrativen Förderung reduziert und die betroffenen Kinder mit zusätzlicher Unterstützung in die Regelklassen überführt. Dieser Weg habe sich für Dietikon mit seinem hohen Ausländeranteil langfristig aber als untauglich erwiesen, so Fahme. «Für die Lehrpersonen war die Herausforderung zu gross. Und für die Kinder war es aufgrund sprachlicher Defizite und Rückstände beim Lernstoff schwierig, sich zu integrieren.»

Mit den nun wiederbelebten Aufnahmeklassen, die derzeit evaluiert werden, habe man bislang gute Erfahrungen gemacht, sagt Fahme. «Die Kinder können ihre sprachlichen und stofflichen Defizite aufarbeiten. Und gerade Flüchtlingskindern, die viel durchmachen mussten, werden Stabilität und Sicherheit geboten.» Wie in Schlieren bleiben auch in Dietikon ausländische Schüler für höchstens ein Jahr in den Aufnahmeklassen. «Wenn ein Kind schnelle Fortschritte macht und bereit für die Regelklasse ist, wird es nicht gebremst», sagt Fahme. Ziel sei die möglichst schnelle Integration in den regulären Unterricht.

Zu klein für Aufnahmeklasse

Sowohl in Schlieren als auch in Dietikon gibt es die Aufnahmeklassen erst ab der 2. Primarklasse – jüngere Kinder kommen direkt in den regulären Kindergarten oder die 1. Klasse und werden parallel dazu in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichtet. Kleinere Gemeinden in der Region gehen in der Regel auch bei älteren fremdsprachigen Kindern und Jugendlichen so vor. Dabei beginnen die Schüler aber oft vor dem Beitritt in eine Regelklasse mit dem Sprachunterricht. Etwa an der Schule Urdorf. «Damit klären wir ihre sprachlichen Fähigkeiten ab und entscheiden dann, welcher Klasse sie zugeteilt werden», sagt Françoise Schnellmann, Ressortvorsteherin Sonderpädagogik.

Ähnlich schult die Sekundarschule Weiningen fremdsprachige Schüler ein: Die Jugendlichen werden zunächst in einen Kurs der Sprach- und Integrationsschule Allegra in Dübendorf oder in Zürich geschickt. «Dort lernen sie ungefähr sechs Monate lang Deutsch, bevor sie einer Regelklasse beitreten», sagt Schulpflegepräsidentin Ingrid Donatsch. Für eine spezielle Integrationsklasse wie in Dietikon und Schlieren gebe es in Weiningen zu wenig fremdsprachige Schüler. Das gilt auch für die Primarschule Unterengstringen, wie Schulleiter Beda Durschei sagt. Kinder ab der Mittelstufe werden auch hier in die Allegra geschickt oder, wenn dort freie Plätze vorhanden sind, in eine Aufnahmeklasse in Schlieren.

In Oberengstringen läuft die Einschulung ähnlich ab: Laut Sabine Gartenmann, Leiterin der Schule Goldschmied-Sunnerai-Halde, werden Oberstufenschüler die ersten Monate extern in Deutsch unterrichtet. «Und für Primarschüler mit keinerlei Deutschkenntnissen führen wir einen Aufnahmeunterricht durch.» Dieser sei eine Zwischenlösung zwischen einer Aufnahmeklasse, für welche die Schule zu klein sei, und den DaZ-Kursen, die «nicht ausreichen». Im Aufnahmeunterricht werde «so intensiv wie möglich» Deutsch gelernt, aber auch etwa Mathematik. «Für Fächer wie Sport oder Handarbeit, in denen die Sprache nicht so wichtig ist, besuchen die Kinder aber die Regelklasse», sagt Gartenmann.

Eine Herausforderung bei der Einschulung insbesondere von Kindern aus dem arabischen Raum sei die Alphabetisierung. Allerdings ist die Oberengstringer Schule derzeit kaum von dieser Herausforderung betroffen. «Wir haben seit zwei Jahren eine syrische Familie mit fünf Kindern.» Der Grossteil der fremdsprachigen Schüler komme aber aus Ländern wie beispielsweise Portugal, Spanien oder Brasilien.

Vor allem junge Männer

Überhaupt betrifft die Einschulung von Flüchtlingskindern aus den aktuellen Krisenländern im Nahen Osten derzeit wenige Schulen im Limmattal. Vielen wurden vom Kanton erst gar keine Asylsuchende im schulpflichtigen Alter zugewiesen. «Wir übernahmen zuletzt vor etwa zwei Jahren eine Flüchtlingsfamilie mit Kindern», sagt Monika Mäder, Schulleiterin der Primarschule Birmensdorf. Auch in Dietikon, deren Aufnahmeklassen laut Simone Fahme vom Schulhaus Zentral gut ausgelastet sind, wird derzeit kein Flüchtlingskind unterrichtet.

Und zur Situation in Schlieren sagt Ressortvorsteherin Bea Krebs: «Wir haben Mitte Januar im Zusammenhang mit der Anhebung der Aufnahmequote vor allem junge Männer zugeteilt erhalten.» Es sei deshalb keine grosse Zunahme von schulpflichtigen Flüchtlingskindern zu erwarten. Allerdings könne sich dies jederzeit ändern, «der Kanton plant in diesem Bereich kurzfristig».

Zahlen zu bereits eingeschulten Flüchtlingen an Schlieremer Schulen kann Krebs keine liefern. «Die Schule führt keine Statistik über den Aufenthaltsstatus der Kinder und kennt diesen in der Regel auch nicht.» Auch andere Schulen können zur Anzahl Flüchtlingskinder in ihren Klassen keine Auskunft geben. «Wir kennen den genaueren Hintergrund der Kinder nicht», sagt Regula Salm, Leiterin der Primarschule Geroldswil-Oetwil.