Dietikon
Flüchtlingsbetreuer spricht offen: «Das grösste Problem ist ihre Unzuverlässigkeit»

Flüchtlingsbetreuer Daniel Gerber erzählte in einer Radiosendung über seine Erfahrungen. Dabei sparte er auch Kritik an seinen Schützlingen nicht aus.

Gabriele Heigl
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Eines der Dietiker Flüchtlingsprojekte, das erfolgreich läuft, ist das «Café Mitenand» im Kirchgemeindehaus in der Poststrasse, an dem sich die Besucher am Töggeli-Kasten versuchen können.

Eines der Dietiker Flüchtlingsprojekte, das erfolgreich läuft, ist das «Café Mitenand» im Kirchgemeindehaus in der Poststrasse, an dem sich die Besucher am Töggeli-Kasten versuchen können.

zvg

Diese kritischen Töne hätte man nicht erwartet. Schonungslos spricht da ein Mann der Kirche von seinen oft auch negativen Erfahrungen mit Flüchtlingen. Er sagt Sätze wie: «Ich verstehe das Verhalten der Flüchtlinge oft nicht.» Und: «Man wird auch über den Tisch gezogen.» Erfrischend, diese Offenheit.

Es gibt wahrscheinlich niemanden in Dietikon, der mehr Erfahrung in der Flüchtlingsbetreuung hat, als Daniel Gerber. Der Sozialdiakon und Leiter Flüchtlingsprojekte der Reformierten Kirchgemeinde Dietikon koordiniert die Aktionen, unterstützt die freiwilligen Helfer und treibt die Kooperation der Dietiker Kirchgemeinden voran. Das hat sich bis zum Pfäffiker Radiosender Life Channel herumgesprochen, der Gerber eingeladen hat. Der Hörfunkbeitrag «Mein Nachbar, der Asylant» in dem Sender, der sich mit Themen rund um den christlichen Glauben befasst, wurde am vergangenen Montag und Dienstag ausgestrahlt und kann nachgehört werden.

Entschädigung für Frustrationen

Moderator Ruedi Josuran scheut sich nicht, auch die heiklen Punkte in der Flüchtlingsbetreuung anzusprechen, etwa die spezielle Situation in Dietikon mit seinem sowieso schon hohen Ausländeranteil von 41 Prozent und einem Sozialhilfebezüger-Anteil von 7 Prozent. Gerber: «Ich finde es sehr gut, dass die Schweiz Flüchtlinge aufnimmt, aber wir müssen aufpassen, dass wir die bedürftigen Schweizer nicht vergessen. Wir müssen dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, begegnen.»

Daniel Gerber Sozialdiakon und Leiter Flüchtlingsprojekte der Reformierten Kirche Dietikon

Daniel Gerber Sozialdiakon und Leiter Flüchtlingsprojekte der Reformierten Kirche Dietikon

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Nicht alle Dietiker Flüchtlingsprojekte hätten sich bewährt, weiss Gerber zu berichten. «Das grösste Problem vor dem wir stehen – neben den schlechten Deutschkenntnissen –, ist die Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit der Flüchtlinge», so Gerber. Da melden sich zehn für eine Wanderung oder eine Führung an, und es kämen zwei. Da stellen drei Dietiker Musiker ihre Instrumente und Freizeit zur Verfügung und bleiben nach ein paar Malen unter sich. Gerber: «Das ist mühsam und frustrierend, und stellt die Helfer vor die Frage, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt.» Auch er fragt sich: Müssen wir das akzeptieren? Bin ich bereit, das auszuhalten, auch wenn ich über den Tisch gezogen werde? Aber Gerber kann auch von schönen Erlebnissen berichten, von Horizonterweiterungen, von herzlichen Begegnungen, von grosser, strahlender Freude bei den Asylbewerbern, von besonderen Gesprächen im Flüchtlings-«Café Mitenand», die für viele Frustrationen entschädigen. Dennoch wisse man nie, wie ein Projekt laufen wird. «Das ist anders, als wenn ich eine Veranstaltung für Schweizer plane», meint er und lacht. Man müsse sich immer wieder darauf einlassen und positiv herangehen.

Keine Dankbarkeit erwarten

Von der Bibel ist in der Radiosendung nur einmal die Rede. Dafür bleibt dieser Teil aber besonders im Gedächtnis haften. Als es um seine theologische Motivation geht, nennt Gerber das Gleichnis mit dem barmherzigen Samariter. Dabei handelt es sich wohl um den bekanntesten Bibel-Appell für eine tätige Nächstenliebe. Auch für Gerber ist es eine wichtige Handlungsanleitung, und er liefert interessante Interpretationen dazu, die einem ungeübten Bibel-Exegeten entgehen.

Die Hilfe des Samariters habe ihre Grenzen, meint er. Dieser helfe nicht tagelang. «Man will den Flüchtlingen dabei helfen, dass sie wieder auf die Beine kommen. Aber ich muss sehen, dass der Bedürftige das auch will. Ansonsten muss ich mich selber schützen.» Man dürfe aber nicht vergessen, dass es bei der Flüchtlingsbetreuung nicht um Politik gehe. «Kirche hat einen anderen Auftrag.» Diese Menschen seien nun einmal da und bräuchten Hilfe. Lediglich Dankbarkeit dürfe man nicht erwarten. «Nirgendwo im Samariter-Gleichnis steht, dass dem Retter gedankt wurde. Wer ‹danke› sagen muss, bleibt abhängig. Bei der Hilfe des Samariters handelt es sich um einen Gnadenakt», so Gerber.

Nachhören lohnt sich

Die 50-minütige Sendung kann man über den Link auf der Seite www.ref-dietikon.ch oder auf www.lifechannel.ch nachhören. Dafür oben rechts im Feld Quicklink/Suchen den Namen Daniel Gerber eingeben. Die Sendung lief in der Reihe Kompass unter dem Titel «Mein Nachbar, der Asylant».