Unterengstringen
Flötist Ivan Denes gestaltet eine Musikausstellung

Dass Ivan Denes mit dem Querflötenspiel begonnen hat, verdankt er dem Zufall. Nächste Woche wird in Zürich das Abschlussprojekt seines Masterstudiums aufgeführt.

Lukas Brügger
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ZVG

Die Sonne scheint, es ist Sommer, die Temperaturen betragen aufgrund der Höhenlage von über 3600 Meter angenehme 18 Grad. Wir befinden uns in den Neunzigerjahren, Sánchez de Lozada ist Präsident von Bolivien. Die Autos und Passanten bahnen sich den Weg durch den chaotischen Verkehr – ein gewöhnlicher Tag in der über 700 000 Einwohner zählenden Hauptstadt La Paz. Irgendwo inmitten der Metropole sitzt der kleine Ivan Denes vor dem Piano. Lust zum Üben hat er aber keine.

Das Instrument langweilt ihn. Denes’ Mutter hat ihn zum Musikmachen motiviert. Doch der 6-Jährige und das Piano passen nicht zusammen, obwohl er aus einer musikalischen Familie stammt, in der das Instrument bereits eine wichtige Rolle spielte. Seine Grossmutter war Pianistin, die Urgrossmutter Komponistin und die Mutter Amateurmusikerin.

Studium in Zürich

Heute lebt Denes in Unterengstringen und studiert an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) bei Matthias Ziegler. Denes spielt leidenschaftlich gern Querflöte und präsentiert am 10. Januar sein Master-Projekt «Musik für Flötisten-Solo», das den Abschluss seines Masterstudiums an der ZHdK bildet. Aus dem Jungen, der nicht Piano spielen wollte, ist also ein Querflöten-Virtuose geworden.

Angefangen hat alles mit einem grossen Zufall. Nachdem es mit dem Piano nicht geklappt hatte, da die Lehrerin den unmotivierten Knaben nicht mehr unterrichten wollte, suchte die Mutter einen neuen Platz an der Musikschule. Die Anmeldefrist war aber bereits vorbei. Die Mutter hoffte, mit gutem Zureden bei den Verantwortlichen der Musikschule noch einen Platz für ihren Jungen ergattern zu können. Und siehe da, Querflöten-Schülerinnen und -Schüler waren noch gesucht. Wie es der Zufall wollte, war es Liebe auf den ersten Ton. Ivan Denes hatte sein Instrument gefunden.

Schon als Kind erfolgreich

Sein Talent wurde bereits früh erkannt. Als Kind spielte er im Kinderorchester der Musikschule. Nur die besten Schülerinnen und Schüler schafften es in die Gruppe. Mit 17 Jahren musizierte er im nationalen Symphonieorchester Boliviens. Bereits früh schloss er das Studium am Nationalen Konservatorium für Musik in La Paz mit dem Bachelor ab.

«Mit 12 Jahren war für mich klar, dass ich Musiker werden möchte», sagt Denes, der die letzten Jahre Deutsch gelernt hat und seit 2010 im Kanton Zürich lebt. Sein Vater ist Schweizer, deshalb hatte er schon früh eine Bindung zum Alpenland. «Nach dem Bachelor war der Zeitpunkt reif, um in die Schweiz zu kommen», sagt Denes.

Umgang mit neuer Kultur

Auch seine Halbschwester und sein Bruder leben hier. So hatte der damals 21-Jährige bereits ein soziales Umfeld. Trotzdem musste sich der Bolivier an die neue Kultur gewöhnen: «Die Leute funktionieren hier anders.» So könne man hier nicht spontan Menschen anquatschen, man müsse vorsichtiger sein – für den offenen und aufgestellten Südamerikaner, der selber viel lacht, ist das nicht immer leicht. Ein Kulturunterschied sei aber besonders auffällig, sagt Denes: «In Bolivien antwortet man bei Anfragen nicht einfach mit ‹Nein›. Man sagt: ‹Ich werde mal schauen, ich melde mich› – obwohl man das vielleicht nie tut.» In der Schweiz musste er lernen, exakte Termine zu vereinbaren und auch mal «Nein» zu sagen.

An Denes’ Master-Projekt sind zahlreiche Künstler beteiligt, er selbst fungiert als Organisator. Das Musikprojekt findet an einem unkonventionellen Ort Stadt: im Museum Bellerive. «Im Museum erreichen wir eine andere Art von Aufmerksamkeit beim Publikum», sagt Denes.

Gemäss Pressetext beginnt das Konzert gewöhnlich, verwandelt sich aber im Laufe der Aufführung in eine Ausstellung von Musikern und ihren Interpretationen. Denes mag zwar die klassischen Konzerte auch, erklärt aber: «Es geht darum, neue Möglichkeiten zu erproben – weg vom konventionellen Schema mit sitzendem Publikum und Musikern auf der Bühne.»

Will später unterrichten

Nach dem Master strebt der junge Flötist das Musikpädagogik-Diplom an. Dazu muss er aber zuerst eine Aufnahmeprüfung bestehen. Falls dies klappt, wird Denes, der bereits heute Querflötenunterricht gibt, später mit einem Lehrerdiplom auch für die öffentlichen Schulen arbeiten können.

Bis auf weiteres wird Denes also in Unterengstringen bleiben. «Ich lebe sehr gerne hier, ich mag die Region und meine Wohngemeinde», sagt Denes. Wo es ihn langfristig hinziehen wird, weiss der Flötist noch nicht: «Vielleicht werde ich auch pendeln – ein halbes Jahr Schweiz, ein halbes Jahr Bolivien. Doch das ist noch nicht sicher.» Denes weiss: Im Gegensatz zur Berufskarriere ist das Leben nicht immer planbar.

Die Projektaufführung «Musik für Flötisten-Solo» findet am 10. Januar um 19.30 Uhr im Museum Bellerive in Zürich statt. Der Eintritt für Erwachsene beträgt 9 Franken, für Studierende und Kinder 6 Franken.