Sie sind überall: an der sonnenbeschienenen Fassade des Schlosses Versailles, auf dem Kirchplatz in Dietikon, am Gartenzaun der Nachbarn und im Gefrierraum von Christoph Scheidegger. Gemeint sind die Flechten. Flechten sind Pilze, die jeweils zusammen mit Algen in einer symbiotischen Gemeinschaft leben. Ihre Farben variieren von schwarz bis grün oder gelb, doch meist übersieht man sie.

Trotz der grossen Ausbreitung und ihrer Fähigkeit, sich an extreme Temperaturen anzupassen, zählen ein Drittel der Flechten zu den bedrohten Arten. Ein Mann, der sich einen Grossteil seines Lebens intensiv mit diesen farbigen Organismen auseinandergesetzt hat, ist der Wissenschaftler Christoph Scheidegger. Er erforscht die Flechten seit Jahren in der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf. Um das Geheimnis der Flechten und ihrer Anpassungsfähigkeit zu entdecken, wandert er sowohl durch alpines Gebiet als auch durch die Wälder des Limmattals. Im Gefrierraum des Wissenschaftszentrums hat er Hunderte Flechtenproben der vergangenen Jahre gelagert.
Der Wissenschaftler erzählt in seinem Büro, was ihn an seinem Beruf fasziniert und wie er sich auch bei Minustemperaturen warm hält.

Wie lange arbeiten Sie schon in den Kältelaboratorien?

Ich begann vor 30 Jahren, damals arbeitete ich als Tieftemperatur-Rasterelekronenmikroskopiker, ein unendlich langes Wort. Das heisst, ich musste die Flechten-Proben in flüssigen Stickstoff einfrieren und diese danach unter dem Elektronenmikroskop untersuchen. Meine Objekte waren minus 150 Grad kalt. Ich selbst arbeitete aber bei Raumtemperatur.

Arbeiten Sie heute häufig bei kalten Temperaturen?

Heutzutage arbeite ich nicht mehr im Kältelabor. An Tagen, an denen ich die gesammelten Flechten wieder ordnen muss, kann es aber sein, dass ich einen ganzen Tag im Tiefkühlraum im Keller verbringe. Auf extreme Temperaturen treffe ich jetzt vor allem bei meinen Exkursionen im Freien, den sogenannten Feldprojekten. Dafür war ich während einiger Zeit im Himalaja. Zur Zeit habe ich ein Projekt in den Bergen Chinas. Dort wird es bis zu minus 15 Grad kalt. Auf diesen Exkursionen forsche ich in der Höhe von über 4000 Metern über Meer. Das kommt davon, dass interessante Flechten, beispielsweise der Jungfraunabel, auf die Gipfelregionen beschränkt sind. Der Jungfraunabel wächst nie tiefer als 3500 Meter über Meer und ist somit ein richtiger Höhenspezialist.

Wie schützen Sie sich während Ihrer Exkursionen vor der Kälte?

Die Ausrüstung ist das A und O. Als Forscher muss man in einer Situation verharren können. Es muss einem wohl sein. Man darf nicht unter Stress sein, weil man friert. Die Ausrüstung muss möglichst leicht sein, damit man sie auf die Gipfel mitschleppen kann. Auf meine Kamera, die ein ziemliches Gewicht hat, möchte ich aber keinesfalls verzichten. Das heisst, der Rest muss handlich sein. Zudem ziehe ich meist mehrere Schichten an und achte darauf, dass ich trocken bleibe. Ein Regenschauer kann den Forscher zu jeder Zeit überraschen und ihn komplett einnässen.

Passierte Ihnen das schon oft?

Ja, immer wieder, aber es war nie lebensbedrohlich.

Wie kamen Sie dazu, sich auf Flechten zu spezialisieren?

Über die Ästhetik – ich begann bereits als Gymnasiast, mich für Flechten zu interessieren. Danach wuchs das Interesse immer mehr. Ich merkte, dass man die wichtigen ökologischen und evolutionsbedingten Fragen mit der oft übersehenen Flechte beantworten kann.

Sie forschen auch in der Region Limmattal. Welche Flechten finden Sie hier?

Es gibt rund 2000 Flechten in der Schweiz. Wir haben also viele Arten, die ihrerseits jeweils sehr spezifische Kleinstandorte benötigen.

Weshalb brauchen manche Flechten extreme Kälte?

Sie brauchen sie nicht, sie ertragen sie. Flechten entwickelten sich so, dass sie auch in den extremsten Bedingungen überleben. Das ist ihre ökologische Nische. Sie überleben unter Bedingungen, unter denen andere Pilze oder Pflanzen längst tot wären. Beispielsweise auf Felsflächen in den Bergen kann es feurig heiss werden, bis zu 60 Grad und in der Nacht
kühlt es auf Minustemperaturen ab. Die Flechten ertragen das. Nicht nur die Temperaturschwankungen, sie können auch wochen- und monatelang ohne Wasser überleben. Sie treten dann über lange Zeit in einen scheintoten Zustand. Sobald sie wieder zu Wasser kommen, werden sie lebendig und betreiben Fotosynthese. Sie schalten bei Stress also einfach ab.

Was haben Sie persönlich von Ihren Forschungen in der Natur gelernt?

Beispielsweise genau das: Beim Stress abschalten. Man lernt immer etwas von den Untersuchungsobjekten. Die Beobachtungen prägen einen, man wird bedächtiger.

Leben die Flechten, die sich in Ihrem Tiefgefrierraum befinden, auch in einem scheintoten
Zustand?

Ich denke, die meisten Flechten in den Säckchen könnten wieder zu leben beginnen. Und das, obwohl ich manche bereits seit 1995 dort lagere. Doch das Ziel ist nicht, dass sie wieder in die Natur kommen, sondern, dass wir eine Flechten-Genetik-Datenbank haben. Diese hilft mir, da ich in meinen Forschungen oft auf die Genetik der Flechten zurückgehe, die ich als Erstes eingefroren habe.

Arbeiten Sie lieber in der Kälte oder in der Wärme?

Ich persönlich arbeite lieber, wenn es heiss ist.