Limmattal
Fischzüchter Walter Ruf über seine Leidenschaft: «Unsere Kinder sollen auch noch Bachforellen sehen»

Der pensionierte Berufsfischer Walter Ruf züchtet den Fischnachwuchs für Sihl und Limmat

Matthias Scharrer
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Fisch-Züchter Walter Ruf
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 Ruf streicht mit einer Schwanenfeder über die Wasseroberfläche.
 In solch einer grünen Plastikwanne tummeln sich tausende junge Bachforellen.
 Ein drei Wochen alter Bachforellen-Brütling.
 Rufs Muttertiere stammen aus einem Sihl-Wildfang.
 Rufs Zuchtanlage liegt im Sihlmättli, an der Kantonsgrenze zwischen Zürich und Zug.

Fisch-Züchter Walter Ruf

Matthias Scharrer

Mit einer Schwanenfeder streicht Walter Ruf über die Wasseroberfläche in der grünen Plastikwanne. So könne er den Fischkot entfernen, ohne seine Zöglinge zu verletzen, erklärt der 74-Jährige. In der Wanne tummeln sich Tausende junge Bachforellen. Sie sind vor drei Wochen geschlüpft. Wenn nochmals drei Wochen vergangen sind, werden sie ausgesetzt – wie jedes Jahr zigtausende junge Bachforellen aus Rufs Zuchtanlage. Im Sihlmätteli an der Kantonsgrenze zwischen Zürich und Zug gelegen, ist sie Geburtsort für einen Grossteil der Bachforellen-Bestände von Limmat und Sihl. Die Sihl fliesst hier noch unverbaut zwischen Wiesen und Felsbrocken hindurch.

Ruf führt die Anlage seit 1990. «Das ist mein Hobby, mein Beitrag zur Natur», sagt der pensionierte Berufsfischer. Während 35 Jahren fischte er professionell auf dem Zürichsee, fuhr Tag für Tag morgens um vier mit seinem Boot hinaus, filetierte danach die Fische und vermarktete sie zusammen mit seinem Sohn. Dann schipperte er abends wieder auf den See.

Die Fischzucht-Anlage im Sihlmätteli habe er nur unter einer Bedingung übernommen: dass sie keine Mastfische mehr für das nebenan gelegene Restaurant produzieren würde. «Ich wollte Beruf und Hobby trennen», sagt Ruf. Im Laufe unseres eineinhalbstündigen Gesprächs, das vom Plätschern des Quellwassers in den Wassertrögen untermalt ist, wird noch ein anderes Motiv deutlich: «Ich bin ein Anwalt der Fische», sagt Ruf zweimal.

Einmal, als er über die Schönheit der Landschaft im Sihlmätteli redet, der es Sorge zu tragen gelte. Zusammen mit Fischerkollegen führt Ruf im gemeinsam gepachteten Flussabschnitt alljährlich eine Sihlputzete durch; sie findet am heutigen Samstag wieder statt. Anfangs hätten sie locker einen ganzen Lastwagen mit dem Abfall gefüllt, den sie bei der Sihlputzete aus dem Fluss fischten. Inzwischen habe das Umweltbewusstsein der Bevölkerung zugenommen: Der Lastwagen, den die Gemeinde Menzingen jeweils zur Verfügung stelle, sei zuletzt bei der Sihlputzete nur noch zu einem Drittel gefüllt worden.

Ein zweites Mal fällt das Wort vom «Anwalt der Fische», als Ruf über die Entwicklung der Fischbestände redet. Europaweit gebe es immer weniger Bachforellen. Die Ursachen seien vielfältig: Klimawandel, Chemie- und Mikrofaser-Rückstände, Pestizide und Fungizide im Wasser, aber auch Nahrungsentzug für die Fische durch das Aufkommen von Kläranlagen.

Klimawandel setzt Fischen zu

So seien die Fischfänge in der Sihl markant zurückgegangen, als in Einsiedeln vor Jahrzehnten die Kläranlage in Betrieb genommen wurde. Auch, dass die Sihl im Winter immer seltener zufriere, schade den Fischbeständen. Denn die Forellen laichen von Natur aus in Kiesmulden im Flussbett. Komme es im Winter statt der Ruhephase des zugefrorenen Flusses zu Hochwasser nach Regengüssen, werde der Fischlaich weggespült – und der Nachwuchs dadurch ausgelöscht.

Auch die zunehmenden Hitzephasen im Sommer setzen den Forellen laut Ruf zu: 25 Grad Wassertemperatur würden sie während dreier bis vier Wochen aushalten. Bei noch wärmerem Wasser werde es kritisch. Die grossen Steine, die aus der flachen Sihl ragen, wirken wie Heizkörper: «Allein von hier bis zur Allmend Brunau heizt sich das Wasser im Sommer um drei bis fünf Grad auf», sagt Ruf. Der entsprechende Flussabschnitt ist rund 20 Kilometer lang.

Anders, als wenn nach plötzlich auftretenden Gewässerverschmutzungen massenweise Fische sterben, fällt der kontinuierliche Rückgang der Bachforellenbestände nicht so stark auf. Doch die Fischer bemerken ihn anhand der Fangerträge. So heisst es denn auch in einer 2013 erstellten Studie des Kantons Zürich: «Seit Ende der 1980er-Jahre gehen die Forellenfänge in den schweizerischen und zürcherischen Fliessgewässern trotz regelmässiger und teils intensiver Besatzmassnahmen zurück.»

Ruf kämpft dagegen an. Seit drei Jahren führt er einen vom Bund bewilligten Versuch durch, in dem er nebst den ganz jungen Brütlingen markierte einjährige Fische, sogenannte Jährlinge aussetzt – sowohl in der Sihl als auch beim Kloster Fahr in der Limmat. Die Fischer melden ihm, wenn sie einen der markierten Fische fangen. So lässt sich ermitteln, ob und wie lange die freigesetzten Jährlinge in den Flüssen überleben.

Der Versuch ist auf fünf Jahre angelegt. Rufs Zwischenbilanz ist positiv: Es scheine, als ob die Jährlinge gute Überlebenschancen hätten – jedenfalls deutlich bessere, als die ganz junge Brut. Bei Letzterer würden von 1000 ausgesetzten Tieren nur 4 bis 6 geschlechtsreif, was bei Bachforellen mit drei Jahren der Fall ist. Den Rest fressen Vögel, oder die kleinen Fische erkranken.

Brütlinge seien zwar aufgrund der kürzeren Aufzucht billiger als Jährlinge. «Aber bei mir muss es nicht wirtschaftlich sein», so der Hobbyzüchter. «Die Fische müssen überleben, damit unsere Kinder auch noch Bachforellen sehen.» Katastrophal sei die Situation für die Bachforellen in der Limmat, sagt Ruf, der in Schlieren aufwuchs, einst als Gaswerk-Betriebsmeister nebenbei mit der Fischzucht begann und jetzt in Horgen wohnt. «Die Fische wachsen in der Limmat nicht.»

Die Gründe dafür seien auch dort vielfältig: Nebst Chemierückständen, die selbst Kläranlagen nicht wegbringen, spiele auch die Unruhe mit, die Gummiboote und Wassersportler verursachen, meint der Anwalt der Fische. Und fügt an: «Dort bringen wir die Fischbestände nicht mehr hoch.» Doch vielleicht könne der Versuch mit den robusteren Jährlingen den Rückgang stoppen. Ruf mahnt: «Solange wir Fische sehen, ist die Wasserqualität noch einigermassen gut. Wenn das nicht mehr der Fall ist, ists für die Menschheit vorbei.»