Statistik
Firmenautos verwässern Bundeszahlen: Urdorfer und Schlieremer sind gar nicht so autoverliebt

Die vom Bund angegebenen sehr hohen Autoquoten von Urdorf und Schlieren sind zu relativieren.

David Egger
Merken
Drucken
Teilen
Spitzacker-Kreisel in Urdorf. Über 40 Prozent der Autos in der Gemeinde gehören Firmen und nicht Privatpersonen. In Schlieren sind es sogar noch mehr.

Spitzacker-Kreisel in Urdorf. Über 40 Prozent der Autos in der Gemeinde gehören Firmen und nicht Privatpersonen. In Schlieren sind es sogar noch mehr.

CHRISTIAN MURER

Es geht um den Bezug der Urdorfer und Schlieremer zu Autos. Angefangen hat es mit der Schweizer Städtestatistik, die der Bund und der Städteverband im April publiziert hatten. In der Rangliste der am stärksten motorisierten Städte der Schweiz landeten Urdorf und Schlieren auf den Plätzen 2 und 4. Die Zahlen dahinter: In Urdorf kommen laut der Bundesstatistik 758 Personenwagen auf 1000 Einwohner. In Schlieren sollen es 728 sein. Fazit: Die Urdorfer und Schlieremer sind Auto-Narren. Zum Vergleich die beiden anderen Limmattaler Gemeinden, die in der Städtestatistik aufgeführt waren: In Dietikon sollen es 527 Personenwagen pro 1000 Einwohner sein, in Spreitenbach sogar nur 516. Heisst konkret, dass die Autoliebe des Durchschnittsurdorfers um rund 44 Prozent grösser ist als jene des Durchschnittsdietikers. Wie kann das sein?

Die Gemeinde Urdorf erkundigte sich beim Bundesamt für Statistik (BFS), was es damit auf sich habe. Und teilte Mitte August mit, dass 40,7 Prozent der in den Bundeszahlen enthaltenen Autos im Besitz von juristischen Personen sind, also Unternehmen gehören. Das ist ein grosser Unterschied zum Schweizer Durchschnitt: Landesweit besitzen die juristischen Personen nämlich nur 12 Prozent aller Fahrzeuge. Richtig interpretiert bedeute die Statistik, dass sich die Urdorfer ähnlich viele Autos leisten wie andere, teilte die Gemeinde mit. Urdorf habe aber eine hohe Wirtschaftsaktivität. Ähnlich sieht es in Schlieren und beim Spitzenreiter Cham aus. Wie das BFS auf Anfrage der Limmattaler Zeitung sagt, machen die juristischen Personen 46,3 aller Schlieremer Autobesitzer aus. In Cham sind es 46,5 Prozent. Zum Vergleich: In Dietikon sind es nur 29,7 Prozent und in Spreitenbach gerade mal 17,3 Prozent.

Die sinnvolleren Zahlen vom Zürcher Strassenverkehrsamt

Gemeinde - Anzahl Autos pro 1000 Einwohner

- Oetwil: 664

- Aesch: 626

- Bergdietikon: 625

- Geroldswil: 613

- Weiningen: 598

- Unterengstringen: 593

- Uitikon: 587

- Urdorf: 579

- Schlieren: 534

- Birmensdorf: 532

- Oberengstringen: 496

- Spreitenbach: 492

- Dietikon: 474

*Bergdietiker und Spreitenbacher Zahlen vom Aargauer Strassenverkehrsamt. Aargauer und Zürcher Zahlen sind vergleichbar: Für die Autozahl gilt bei beiden der Stichtag 30. September. Bei der Einwohnerzahl gilt für Zürich der Stichtag 31. Dezember, für den Aargau der 30. Juni.

Hinzu kommt: Das kantonale Strassenverkehrsamt gibt völlig andere Autoquoten an als das BFS. Statt 758 Autos pro Urdorfer Einwohner sind es hier nur 579. Wie kommt das? Nachfrage beim Bundesamt für Statistik. «Das kantonale Strassenverkehrsamt kennt die Zahl der ausgegebenen eigenen Nummernschilder und kann diese auf die Gemeinden verteilen. Das BFS macht die Einteilung der Fahrzeuge nach Gemeinden gemäss der Halteradresse», teilt das BFS mit. Dies könne zu relativ grossen Unterschieden führen. So kann zum Beispiel ein Mietauto im Kanton Appenzell Innerrhoden eingelöst sein, aber von einem Zürcher – oder einer Zürcher Firma – gehalten werden. Ein solcher Wagen erscheint dann bei der kantonalen Statistik im Kanton Appenzell Innerrhoden, in der Bundesstatistik aber im Kanton Zürich.

Viele Leasingfirmen im Limmattal

Könnte es also zum Beispiel an Leasingfirmen liegen, dass Urdorf und Schlieren gemäss Bund so viele Autos haben? Schliesslich kommen fünf der 40 ordentlichen Mitgliedsfirmen des Schweizer Leasingverbands aus Schlieren, drei aus Urdorf und eine aus Dietikon. In den drei Gemeinden ist also ein Fünftel der Mitglieder des Leasingverbands ansässig. Ein Beispiel ist die Lease Plan Schweiz AG in der Urdorfer Luberzen, der Marktführerin im Segment des sogenannten Full-Service-Leasings, bei dem Firmen ihren ganzen Fuhrpark leasen, mit Service und allem inklusive.

Bernd Bäzner, Commercial Director der Lease Plan Schweiz AG kann aber die These nicht bestätigen, dass die Leasingfirmen für die hohe Autoquote verantwortlich sind. Die Fahrzeuge seien entweder auf die jeweilige Kundenfirma oder direkt auf deren Angestellten, also den Fahrer zugelassen. «Wir sind die Eigentümer der Autos, aber nicht als deren Halter eingetragen», so Bäzner weiter.

6300 Arbeitsplätze in Urdorf

Generell seien in Urdorf sehr viele Fahrzeuge zugelassen, weil hier viel Industrie und Dienstleistungsgewerbe angesiedelt ist. «Ergo sind viele Fahrzeuge auf diese mobilitätsbedürftigen Firmen zugelassen», sagt Bäzner. Die hohe Autoquote komme wohl daher. Darauf angesprochen sagt Patrick Müller, Leiter Stab der Gemeinde, dass es in Urdorf aktuell 6300 Arbeitsplätze und 640 Firmen gibt. «Die Urdorfer Wirtschaft dürfte im Verhältnis zur Gemeindegrösse grösser sein als jene von vergleichbaren Gemeinden. Das dürfte bei diesen Autozahlen durchaus eine Rolle spielen.»

Neben Verkehrsanbindung und zentraler Lage spreche für den Standort Urdorf auch die Nähe zu den Lieferanten respektive Autoimporteuren, sagt zudem Bäzner. Diese seien primär in Schlieren, Dielsdorf, Baden und Safenwil zuhause. Um die Frage, welche Wirtschaftssektoren nun die hohe Autoquote verantworten, zu klären, wäre wohl aber eine neue Statistik nötig.
Wer aber wissen will, welche Limmattaler am autoverliebtesten sind, kann sich auf die Zahlen des Strassenverkehrsamts berufen, bei denen sich das erwartete Bild ergibt: Die kleinen Gemeinden Oetwil, Aesch und Bergdietikon landen zuvorderst, das grosse und vom öffentlichen Verkehr besser bediente Dietikon landet zuhinterst (siehe Tabelle). Aus den eingangs erwähnten Zahlen des Bundes gibt es dagegen vor allem ein Fazit: Das Limmattal ist attraktiv für die Wirtschaft.