Weihnachtsgeschichte
Finn, der leuchtende Weihnachtsstern - Eine Geschichte von Sarah Koller

Die 17-jährige Sarah Koller besucht die vierte Klasse der Kantonsschule Limmattal. Schreiben bezeichnet sie als ihr grosses Hobby. Für die Limmattaler Zeitung hat die Altstetterin eine Weihnachtsgeschichte geschrieben.

Sarah Koller
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Fin, der leuchtende Weihnachtsstern.

Fin, der leuchtende Weihnachtsstern.

Es herrschte helle Aufregung im gesamten Himmelreich. Ein Gewirr aus feinen Stimmen lag in der Luft. Von überallher dröhnte das nervöse Flattern und Klatschen der Engelsflügelchen. Und inmitten dieses Durcheinanders sass seelenruhig der gute alte Petrus, der sich den langen Bart um die dürren Finger zwirbelte und zur Erde hinunter starrte. Seine hellen, glasigen Augen schienen sich an einem bestimmten Punkt festzubrennen. Und tatsächlich, er besah sich das kleine Städtchen Betlehem, das in abendlicher Dämmerung lag. Er wusste ganz genau, was in dieser Nacht geschehen würde. Heute Nacht sollte der Erde der Heiland geboren werden.

Petrus lächelte. Es wunderte ihn etwas, dass ausgerechnet ein Kind für Friede und Harmonie auf Erden sorgen sollte. Wen sollte er denn nun zu seinem Weihnachtsstern ernennen? Da hätte es Emily, ein besonders tüchtiges, folgsames Sternchen gegeben. Oder sollte es vielleicht doch besser der belesene und durchaus vernünftige Michael sein? Doch da, er hatte gar nicht gross nachgedacht, konnte er sich eines spontanen Gedankenblitzes erfreuen. «Finn», murmelte es hinter seinem krausen Bart hervor.

Finn hörte sein Herzchen lautstark schlagen. Er war ganz schrecklich nervös, denn schliesslich hatte ihn Petrus höchstpersönlich zu sich rufen lassen. Was er wohl von ihm wollte? Finn hatte das Glück, einer der schönsten Sterne weit und breit zu sein. Dies war unter anderem auch ein Grund dafür, dass er von seinen Geschwistern nicht besonders gemocht wurde. Sie waren allesamt ein wenig eifersüchtig auf den kleinen Himmelsstern.

Schon oft hatte er sich gewünscht, ganz genau so wie die anderen zu sein. Aber Finn war noch jung und wusste noch nicht, dass es manchmal gar nicht unbedingt ein Nachteil ist, anders als die anderen zu sein. Manchmal kann es nämlich auch einfach nur ein Segen sein. Nun aber stand Finn vor seinem Meister und starrte peinlich berührt zu Boden. «Sie wünschen?», fragte er mit zittriger Stimme. «Ich möchte dich gerne um etwas bitten, mein lieber Finn.»

Der alte Mann verweilte kurz in Schweigen, füllte seine Lungen mit Luft und fuhr fort: «Du sollst zur Erde hinunter gehen. Ein Kind, ein heiliges Kind wird heut Nacht der Menschheit geboren. Und wie du weisst: Jeder Mensch auf Erden hat seinen eigenen Stern. Denn jeder von uns braucht ein Licht, das ihm selbst in dunkelster Nacht beisteht und ihm Licht und Wärme spendet. Sorge du nun für Licht und Wärme, wenn das kleine Kind zur Welt kommt. Weise seinen Besuchern den Weg und strahle so fest, wie du nur kannst.

Ich vertraue dir voll und ganz, doch komm mir ja nicht auf blöde Gedanken und hüte dich davor, deinen Platz über dem Stall auch nur für den Bruchteil einer Sekunde zu verlassen.» Finn erschrak ordentlich, als er dies hörte. Zwar schmeichelte ihm dies wirklich sehr, doch wusste Petrus denn gar nichts von seinem kleinen Geheimnis? So schön und wundervoll der kleine Stern auch war, er konnte nie und nimmer so stark wie seine Brüder und Schwestern leuchten. So war es schon immer gewesen. «Nun, wenn das dein Wunsch ist, Petrus, so werde ich mich wohl oder übel fügen müssen», hauchte Finn wie betäubt. Er schämte sich für seinen kleinen Fehler und hoffte darauf, dass es auf Erden anders sein möge.

Und da hatte er auch schon den weiten Weg zur Erde angetreten. Und mit jeder weiteren Wolke, die er hinter sich gelassen hatte, stiegen seine Gewissensbisse. Kaum hatte er die wattweiche Wolkendecke durchbrochen, öffnete sich vor ihm ein unbekanntes Bild.

Staunend sah er sich um. Die Nacht lag schwarz und dunkel vor ihm. Alles schien einsam und verlassen. Alles, was er hören konnte, war der heulende Wind, der ihm eisigkalt um beide Ohren strich und die hohen Dattelpalmen tanzen liess. An vereinzelten Stellen grasten Schafe und Ziegen. Die müden Hirten lagen alle fernab, die grossen Strohhüte tief ins Gesicht geschoben und die Beine wohlig ausgestreckt unter den Eichen und Fichten, die die Felder wie ein Zaun umgaben. Und da, ganz plötzlich war ihm, als wolle ihm der heulende Wind etwas zuflüstern. «Vergiss nie, wer du wirklich bist, Finn. Und lass dir niemals einreden, deine Träume wären zu klein oder zu gross. Kümmere dich nicht darum, was die anderen sagen und versuche, dich gerade für deine kleinen Fehler zu lieben.» Finn schmunzelte und kratzte sich etwas verdutzt am Hinterkopf. Hatte er das soeben geträumt?

Kopfschüttelnd redete er sich ein, dass dies doch bloss das schlechte Gewissen sein müsse. Was machte er hier? Und vor allem, was hatte er sich bei der ganzen Sache gedacht? Auch hier leuchtete er nicht heller. Ganz im Gegenteil, es schien ihm, als sei er für die ganze Menschheit bloss ein kleiner, grauer Punkt am Horizont. Entmutigt liess er sein hübsches, trauriges Köpfchen hängen. Niedergeschlagen liess er seinen Blick über die verlassene Landschaft schweifen und verweilte schliesslich bei einem kleinen, heruntergekommenen Stall.

Schwaches Licht flackerte hinter grossen Löchern und Spalten. Er konnte Schatten, wohl von Menschen stammend, sehen. Auch wenn er sich nicht erklären konnte, wieso oder weshalb, sein Herz begann laut und heftig zu pochen. Etwas verstohlen blickte er sich um und stellte dabei erfreut fest, dass eine dicke Wolkenschicht sich soeben zwischen Himmel und Erde geschoben hatte. Es konnte ihn also niemand sehen, weder seine Geschwister noch sein Meister Petrus.

Blitzschnell zog er Arme und Füsse ein und liess sich in einem steilen Flug auf den Erdboden fallen. Zitternd vor Kälte schlich der kleine Stern leise und vorsichtig auf den geheimnisvollen Stall vor ihm zu. Schliesslich stand er da, vor der Tür, die schwer und modrig wirkte. Es war ihm, als ob er damit eine Tür in eine andere, ihm noch vollkommen neue Welt durchbrechen könne. Leer schluckend langte er nach dem Griff, holte noch einmal tief Luft und trat letztlich ein.

Sein Herz hämmerte hart und ungebremst gegen seine dünnen Rippen. Und was er da zu sehen bekam, verschlug ihm beinahe den Atem. Vor ihm, in einer einfachen Krippe, auf Heu und auf Stroh lag ein kleines Kind. Es schlief friedlich. Die Eltern taten es ihm gleich. Stille herrschte. Neugierig, wie unser kleines Sternchen war, näherte es sich dem träumenden Kind. Nun war er ihm so nahe, dass er seinen warmen Atem fühlen konnte.

Und da schlug es die Augen auf und blinzelte verschlafen in sein Gegenüber. Finn wurde etwas peinlich berührt, als er zu merken vermutete, wie das Kind in Gedanken zu ihm sprach. «Mein lieber Finn, die tiefste Dunkelheit ist nicht etwa die, die uns umgibt, sondern die, die in unserem eigenen Herzen heranwächst. Und das hellste Licht kommt nicht von aussen, sondern direkt aus deinem Herzen, glaube nur fest daran.»

Kaum waren diese Gedanken gesprochen, wurde der kleine Stern von einem Gefühl, stärker als jedes andere erfüllt. Die Liebe war in ihm zu Leben erwacht. Und so geschah es, dass er zu leuchten begann, viel heller und schöner als jeder andere Stern. So, und nun durfte er keine Zeit mehr verlieren. Jäh begab er sich nach draussen an seinen Platz über dem Stall. Stolz und glücklich wies er den Hirten, den Königen und den ganzen restlichen Besuchern des Kindes den richtigen Weg. Und da, ganz plötzlich, war ihm wiederum, als wolle der pfeifende Wind zu ihm sprechen. «Überall, wo Liebe die Welt bewegt, ist Weihnachten», hauchte es leise durch die stille Weihnachtsnacht.