Dreharbeiten

Film ab: Das Oberengstringer Zentrum wird in Szene gesetzt

Seit gut zwei Wochen wird auf dem Dorfplatz in Oberengstringen gefilmt. Ein Set-Besuch zeigt, wie gut die Gemeinde zur fiktiven Ortschaft im Film passt und wieso Schauspieler geduldige Menschen sein müssen.

Um den Oberengstringer Dorfplatz ist Leben eingekehrt. Der neue Coiffeur buhlt mit Tiefstpreisen um Kunden, beim türkischen Lebensmittelhändler gibt es drei Baklava zum Preis von zwei, die Pizzeria wirbt jetzt auch mit Kebab, und die vielen Zeichnungen im Schaufenster der Kinderkrippe Chäferli zeugen von glücklichen Krippenbesuchern.

Einige Teenager haben sich auf dem Platz ausgebreitet und überhaupt sind viele Menschen hier und sehen beschäftigt aus. Eine schwarze Limousine mit Aargauer Nummernschild fährt heran. Hastig steigt ein katholischer Geistlicher aus und verschwindet – am grossen Beton-Kreuz vorbei – in der Kirche.

«Moment! Das ist doch alles frei erfunden!», mögen ortskundige Leser einwerfen. Ja, aber es ist trotzdem echt. Denn es handelt sich um ein Filmset. Während eines Monats hat die Produktionsfirma Hugofilm den Dorfplatz und die ihn umgebenden Gebäude in Beschlag genommen. Seit dem 14. Januar entstehen hier die Aufnahmen für den SRF-Fernsehfilm mit dem Arbeitstitel «Jetzt erst recht». Die Weihnachtskomödie über einen Religionsknatsch zwischen Muslimen und Katholiken soll Ende Jahr ausgestrahlt werden.

Zu cool für Kälte

Auf dem Platz schlendern Senioren vorbei, Schüler überqueren ihn und Jogger trotzen laufend der Kälte. Fast alle Crew-Mitarbeiter haben sich wegen des eisigen Winds mit vielen Kleiderschichten, Schals und Kopfbedeckungen eingepackt. Nur die jugendlichen Schauspieler hängen mit geöffneten Jacken und Baseballcaps lässig da.

Eine Gruppe Zweitklässler fragt ein paar wartende Statisten, was vor sich geht. Über das Thema aufgeklärt, erzählt ein Mädchen, dass es ab und zu mit seinem Vater in die Moschee gehe. Ein anderes Mädchen kommentiert die Dreharbeiten: «Das ist doch langweilig. Ich schaue es mir lieber im Fernsehen an.» Sie unterstreicht damit unabsichtlich zwei wichtige Eigenschaften für alle Involvierten: Geduld und Ausdauer.

Regisseurin Katalin Gödrös.

Regisseurin Katalin Gödrös.

Auf dem Programm steht beim Set-Besuch am Mittwoch eine auf den ersten Blick einfache Szene: Schauspielerin Fabienne Hadorn (siehe Interview rechts) fährt mit ihrem Auto die Rampe zum Dorfplatz hoch und redet mit den Jugendlichen. Kurz darauf folgt eine schwarze Limousine, aus der ein Geistlicher steigt. Doch es dauert rund eine Stunde, bis die erste Klappe fällt und die Kamera zu filmen beginnt.

Als Hadorn aus der Maske kommend den Dorfplatz betritt, herrscht für den unwissenden Beobachter erst mal Stillstand. «Was passiert jetzt?», fragt irgendwann ein Mitarbeiter – mit fast schon ein wenig resigniert klingender Stimme – in sein Funkgerät. Dem Geschehen nach zu urteilen, könnte die Antwort «nichts» lauten.

Am Rande des Platzes gibt ein Obdachloser ein Interview fürs Fernsehen. Bei genauem Hinsehen wird klar wieso: Hinter den ungepflegten Haaren und dem Bart versteckt sich Stefan Gubser, bekannt als «Tatort»-Kommissar Flückiger. Nach dem Gespräch wird kurz gefilmt, wie der Schauspieler dynamisch um die Ecke kommt. «Das sieht super aus», sagt die Kamerafrau. «Wenn bringet ihr das?», fragt Gubser und verschwindet durch eine Tür. Die Antwort scheint niemand zu kennen.

Mittlerweile ist Regisseurin Katalin Gödrös auf dem Platz aufgetaucht und zieht im Hintergrund die Fäden. Sie war zwischendurch kurz unauffindbar, weil sie von Gemeindeschreiber Matthias Ebnöther interviewt wurde, wie später zu erfahren ist.

Statisten oder Schaulustige?

Nach einer halben Stunde erhebt sich eine Stimme. Der Assistent gibt Anweisungen, damit Teile der zu filmenden Szene geprobt werden können. Mehrmals fahren beide Autos die Rampe hoch und kurz darauf wieder zurück in die Ausgangsposition, als steckten sie in einer Warteschlaufe.

Etwas abseits beobachtet ein junges Paar mit Kinderwagen das Geschehen. Dass auch sie zum Film gehören, wird erst ersichtlich, als eine Mitarbeiterin den beiden die Jacken zurechtzupft. Während die Autos angefahren kommen, spazieren zwei Senioren die Rampe hoch – auch sie sind Statisten.

Sobald die Kamera läuft, müssen alle Abläufe der Choreografie perfekt abgestimmt sein. Dass dies bei einer so simpel anmutenden Szene erstaunlich kompliziert sein kann, zeigt, wieso eine gute Vorbereitung wichtig ist. Nachdem die Sequenz im Kasten ist, wird sofort umgebaut. Der gleiche Ablauf wird noch aus einer anderen Perspektive eingefangen.

Drinnen im Zentrumsbau sitzen einige Statisten vor dem Aufenthaltsraum. Sie unterhalten sich und verfolgen das Geschehen auf dem Platz beiläufig von der Wärme aus. «Gestern haben wir im Zentrumssaal geschlägelt», erzählt ein älterer Herr. Es sei ein sehr langer Tag gewesen, aber auch sehr spassig.

Auch Schauspieler Silvio Lang, der ein Mitglied der muslimischen Gemeinschaft spielt, hat es sich hier gemütlich gemacht. Er arbeite eigentlich nicht mehr als Statist, aber wenn Gödrös ihn anfrage, sei er gerne dabei. «Ich bin quasi ihr Edelstatist», sagt er. Bereits beim «Bestatter» und beim «Tatort» sei er ihrem Ruf gefolgt und so auch zu kleinen Rollen gekommen.

Wie landet eine grosse Filmproduktion ausgerechnet auf dem Dorfplatz in Oberengstringen? «Es sieht aus wie ein Ort, an dem viele Schweizer wohnen. Nicht das idyllische Dorf, nicht modernes, multikulturelles Stadtzentrum», sagt Gödrös. Es sei ein Ort, wo die Geschichte des Films auch wirklich so stattfinden könnte. «Während unserer Dreharbeiten hat sich dieser Gedanke auch bestätigt. Oberengstringen hat sich als äusserst lebendige, warmherzige und multiethnische, multireligiöse Gemeinde erwiesen», so die Regisseurin.

Auch ein Oberengstringer dabei

Mit viel Freude und Nostalgie verbunden ist der Dreh für Urs Humbel, der im Film einen jungen Reporter spielt. «Es freut mich, hier zu sein. Nach Drehschluss kann ich noch zu meinen Eltern auf einen Kaffee vorbeigehen», sagt der in Oberengstringen aufgewachsene Darsteller. Die ganze Kulisse sei für ihn mit Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend aufgeladen. «Es ist irgendwie absurd und sehr lustig», sagt er.

Vor vielen Jahren sei er etwa mit der Tambourengruppe im Zentrumssaal aufgetreten. «Mir gefällt, dass in der gewissen Sperrigkeit, die das Dorfzentrum ausstrahlt, mal die eigenartige Schönheit erkannt und in Szene gesetzt wird.»

Viele seiner Schauspielkollegen hätten humorvoll reagiert, als er ihnen seine Herkunft offenbarte, sagt Humbel und lacht. «Fast schon wie eine stille Anteilnahme an meiner Jugend». Er musste für die Rolle nicht zum Casting. Weil er bereits beim «Tatort» erfolgreich mit Gödrös zusammenarbeitete, habe die Regisseurin ihn vorgeschlagen. Auf dem Set traf er einen grossen Teil des Teams vom «Tatort»-Dreh wieder. «Das ist schön. Wir haben wirklich eine sehr tolle Crew hier.»

Dies betont auch Produktionsleiterin Beatrice Hallenbarter. Insgesamt verliefen die Dreharbeiten bisher sehr gut. «Und wir sind von der Gemeinde, den umliegenden Geschäften, der reformierten Kirche und den Anwohnern sehr herzlich empfangen worden», sagt sie. Nach über zwei Wochen gehöre die Film-Crew fast schon ein wenig zum Alltag. «Mittlerweile kennen wir einige der Menschen, die hier täglich vorbeispazieren. Wir grüssen uns gegenseitig herzlich.»

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