Integrationsprogramm
Fidan: «Ich hatte die Wahl zwischen Heim oder Ventil Dietikon»

Jugendliche wie der Schulabbrecher Fidan erhalten in Dietikon eine zweite Chance – wer sie nicht nutzt, der hat schlechte Zukunftsaussichten.

Olivier Meier
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Fidan hofft auf eine bessere Zukunft: «Ich merke, wie ich mich verändert habe.»

Fidan hofft auf eine bessere Zukunft: «Ich merke, wie ich mich verändert habe.»

Olivier Meier

Seit diesem März nimmt Fidan Ramadani am Ventil Dietikon teil, einem Bildungs- und Integrationsprogramm an der Schwelle von Schule und Beruf. Dessen Credo lautet: «Es gibt keine schwierigen Jugendliche.» Mag sein. Fidan aber flog bereits von zwei Schulen. Die grosse Frage ist: Schafft er dank des «Ventils» doch noch den Übergang in die Berufswelt und sichert sich damit eine Zukunft?

Vom richtigen Umgang

Gegründet wurde das Bildungs- und Integrationsprogramm Ventil in Zürich 1998, in Dietikon im Februar 2009. Trägerschaft ist die Arbeitsgestaltung.

Das Hauptengagement gilt schwierigen Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren, denen ein Einstieg in die Arbeitswelt ermöglicht werden soll. Im Basisprogramm lernen sie, was im Alltag unentbehrlich ist: Sozialkompetenz, einen Umgang mit sich selber und Fachkompetenz. Radmila Mitic von «Ventil» hat als Betreuerin täglich mit Jugendlichen wie Fidan zu tun. Sie sagt: «Der Schulabschluss und eine Lehrstelle ist das oberste Ziel. Zudem arbeiten wir auf dem Weg dahin intensiv an der Stärkung der sozial – fach – und Selbstkompetenzen.»

Das Programm von «Ventil Dietikon» ähnelt einer öffentlichen Schule. Jeder Jugendliche hat ein eigenes Wochenprogramm, 32 Stunden sind auf fünf Tage aufgeteilt, Fächer wie Mathematik oder Deutsch stehen auf dem Stundenplan. Doch ein Schulabschluss oder sogar eine Lehrstelle ist nicht das einzigeZiel. Fidan und die Anderen sollen vor allem lernen, Respekt gegenüber Lehrpersonen zu entwickeln, mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen einen geregelten Tagesablauf einhalten.

«Es gibt immer mehr Jugendliche, die Unterstützung brauchen. Vor allem solche, die in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind», sagt Radmila Mitic. Deshalb wurde dieses Programm ins Leben gerufen.

Eine Vorstellung der Zukunft

Fidan gefällt, dass der Tagesablauf Spielraum zulässt. «Man kann den Tagesablauf oft selber bestimmen, nur in einzelnen Fällen müssen die Lehrer eingreifen», so der 16-Jährige. Momentan besucht er bei «Ventil« die Stufe 3. Sekundarschule B.

Im Vergleich zu anderen Jugendlichen hat Fidan wenigsten eine Vorstellung davon, was ihm die Zukunft bringen soll. Er möchte später am liebsten Strassentransportfachmann werden. Und wenn das nicht klappt, könne er sich auch einen Job als Automechaniker oder Maurer vorstellen. Fidan zeigt sich flexibel

Seine positive Einstellung verdanke er «Ventil». «Ich spüre hier viel mehr Vertrauen vonseiten der Lehrpersonen», sagt Fidan. Das habe er früher so nicht erlebt, da habe er Lehrer eher als Feind denn als Freund empfunden.

Früher sei er, wenn er Blödsinn gemacht hat, gleich von der Schule geflogen. Den «Blödsinn» beschreibt er nicht näher. Hier bei «Ventil» aber, hier würden sie ihn nicht so schnell rausschmeissen. Fidan: «Wenn sie an dich glauben, geben sie dir auch die Chance, dich zu beweisen.»

Das Ziel: Schulabschluss 2015

Bei «Ventil» haben schwierige Jugendliche einen grossen Vorteil gegenüber der Regelschule: Die Lehrpersonen können sich mehr Zeit für sie nehmen. Aktuell sind laut Radmila Mitic vier Jugendliche im Programm. Mehr als fünf Jugendliche pro Lerngruppe werden nicht gleichzeitig betreut, damit die Lehrersonen auf die individuellen Lernberdürfnisse eingehen können.

Läuft alles nach Plan, dann wird Fidan, im nächsten Sommer den für die weitere berufliche Zukunft so immens wichtigen Schulabschluss machen. Danach ist eine Lehrstelle gefragt, auch bei der Suche wird er von «Ventil» unterstützt.

Seit dem Sommer 2012 bietet «Ventil» neben dem Basis-Training auch berufliche Grundbildungen in den Bereichen Informatik und Sekretariat an. Und «Ventil» begleitet sie auch in externen Betrieben durch die Ausbildung. «Ventil» hat in den letzten Jahren interne wie externe Ausbildungs- und Praktika-Plätze geschaffen. Je nach Modell kostet die Betreuung monatlich zwischen 4300 und 5700 Franken.

Fidan selber glaubt daran, dass er das Programm durchziehen und sich danach in der Arbeitswelt etablieren kann: «Ich merke, wie ich mich in dieser Zeit positiv verändert habe.»

Das hat auch ein anderer Jugendlicher von sich festgestellt. So schreibt ein Lars auf der Ventil-Internetseite: «Ich kam als Kind und ging als grosser Mann. Die Zeit im Ventil hat mich viel erwachsener und reifer gemacht.» Ob Fidan Lars folgen wird, zeigt sich in den nächsten Monaten.

Für Fidan ist «Ventil» wohl eine letzte Chance auf eine aussichtsreiche Zukunft. Das scheint Fidan selbst zu spüren: «Ich hatte die Wahl zwischen Heim oder ‹Ventil›», sagt er. Er hat sich gegen die Sackgasse entschieden.