Anthrax-Alarm
Feuerwehrkommandant: «Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen»

Der Schlieremer Feuerwehrkommandant Beat Ernst äussert sich im Interview über seinen nächtlichen Einsatz beim Briefzentrum Zürich-Mülligen. Als Feuerwehrmann, sagt er, müsse man immer vom Extremfall ausgehen.

Jürg Krebs
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Verdächtiges Pulver im Briefzentrum Zürich-Mülligen gefunden
11 Bilder
Postangestellte auf dem Sammelplatz im Briefzentrum in Schlieren
220 Pöstler wurden evakuiert
Sanität und Feuerwehr waren mit einem Grossaufgebot vor Ort
Kurz nach 20 Uhr wurde das Pulver gefunden
Einsatzkräfte vor dem Briefzentrum
Krankenwagen stehen in Schlieren bereit
Die Polizei gibt Entwarnung: Das Pulver ist nach ersten Erkenntnissen harmlos.
Kurz vor Mitternacht wurde die Post wieder freigegeben
Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort
Der Sammelplatz beim Briefzentrum

Verdächtiges Pulver im Briefzentrum Zürich-Mülligen gefunden

Keystone

Herr Ernst, Sie trafen als Kommandant mit der Feuerwehr Schlieren als einer der Ersten beim Briefzentrum Zürich-Mülligen ein, was ging Ihnen durch den Kopf?

Beat Ernst: Ich war sofort auf meine Aufgabe als Kommandant konzentriert, habe überlegt, wie die Abläufe eines biologischen oder chemischen Ernstfalls zu organisieren sind, wie die Menschen im Verteilzentrum zu retten sind.

Zur Person Beat Ernst ist kommandant der Feuerwehr Schlieren

Zur Person Beat Ernst ist kommandant der Feuerwehr Schlieren

Zur Verfügung gestellt

Wie genau lautete die Alarmmeldung?

Wir haben von der Polizei Anweisung erhalten, darüber keine Auskunft zu geben.

Die Polizei sprach um Mitternacht, nach einer ersten Analyse des Pulvers – das aus zwei Briefen herausgerieselt sein soll – von einer «harmlosen Substanz», von einem Stärkemittel. Mitarbeitende sprachen in ersten Reaktionen aber von Pulver, Gift, gar Anthrax. Hat Sie das erschreckt?

Nein, wir haben für solche Fälle Einsatzpläne. Wir haben sofort die Abläufe sichergestellt: Die Leute evakuieren, sie auf den Sammelplatz bringen, Informationen sammeln. Die Spezialeinheiten von Schutz und Rettung haben sich um das Pulver gekümmert und es analysiert.

Aus dem vermeintlichen Anschlag wurde am Ende ein Sturm im Wasserglas. Hat Sie das überrascht?

Ich habe mir gewünscht, dass es kein Ernstfall ist. Doch das spielt zu Beginn eines Einsatzes keine Rolle. Ich muss als Feuerwehrmann vom Extremfall ausgehen, auch wenn herauskommt, dass es sich nur um ein Pülverli handelt.

Es dauerte immerhin drei Stunden, bis die Spezialkräfte Entwarnung geben konnten. Eine lange Zeit für die Postangestellten.

Es war auch für die Einsatzkräfte eine Zeit der Anspannung. Es gab Postangestellte mit verdacht auf Krankheitssymptome, sie hätten dekontaminiert werden müssen. Von Schutz und Rettung war vor Ort bereits alles vorbereitet gewesen, die umliegenden Spitäler waren informiert. Wir hätten die Leute nicht mehr lange im Ungewissen lassen können und hätten sie dekontaminieren müssen – da kam die Entwarnung.

Welche Aufgaben hatte die Feuerwehr Schlieren?

Wir waren mit 64 Personen vor Ort, sperrten das Gelände ab, leisteten Verkehrsdienst und unterstützten die Spezialkräfte von Schutz und Rettung sowie der Kantonspolizei Zürich, welche die Einsatzleitung innehatte. Unsere Zugssanitäter etwa betreuten die Postangestellten auf dem Sammelplatz.

Das Briefverteilzentrum steht in Schlieren, Sie kennen die Örtlichkeiten sicher genau. War das für den Einsatz ein Vorteil?

Ja. Wir haben erst vor einigen Wochen zusammen mit der Post die Evakuierung von Angestellten geprobt. Das kam uns zugute – und es hat sich gezeigt, dass das Dispositiv richtig funktioniert. Auch die Notfallorganisation im Übrigen: 35 Ambulanzen aus mehreren Kantonen, die Spezialeinheiten von Schutz und Rettung, sowie die Kantonspolizei und die Feuerwehr Schlieren waren vor Ort. Wäre aus dem Einsatz doch noch ein Ernstfall geworden, dann wären wir alle bestens vorbereitet gewesen. Das ist für mich eine wichtige Erfahrung und beruhigend zu wissen, dass es funktioniert.

Es war nicht der erste Fall, wo im Postzentrum von einem Gift- oder Anthrax-Anschlag ausgegangen werden musste.

Wir hatten in den vergangenen Jahren bereits zwei ähnliche Einsätze, doch war die Aufgabe der Einsatzkräfte beide Male, Abklärungen zu treffen. Dieser Fall war grösser, weil eine Reihe von Personen betroffen waren – damit kam ein viel umfangreicheres Alarmdispositiv zur Anwendung. Am Ende ist allen vor Ort ein Stein vom Herzen gefallen – und mir auch.