Herr Baggenstos, seit letztem Jahr organisieren «Die luschtige Dietiker» zusammen mit den «Guggi-Häxe» den Kinderfasnachtsumzug. In welches Kostüm schlüpften Sie als Kind?

Pius Baggenstos: Als kleiner Junge verkleidete ich mich gerne als Cowboy. Viel öfter aber nahm ich einfach ein Gewand aus dem Schrank bei uns zu Hause und verkleidete mich als eine lustige, freudige Gestalt.

Sie hatten also ein ganzes Lager an Verkleidungsgegenständen?

Ja, das könnte man so sagen. Mein Vater stammt aus einer Hochburg der Fasnacht, aus Gersau am Vierwaldstättersee. Deshalb hatte es bei uns immer eine Kiste mit den nötigsten Utensilien. Meist griff ich mir irgendeine Halbmaske, eine Perücke und ein Gewand, und schon hatte ich eine Verkleidung. Wir gingen sehr spontan an die Fasnacht. So soll es auch sein.

Warum ist der Kinderumzug so wichtig?

Zum einen sicher, weil er eine langjährige und schöne Tradition ist. Er findet dieses Jahr zum 35. Mal statt. In der heutigen Zeit, in der alles modernisiert und multikulturell ist, stellen Brauchtümer eine wichtige Konstante dar, die man nicht vernachlässigen sollte. Sonst gehen sie verloren.

Vor zwei Jahren kam es zu einer organisatorischen Änderung.

Richtig. Als damals der «11er-Club» die Organisation des Kinderumzuges und des anschliessenden «Hudi-Balls» abgab, haben sich «Die luschtige Dietiker» entschieden, dass sie diese Tradition zusammen mit den «Guggi-Häxe» weiterführen wollen.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie nach der Dietiker Trychlergruppe auch noch eine Fasnachtsgruppe ins Leben riefen?

Ich bin schon etliche Jahre im OK des Kinderumzugs. Zum dreissigsten Jubiläum beschlossen wir dann, «Die luschtige Dietiker» zu gründen, um als Fussgruppe auf die Leute zuzugehen, sie zu unterhalten und mit Süssigkeiten zu verwöhnen. Wir wollten den Umzug um eine weitere Attraktion bereichern.

Sie deuteten vorhin an, dass dem Kinderumzug neben der Rolle als wichtige Tradition weitere Funktionen zukommen.

Genau. Der Anlass bietet den Schulen beispielsweise eine hervorragende Gelegenheit, sich zu präsentieren. Kindergärten und Schulklassen bilden den Grossteil der Teilnehmenden. Mit ihnen steht und fällt der Kinderumzug. Und schliesslich ist dieser Teil der Dietiker Fasnacht auch für die hiesigen Gruppierungen wichtig: Denn die Kinderfasnächtler von heute sind die Mitglieder unserer Guggen von morgen.

Die Gruppierungen im Limmattal kämpfen also ebenso mit Nachwuchsproblemen wie andere Vereine?

Ja, das ist so. Jene Leute, die fasnächtlich gesinnt sind, engagieren sich zwar meist in einer Guggenmusik. Und bisher sind in Dietikon auch noch keine Auflösungserscheinungen spürbar. Was hier aber eher ein Problem darstellt, ist, dass uns das Publikum fehlt. Es gibt im Vergleich zu früher weniger Leute, die als Besucher an die Bälle und die Umzüge kommen. Als ich noch jünger war, freute man sich das ganze Jahr über auf die Fasnachtszeit. Das ist heute nicht mehr so.

Wie erklären Sie sich das?

Früher hatten wir bei weitem kein so breites Freizeitangebot wie heute. Wenn ich heutzutage festen und tanzen will, so finde ich jeden Abend irgendwo einen Club, in dem ich das tun kann. In meiner Jugend gab es solche Gelegenheiten viel seltener. Eine davon war die Fasnachtszeit. In den letzten Jahren kamen ausserdem die Oktoberfeste auf, die eine Art Ersatz für die Fasnacht bilden.

Was macht für Sie denn den Mythos Fasnacht aus?

Dieses Fest ist für mich zugleich Brauchtum und ein Moment der Geselligkeit. Speziell dabei ist aber auch, dass Jung und Alt zusammen feiern. Die Leute erhalten an der Fasnacht die Möglichkeit, für eine kurze Zeit aus ihrem Alltag auszubrechen und in eine andere Rolle zu schlüpfen.

Nun gibt es auch kritische Stimmen, die sagen, dass die Fasnacht eigentlich nur ein Besäufnis ist, an dem die Bevölkerung im Schutz ihrer Verkleidung über die Stränge schlägt. Was entgegnen Sie diesen?

Klar gibt es an der Fasnacht immer solche, die sich betrinken. Aber das ist ein Phänomen, das man auch an einem Oktoberfest oder in einer normalen Disco an jedem Wochenende beobachten kann.

Wie begegnen Sie diesem Problem etwa am «Hudi-Ball»?

Wir haben eine Security-Firma angestellt, die für Ordnung sorgt. Sie begleitet heute sogar den Umzug, weil auch schon Guggen mit Orangen und Süssigkeiten beworfen wurden, die wir zuvor im Publikum verteilt hatten. Diese Aggressivität erstaunt mich immer wieder. Deshalb haben wir heute rund zehn Security-Mitarbeiter angestellt, die ein Auge auf die Störenfriede haben. Aber das ist an jeder anderen grösseren Veranstaltung gang und gäbe.

Das klingt nach einer ziemlich aufwendigen Organisation. Wann beginnen Sie jeweils mit der Planung der nächsten Fasnacht?

Die Vorbereitung läuft praktisch das ganze Jahr über. Meine Aufgabe ist es etwa, die Guggen und Fussgruppen zu buchen, die bei uns im Umzug dabei sind. Damit beginne ich jeweils gleich, nachdem eine Fasnacht zu Ende geht. Vor den Sommerferien muss ich die Guggen verpflichtet haben, ansonsten wird es schwierig, attraktive auswärtige Gruppen engagieren zu können. Manche sind bereits zwei Jahre im Voraus verbucht.

Wen konnten Sie für den diesjährigen Kinderumzug verpflichten?

Die eine Gugge stammt aus Wolfhalden im Kanton Appenzell Ausserrhoden, die andere aus Wangen an der Aare im Kanton Bern. Dazu kommen zwei Guggen aus dem Kanton Aargau sowie zwei Fussgruppen aus Konstanz und Gersau. Und natürlich können wir auch auf die städtischen Guggen und Wagengruppen aus der Umgebung zählen.

Diese Gruppen erhalten sicher eine Gage. Dann fallen auch Kosten für das Sicherheitspersonal an – was kostet der Kinderumzug insgesamt?

Wir rechnen für den Umzug und den «Hudi-Ball» mit Gesamtauslagen von über 40'000 Franken.