Badi Geren
Fahrender in Birmensdorf: Für nichts würde er sein Leben tauschen wollen

Eine jenische Gruppe hat ihr Winterquartier auf dem Parkplatz der Badi Geren bezogen. Seit rund 30 Jahren besuchen sie Birmensdorf und integrieren sich in das Gemeindeleben. Unter ihnen ist Pascal Gottier, der aus seinem Leben erzählt.

Daniel Diriwächter
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Pascal Gottier vor seinem Heim auf Rädern in Birmensdorf. Als freischaffender Maler ist er immer auf Draht – auch in seinem Winterquartier.

Pascal Gottier vor seinem Heim auf Rädern in Birmensdorf. Als freischaffender Maler ist er immer auf Draht – auch in seinem Winterquartier.

Daniel Diriwächter

Die Badi Geren ist in diesen Tagen gar nicht so verlassen, wie man annehmen könnte, denn auf deren Parkplatz stehen Autos, Wohnwagen sowie Wohncontainer. Es ist ein vertrautes Bild: Die Jenischen haben dort ihr Winterquartier aufgeschlagen, wie sie es seit rund 30 Jahren tun. Sieben Parteien sind es, unter ihnen auch Pascal Gottier, der sich mit seiner Frau Miranda und dem dreijährigen Sohn freut, wieder in Birmensdorf angekommen zu sein. «Wir fühlen uns hier zu Hause», sagt Gottier, der auch Sekretär der Radgenossenschaft der Landstrasse ist, der Dachorganisation der Jenischen und Sinti in der Schweiz. So wie er verzichten in den kalten Wintermonaten viele Jenische auf das Reisen.

Gottier hat einiges vor: In einem naheliegenden Haus wurde er als Maler engagiert; dem Beruf geht er als Selbstständiger nach. «Tatsächlich habe ich aber von meinem Vater einst das Messerschleifen gelernt», so der 34-Jährige. Er lächelt, denn diese Arbeit war einst typisch für Jenische oder Sinti. Dabei gehen viele von ihnen heute zeitgemässeren Berufen nach. Und das durchaus erfolgreich: «Meine Arbeit spricht für sich, weswegen ich oft gebucht werde», sagt Gottier. Trotzdem muss auch er immer wieder neue Aufträge ergattern. Er macht das wie viele andere Jenische auch: Er geht hausieren. «Damit wir das tun dürfen, benötigen wir ein Patent, dass in der ganzen Schweiz für fünf Jahre gilt.» Alles sei geregelt und werde kontrolliert. «Man ist auf diese Weise immer auf Draht und weiss oftmals nicht, was morgen kommt, aber das gehört zu unserer Lebensweise.»

Bei Gottier – wie auch bei vielen anderen Jenischen – ist die Rollenverteilung in der Ehe konservativ: Der Mann arbeitet und die Frau kümmert sich um den Haushalt. «In dieser Hinsicht bin ich wohl ein Pascha, aber ich mag es einfach, wenn ich nach Hause komme und das Essen steht auf dem Tisch.» Er bricht aber auch eine Lanze für seine Ehefrau. «Miranda macht einen Super-Job. Hausarbeit und die Erziehung eines Kindes bedeuten eine 24-Stunden-Aufgabe.» Seine Frau stammt wie er aus einer jenischen Familie und beide sind ursprünglich aus Winterthur. Sie kennen nur das Leben auf Rädern. «Ich musste sie für diesen Lebensstil nicht überreden», sagt Gottier.

Heikle Begebenheiten

Ihr Zusammenleben auf engem Raum habe auch Vorteile. «Sind meine Frau und ich über etwas im Unreinen, wird es auf der Stelle ausdiskutiert.» Moderne Wohnwagen seien sehr geräumig und topmodern ausgestattet. Das sei jetzt mit dem kleinen Sohn sehr praktisch. Probleme machen ihnen eher die gängigen Vorurteile und Klischees, welche bis heute das Bild der Fahrenden allgemein prägen (siehe am Artikelende). Auch heikle Begebenheiten haben sie schon erlebt: «Einmal wurde mit einer Pistole auf uns geschossen. Ein weiteres Mal wurden wir mit Steinen beworfen, glücklicherweise aber nie in Birmensdorf.» Noch immer würden viele denken, dass Jenische den «Sesshaften», wie Nicht-Fahrende genannt werden, etwas wegnehmen wollen, mutmasst er.

Jenische müssen immer wieder um ihr Ansehen und ihre Rechte kämpfen. Rund 30 000 von ihnen leben heute in der Schweiz, die meisten von ihnen sind jedoch sesshaft. Das liegt auch daran, dass von 1926 bis 1973 die Stiftung Pro Juventute dafür verantwortlich war, dass über 600 jenische Kinder ihren Familien entrissen wurden – dies in Zusammenarbeit mit Kantonen und Gemeindebehörden sowie mit dem Bund. Das sogenannte «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» ist ein tiefschwarzes Kapitel. Auch versuchten früher die Behörden, die fahrende Lebensweise zu unterdrücken. Solche Zeiten sind heute vorbei. Seit einem Jahr sind Jenische, zusammen mit den Sinti, vom Bundesrat offiziell als nationale Minderheit anerkannt.

Die Krux mit den Plätzen

Das betont auch Gottier, der zu den rund 3000 Jenischen gehört, die noch das Land bereisen. Denn trotz der Fortschritte müssen sie um ihren Platz kämpfen, weil es hierzulande zu wenig Stand- und Durchgangsplätze gibt. «Die Suche nach einem Platz wird für viele von uns von Jahr zu Jahr schwieriger», so Gottier. Ausländische Fahrende würden zusätzlich viele Plätze beanspruchen. So seien sie oftmals ohne festen Platz und müssten eine andere Lösung suchen, etwa auf einem Feld eines Bauern.

Denn mit Birmensdorf haben er und seine Familie Glück – aber keine gesicherte Zukunft. Die Gemeinde stellt jedes Jahr einen neuen Mietvertrag aus. «Was passiert, wenn wir den Parkplatz eines Tages nicht mehr erhalten?», fragt sich Gottier. «Das ist eine Situation, die mir Angst macht.» Schliesslich sei man gut in die Gemeinde integriert. Schon die Kinder der Gemeinschaft besuchen im Winter die örtliche Schule (im Sommer werden sie von den Eltern unterrichtet) und seien akzeptiert. «Ich, meine Familie und die Gemeinschaft wünschen uns, dass die Behörden bald einen Standplatz in dieser Region zur Verfügung stellen können», sagt er.

Zusammenhalt und Harmonie

Trotz dieser Situation: Für nichts würde Gottier sein Leben tauschen wollen. «Wenn es wieder Frühling wird, verspüre ich den Drang, aufzubrechen.» Das wird spätestens im März nächsten Jahres der Fall sein. Der Zusammenhalt und die Harmonie unter den Jenischen, die ausgesprochene Familienmenschen sind und sogar eine eigene Sprache haben, ist ein weiterer Grund, weshalb Gottier sein Leben schätzt. «Im Sommer gemeinsam abends um ein Lagerfeuer sitzen und den Tag Revue passieren lassen, ist einfach wunderschön.» Eine Vorstellung, die vielleicht auch für «Aussteiger» attraktiv sein könnte, die sich den Jenischen anschliessen möchten, aber die Regeln sind strikt, wie Gottier betont: «Um unserer Gemeinschaft anzugehören, musst man ein gebürtiger Jenischer oder eingeheiratet sein.»

«Zigeuner» sagt man nicht

Schweizer Jenische und Sinti kämpfen nicht nur für Akzeptanz und genügend Stand- und Durchgangsplätze, sondern auch gegen die immer noch geläufige Bezeichnung: «Zigeuner». Ein Wort, das seit den 1980er-Jahren als diskriminierend und politisch unkorrekt gilt. Denn es bedeutet nichts anderes als «Zieh-Gauner». Trotzdem hält sich diese Bezeichnung bis heute hartnäckig. Selbst auf Speisekarten tauchen immer wieder «Zigeunersalate» oder «Zigeunerschnitzel» auf.
Neben diesem Begriff sind es auch gängige Klischees, die sich bis heute halten. Die romantische Verklärung der «Zigeuner» wurde mit der Kultur geschaffen. Ein frühes Beispiel ist Miguel de Cervantes’ Buch «Geschichte des Zigeunermädchens» aus dem Jahr 1613, in welchem die Titelheldin nicht nur die schönste und beste Tänzerin der «Zigeunerschaft» war, sondern auch in Diebeskünsten bestens Bescheid wusste.

Es ist ein Image, dem man heute noch begegnet: Im 2011 erschienen Kinofilm «Sherlock Holmes – Spiel der Schatten» tritt die Schauspielerin Noomi Rapace als «Wahrsage-Zigeunerin» auf, ähnlich wie die Hauptfigur in Cervantes’ Novelle. Das Klischee der Männer ist ebenfalls exotisch: verwegen, dunkle Augen und ein Schnurrbart sind prägend. Und sie alle umweht die Kriminalität.
Auch die Jugendliteratur wurde von diesen Stereotypen nicht verschont. Ein bekanntes Beispiel sind die «Fünf Freunde» von der britischen Autorin Enid Blyton, in deren Romanen «Zigeuner» auftreten und die genannten Klischees transportierten. In den 1990ern wurde der Begriff aus den Büchern von Blyton entfernt – was aber die diskriminierende Aussage nicht kaschierte. So wurde beispielsweise aus dem «Zigeunermädchen» die «wilde Jo», doch ihre Figur blieb dieselbe.

Die Benutzung des Begriffs zur Zeit des Nationalsozialismus ist ein
weiterer wichtiger Grund, weshalb er verurteilt wird. Unter Hitler wurde zur «Bekämpfung des Zigeunerwesens» aufgerufen; der systematischen
Verfolgung von Roma und Sinti. Die Rede ist von mehreren Hunderttausenden Ermordeten in ganz Europa. (ddi)