Limmattal

Fahrenden fehlt im Bezirk Dietikon der Ort, der ihnen zusteht

Für Jenische gibt es in Dietikon nur noch einen Standplatz im Gebiet Stierenmatt. Was fehlt, ist ein offizieller Durchgangsplatz für kurze Aufenthalte.

Für Jenische gibt es in Dietikon nur noch einen Standplatz im Gebiet Stierenmatt. Was fehlt, ist ein offizieller Durchgangsplatz für kurze Aufenthalte.

2018 bat das Limmattal den Kanton, bei der Suche nach einem Durchgangsplatz im Bezirk Dietikon zu helfen. Passiert ist kaum etwas.

Im Schlieremer Zentrum liessen sich vor kurzem Fahrende hinter der Sommerbeiz nieder. Der jenischen Bevölkerungsgruppe gehören in der Schweiz rund 30000 Personen an. Sie sind zum Teil auf solche Zwischenstationen angewiesen. Die Begegnung veranlasste Gemeinderätin Sarah Impusino (CVP) dazu, sich mit einer Kleinen Anfrage an den Stadtrat zu wenden. Ihre Frage lautete, weshalb in Schlieren erneut Fahrende untergebracht seien, zumal der offizielle Standort auf der Geissweid der Limmattalbahn weichen musste. Auch die anderen Gemeinden im Bezirk stünden in der Verantwortung, einen Platz anzubieten. Sie finde, dass das Schlieremer Zentrum den Einwohnern zum Verweilen zur Verfügung stehen sollte, besonders weil sie in letzter Zeit auf Grund von Bauarbeiten gelitten hätten.
Der Stadtrat nahm dazu Stellung: Die Erlaubnis sei von kurzer Dauer gewesen und die Anfrage sei aus einer Notsituation entstanden. «Die Fahrenden haben im Zusammenhang mit der Coronakrise ersucht, sich während dreier Wochen in Schlieren aufhalten zu dürfen.» Im Hinblick auf die Tradition in Schlieren, für das Zusammen­leben von verschiedenen Kulturen und Ethnien gute Bedingungen zu schaffen und in Notsituationen unbürokratisch Hilfe zu leisten, sei es den Fahrenden gestattet worden, ihre Wagen für zwanzig Tage auf dem freien Gelände zu stationieren. Es sei aber kommuniziert worden, dass es sich um ein grosses solidarisches Entgegenkommen in der Coronakrise handele.

Die Gemeinden tun sich schwer, einen neuen Platz zu finden

Dieser Erlaubnis der Stadt Schlieren geht eine längere Vorgeschichte voraus. Für Jenische steht im Limmattal kein Durchgangsplatz zur Verfügung. Das stellt ein Problem dar, denn der kantonale Richtplan sieht vor, dass die verschiedenen Regionen fünf Standplätze und dreizehn Durchgangsplätze für Fahrende bereitstellen. Ein Standplatz ist von Durchgangsplatz zu unterscheiden. Standplätze stehen Fahrenden ganzjährig zur Verfügung. Durchgangsplätze werden nur für kurze Zeit belegt. Für den Bezirk Dietikon fehlt ein Durchgangsplatz. Jener auf der Geissweid wurde zum Wendeplatz für das Tram umfunktioniert. Eine Alternative existiert zwar in Birmensdorf auf dem Parkplatz bei der Badi Geren. Dieser ist aber nur im Winterhalbjahr verfügbar. Zudem ist es kein offizieller Standort.
Im Dietiker Gebiet Stierenmatt zwischen Limmatfeld und Silbern befindet sich noch ein offizieller Standplatz. Aber auch dieser müsste aufgehoben werden, wenn das geplante Limmatfeld-Schulhaus gebaut wird. Zur Zeit liegt die Schwierigkeit aber darin, einen Durchgangsplatz zu bestimmen. Zuständig für die Ausscheidung der Durchgangsplätze seien die Planungsregionen in Zusammenarbeit mit dem Kanton und den Gemeinden, sagt Kaspar Fischer. Er ist seit Juli 2019 Regionalplaner im Limmattal. Die Planungsregion Limmattal ist deckungsgleich mit dem Bezirk Dietikon.

Die Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL) habe 2017 eine Grob­evaluation von zehn Standorten vorgenommen, sagt Fischer. «Daraus haben sich vier potenzielle Standorte herauskristallisiert.» In den Gesprächen mit den Gemeinden und Grundeigentümern habe sich jedoch herausgestellt, dass diese vier Plätze doch nicht geeignet seien, sagt er. Im Jahresbericht 2017 steht, dass die Gemeinden respektive die Grundeigentümer sehr negativ und teilweise ungehalten reagierten, sodass die Standorte verworfen werden mussten. Letztlich spielten gemäss Fischer mehrere Gründe eine Rolle: Zum einen werden die Flächen bereits anderweitig langfristig genutzt oder vermietet, zum anderen seien sie teilweise auch topografisch ungeeignet gewesen. Von der ZPL wurde im Anschluss der kantonalen Baudirektion gemeldet, dass in den Gemeinden keine geeigneten Plätze für Fahrende gefunden wurden. Ein Jahr später fand eine gemeinsame Sitzung mit dem Kanton statt. Die Baudirektion nahm 2018 als Ergebnis den Auftrag mit, einen Standort im Bereich des Autobahndreiecks Fildern zu suchen. Dieses Landstück liegt an der Gemeindegrenze von Birmensdorf und Wettswil.


«Die Abklärungen dazu laufen noch», schreibt Markus Pfanner, Sprecher der kantonalen Baudirektion auf Anfrage. «Betreffend diesen Bereich wurde mit dem Bundesamt für Strassen (Astra) als Grundstückseigentümerin Kontakt aufgenommen.» Der Kanton könne bei der Standortsuche hauptsächlich dadurch beitragen, indem er verfügbare Areale von Bund, Kanton und Gemeinden prüfe. «Die Schwierigkeit ist, dass es kein 08 / 15-Rezept gibt, um zu einem neuen Platz zu kommen», sagt er. Wichtig sei es, die involvierten Kreise zu sensibilisieren.

Der Kanton soll die Entscheidung hoheitlich treffen, findet die ZPL

Eigentlich sieht der Kanton vor, dass die Standorte einvernehmlich mit allen Beteiligten gefunden werden. «Die Standortevaluation ist eine Gemeinschaftsaufgabe», sagt Pfanner. Die ZPL würde sich aber wünschen, dass der Kanton die Entscheidung fällt. Die ZPL habe das gemeinsame Vorgehen bereits mehrfach kritisiert und angemerkt, dass es schwierig sei, einen Standort so zu finden, sagt Fischer. Sie habe deswegen vorgeschlagen, dass die Planungsregion potenzielle Standorte auf Grund raumplanerischer Kriterien identifizieren würde, dass aber eine Festlegung später durch den Kanton hoheitlich zu treffen sei. «Letztlich dürfte die hoheitliche Bestimmung im Interesse der Öffentlichkeit liegen und zur Umsetzung der rechtlichen Vorgaben des Bundes beitragen», sagt Fischer.

Ein Durchgangsplatz Fildern würde für den Bezirk ausreichen

Für mehr Akzeptanz dürften eine verstärkte Aufklärung und der vermehrte Austausch mit anderen Planungsregionen und den Fahrenden als Nutzern der Durchgangsplätze sorgen, sagt Fischer. «Wir gehen davon aus, dass wir informiert werden, wenn neue Erkenntnisse vorliegen, und es dann zu einer Sitzung kommen wird», sagt er. Der Ball liege zurzeit beim Kanton. Wie lange es dauert, bis ein neuer Platz ausgehandelt wird, liesse sich nicht abschätzen.

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