Bezirksgericht Dietikon
Ex-Jugendcamp-Leiter erneut verurteilt: Der Drogenkurier scheiterte am Einfahrtsverbot

Ein Mann, der bis 2006 in Spanien ein Erziehungscamp geführt und die Sozialhilfe betrogen hatte, wurde wieder straffällig: Für schnelles Geld wollte er 18 Kilogramm Drogen aus Dietikon zur Berner Reithalle liefern.

David Egger
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Der Bahnhofplatz Dietikon wurde dem Drogenkurier zum Verhängnis: Er missachtete das Einfahrtsverbot, das für Privatfahrzeuge gilt. Die Kantonspolizei kontrollierte ihn – und fand im VW Golf lauter Säcke voll Marihuana. DEG

Der Bahnhofplatz Dietikon wurde dem Drogenkurier zum Verhängnis: Er missachtete das Einfahrtsverbot, das für Privatfahrzeuge gilt. Die Kantonspolizei kontrollierte ihn – und fand im VW Golf lauter Säcke voll Marihuana. DEG

Das hat sich gelohnt: Am 9. Dezember 2014 markierte die Kantonspolizei beim Dietiker Bahnhof Präsenz. Und erwischte um 10.30 Uhr einen Drogenkurier. Seine Vorgeschichte ist international bekannt. Und sie ist lang: Der Mittfünfziger, ursprünglich aus dem Limmattal, führte früher in Spanien ein Erziehungscamp für Jugendliche, obwohl er keine Ausbildung dafür hatte. Finanziert wurde das mit Geld des Stadtzürcher Sozialdepartements. Das Camp wurde nach einer Razzia von der spanischen Justiz im April 2006 geschlossen, als entlaufene Jugendliche monierten, eingesperrt worden zu sein.

Es war der erste von mehreren Fällen, die ein schlechtes Licht auf das Stadtzürcher Sozialdepartement warfen, woraufhin die Stadträtin Monika Stocker (Grüne) 2008 zurücktrat. Der Camp-Leiter bezog zudem noch Sozialhilfe von der Stadt Zürich. Für diesen Sozialhilfebetrug wurde der Schweizer 2007 zu 12 Monaten bedingt verurteilt. In Spanien folgte 2010 ein Geldstrafen-Urteil wegen Urkundenfälschung. Auch der Militärjustiz ist der heute im Kanton Bern wohnhafte Mann bekannt: Er sass einst als Dienstverweigerer für mehrere Monate ein.

Damit zurück zum 9. Dezember 2014: Die Kantonspolizisten stoppten den Mann beim Bahnhofplatz Dietikon, weil er mit dem VW Golf das Einfahrtsverbot ignorierte, das dort seit den 90er-Jahren gilt.

Sein Auto war ramponiert

Im Wagen fanden sie 18 Kilogramm Marihuana, verkaufsfertig in Plastiksäckchen, verstaut in Taschen, die zugedeckt waren mit Misteln. Hinzu kommt: Die Bremsbeläge und der Abgastest waren abgelaufen, die Nummernschilder gefälscht und die Vorderreifen waren ungleichen Typs. Zudem hatte der Mann das 20-Fache des Ecstasy-Grenzwerts im Blut. Der Beifahrer, seines Zeichens auch im Drogenhandel tätig, legte in der Untersuchung ein Geständnis ab. Dabei kam heraus, dass ihm der Ex-Camp-Leiter weitere 12 Kilogramm Marihuana verkauft hatte. Das bestritt der Beschuldigte gestern vor Bezirksgericht. Zudem, so sagte er, sei er fahrfähig gewesen – das Ecstasy habe er Tage zuvor konsumiert. Die anderen Vorwürfe anerkannte er.

20 Monate...

... bedingt lautet das Urteil gegen den Marihuana-Transporteur. Es sei ein Grenzfall und die Voraussetzungen für eine bedingte Strafe seien gerade noch erfüllt, so die Richter. Sollte der Mann bis 2021 wieder straffällig werden, müsste er doch noch in den Knast.

In der Untersuchung bemühte er zuerst eine Ausrede: Die Taschen mit dem Marihuana habe er bei einer Pinkelpause auf der Autobahnraststätte in Kölliken gefunden und ohne reinzuschauen mitgenommen. Die moderne Technik stiess diese Lüge aber um. Denn die Polizei wertete die Daten seines Navigationsgeräts aus.

Nun gestand der Mann, das Marihuana bei der Ziegelägerten in Dietikon von drei unbekannten Personen erhalten zu haben. Von dort hätte er es zur Berner Reithalle bringen sollen. 400 Franken Lohn erhielt er bereits in Dietikon, weitere 600 wären dann in Bern bei der Reithalle bezahlt worden.

Fünf Monate Untersuchungshaft

Nachdem die Kantonspolizei den Drogenkurier auf dem Bahnhofplatz verhaftete, brachte sie ihn ins Gefängnis Limmattal. Nach 148 Tagen in Untersuchungshaft entschied das Obergericht seine Freilassung gegen den Willen der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis. Diese verlangte gestern eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten unbedingt und 24 Monaten bedingt, hatte der Angeklagte doch insgesamt mit 30 Kilogramm Marihuana zu tun. «Es dürfte sich um einen grösseren Fisch handeln, der der Polizei hier ins Netz gegangen ist», so Staatsanwalt Beat Suter-Karer.

«Ich stelle mir die Frage, ob da nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird», meinte dagegen Verteidiger Ivo Harb, vor allem in Bezug auf den Ermittlungsaufwand. Harb – vom berühmten Anwaltsbüro Landmann – kritisierte zudem, dass der den Rapport verfassende Polizist sich nicht mit Drogen auskannte und den Wert des Marihuanas zu hoch einschätzte. Der Anwalt plädierte auf eine bedingte Geldstrafe à 270 Tagessätze.

«Nach unserer Auffassung sind Sie kein grosser Drahtzieher. In der Drogenhandelshierarchie sind Sie aber auch nicht ganz unten anzusiedeln, da Sie als Zwischenhändler nicht mit Endabnehmern zu tun hatten», sagte Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher bei der Eröffnung des Urteils. Der Mann ist in allen Punkten schuldig und erhält 20 Monate bedingt bei einer Probezeit von 4 Jahren – ein Jahr mehr, als der Staatsanwalt forderte. Die Voraussetzungen für eine bedingte Strafe seien gerade noch erfüllt, so Aeschbacher. Der Mann muss zudem 500 Franken Busse und Tausende Franken Gebühren zahlen.

Für ihn sprach, dass seine Vorstrafen lange her sind und nichts mit Drogen zu tun hatten. Zudem hat er sich seit der Freilassung nichts zuschulden kommen lassen. Die Untersuchungshaft hat ihm zu denken gegeben. Den Drogen hat er abgeschwört, nur Alkohol konsumiert er noch, das aber selten. Auch das Einfahrverbot beim Bahnhof wird er künftig kaum mehr missachten.