Urs* ist clean, seit 15 Jahren. Nur Zigaretten raucht er noch. Sonst konsumiert er keine Drogen. Kein Heroin. Kein Kokain. Keinen Alkohol. «Nicht, weil ich ein Held bin, sondern weil ich weiss, wie es auf der anderen Seite aussieht und nie mehr dahin zurückwill.» Urs ist ein hellwacher Zeitgenosse, er spricht in den schönsten Bildern, kann von seinen Drogenzeiten erzählen, als hätte er sie nicht selbst durchtorkelt, und in ihm steckt ein Witz, es geht einem das Herz auf. Doch das Leben hat ihn zerschlagen, ihn kaputtgemacht, immer wieder. Und doch hofft er, dass eines Tages alles gut kommt.

Wenn er etwa endlich die verdiente Rente für den grässlichen Unfall vor sieben Jahren bekommt und nicht mehr jedes Mal Geld für die Rückfahrt in sein heutiges Zuhause erbetteln muss. Weil das Existenzminimum eben nicht ausreicht, wenn man einmal im Monat im Balgrist erscheinen muss, um seinen metalldurchbohrten Körper zu zeigen. Und wenn man keine illegalen Dinger mehr drehen darf, obwohl das doch so viel einfacher wäre, für einen, der sich 20 Jahre lang auf der Gasse durchgeschlagen hatte. «Heute warte ich in Zürich sogar am Fussgängerstreifen, bis die Ampel auf Grün schaltet. Als Einziger in der ganzen Stadt.»

Urs ist clean und wird es bleiben, es gibt gar keine andere Möglichkeit. Seit er auf dem Bahnhof stand, von dem aus «auf dem einen Gleis der Zug Richtung Friedhof fuhr und auf dem anderen der nach Nimm den Finger raus», das war ein paar Jahre, nachdem der Letten geräumt wurde. Nach dem Entzug in Frankreich hat er sich mehr schlecht als recht mit Temporärarbeit durchgeschlagen; seit dem Unfall führt er nun seinen Kampf mit den Ämtern. «Grosse Chancen hatte ich nicht, als ich in die Schweiz zurückkam.»

Die Hölle begann im Heim

Grosse Chancen hatte Urs nie. Als die Eltern verunglückten, war er vier Jahre alt. Er wurde zwischen den Heimen hin- und hergeschoben, «schlimme Läden waren das», denn er war einer, der sich wehrte, worauf immer alles noch viel schlimmer wurde; gross werden in der Erziehungsanstalt Aarburg, als Lausbub, der auch noch denken konnte, das war kein guter Start ins Leben. Als er einmal abgehauen war, haben sie ihn nicht nur fürs Abhauen bestraft, sondern auch fürs Stehlen, das gar nicht stattgefunden hatte, «und die Strafen in Aarburg, wer das erlebt hat, der hat genug Busse für mehrere Leben getan». So hatte er beim nächsten Ausreissen halt einmal Klauen zu gut, so einfach war das im Kopf des kleinen Urs, und gescheit genug, sich dabei nicht erwischt zu lassen, war er auch. «Wenn man den Schritt in die Illegalität einmal getan hat, ist es schwierig, da wieder rauszukommen», sagt er heute.

Wenn er heute auf diese Zeit zurückblickt, sagt er: «Ich bin wie ein Zombie durchs Leben gestolpert.» Mit seiner Vergangenheit ist er heute versöhnt, es war halt sein Leben, und beim Entzug in Frankreich hat er «aufgeräumt», nicht nur körperlich, vor allem in der Seele. Körperlich hat er die Drogenzeiten gut überstanden, sagt er, «ich habe nicht viel mehr Schaden genommen, als jene, die jeden Abend zwei Stangen trinken». Sonst: kein HIV, keine Hepatitis, keine bleibenden Leberschäden. «Früher waren die Drogen halt auch noch besser. Der heutige Stoff brennt einem ja Löcher ins Hirn», sagt er.

Dennoch ist sein Akku heute so leer wie sein Portemonnaie, auch dank dem mühsamen Kampf um die Unfallgelder — «bös wurde ich da vercharret, ganz bös. Die Versicherungen denken, die Ex-Junkies sind ja alle Deppen, mit denen kann mans machen». Doch mit Urs sind sie an den falschen Ex-Junkie geraten, an einen, der seit Kindestagen sein Recht will, «nicht mehr und nicht weniger», und seine Augen leuchten traurig auf, als er das sagt. «Aber solche Sachen interessieren ja niemanden.»

Dieser verdammte Lebenswille

Ans Aufgeben hat er schon viel gedacht, all die Schläge, die er einstecken musste, wortwörtlich und im übertragenen Sinn, die steckt ein Mensch nicht einfach so weg. Wenn da nur nicht stets dieser verdammte unbändige Lebenswille gewesen wäre und heute noch ist, «ich hätte mich ja längst umgebracht, wenn das je infrage gekommen wäre». Doch wenn er heute wieder einmal einen alten Weggefährten aus den Zeiten des Zürcher Drogenelends antrifft, aus dieser Welt, in der es keine Kameradschaften gab, nur Interessengemeinschaften, in diesen Momenten ist er froh, zumindest nicht in der Methadonsucht gelandet zu sein wie sie, «jetzt einfach auf einer viel perfideren Droge als früher, dafür kommt sie Frei Haus. Und trotzdem müssen sie nebenbei noch was auf der Strasse mischeln».

Als Urs sich in Richtung 31er-Bus verabschiedet – er muss noch sein Rückfahrtbillett organisieren – sagt er: «Pass auf dich auf.» Er zottelt davon, in jugendlich federndem Schritt, trotz seiner 68 Jahre, der Metallplatten im Körper und der Erfahrungen, die andere umgebracht hätten. Urs hat die Drogen überlebt — und wenn auch nur, um weiterzukämpfen.

*Name geändert