«Los geht’s!» ruft Bettina Uhlmann und bittet die erste Kandidatin in den Raum. Es gibt viel zu tun: Nicht weniger als 32 Rollen sind zu vergeben für das Stück «Der Besuch der alten Dame». Regisseurin Karin Berry und Produzentin Bettina Uhlmann wollen das Stück von Friedrich Dürrenmatt im September des nächsten Jahres anlässlich des Schlierefäschts auf die Bühne bringen. Es soll – wie schon beim letzten Fest, als sie «Die kleine Niederdorfoper» aufführten – ein Theater von Schlieremern für Schlieremer werden. Gesucht werden nun Schauspieler für kleine und grosse Rollen: die alte Dame und ihr ehemaliger Geliebter, der Bürgermeister und der Pfarrer, der Radioreporter oder das Fräulein Luise.

Am Wochenende traten Interessierte im Halbstundentakt zum Casting an. Zuerst Susi Lagler: Sie ist eine alte Bekannte, hat sie doch bereits vor vier Jahren in der Niederdorfoper mitgespielt. Sie lässt sich nicht lange bitten, stützt resolut die Arme in die Hüften und trägt im schönsten Urner Dialekt ein Lied vor. Die Theatermacher nehmen sich für alle viel Zeit. «Schön, dass du da bist», sagt Karin Berry und versucht, im lockeren Gespräch über Motivation und Rollenwünsche den Kandidatinnen und Kandidaten etwas die Nervosität zu nehmen. «Es geht darum, dass möglichst viele Leute mitmachen können», erklärt sie. Natürlich brauche das Theaterspielen auch etwas Begabung, aber es seien auch kleine Rollen zu vergeben, wenn sich jemand nichts Grösseres zutraue. Wichtig ist ihr, dass die Truppe zu einem Team zusammenwachsen kann, damit die Produktion zum Erfolg wird.

«Ich könnte Bäume ausreissen»

Draussen vor der Türe wartet bereits die nächste Kandidatin. «Es ist wie beim Doktor im Wartezimmer», sagt Bettina Uhlmann lächelnd und beruhigt gleich: «Wir fressen hier niemanden.» Regula Heckmann ist gespannt, was auf sie zukommt. «Es bricht für mich keine Welt zusammen, wenn ich nicht mitspielen darf», sagt sie. Dann steht sie da und trägt ohne Vorbereitung die Rede der Claire Zachanassian vor, die nach 45 Jahren in ihren Heimatort Güllen zurückgekehrt ist, um Rache an ihrem ehemaligen Liebhaber zu nehmen. «Eine Milliarde für den Tod von Alfred Ill» ruft sie in den Raum und aus dem Stegreif singt sie auch «Guten Abend, gute Nacht». Beschwingt verlässt sie den Raum: «Ich war dann doch etwas nervös», gesteht sie. «Aber jetzt könnte ich Bäume ausreissen.»

Auf den 19-jährige Davide Autiero, der trotz Heiserkeit eine bitterböse Moritat des österreichischen Kabarettisten Georg Kreisler zum Besten gibt, wartet vor der Türe sein Vater Raffaele. Davide habe alles, was es zum Theaterspielen brauche, sagt er. «Er macht das mit Leidenschaft und wir sind stolz auf ihn.» Der junge Secondo hat eben seine Lehre abgeschlossen und eine eigene Theatergruppe ins Leben gerufen. Auch er ist ein «Wiederholungstäter» und die Theaterleute freuen sich sichtlich über den Auftritt des talentierten jungen Mannes. Dieser kann es sich durchaus auch vorstellen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. «Das wäre eine coole Herausforderung», sagt er und schlingt sich theatralisch seinen dicken weissen Schal um den Hals.

«Ein solches Casting zu erleben, macht grosse Freude», sagt Rolf Wild, OK-Präsident des Schlierefäschts. Vor vier Jahren habe er beim Casting eigentlich nur einen kurzen Höflichkeitsbesuch machen wollen und sei dann zwei Tage dabei geblieben. «Ich hatte Tränen in den Augen angesichts der Lebensfreude der Menschen, die da vorspielten», erinnert er sich. Eine solche Theaterproduktion zu erleben, quasi von deren Geburt an, das sei ein fantastisches Erlebnis.

Im Januar wissen sie mehr

Wer die alte Dame, ihren ehemaligen Liebhaber oder ihre zwölf Ehemänner spielen wird, darüber wird im Januar informiert. Danach geht es ans Auswendiglernen und ans Proben. Und im Hintergrund werden viele unsichtbare Helfer arbeiten, für die es kein Casting gibt. Sie werden dafür sorgen, dass Kulissen und Kostüme, Schminke und Beleuchtung, Ton und Verpflegung und was es sonst noch alles für eine erfolgreiche Aufführung braucht, rechtzeitig bereit sein werden.