Birmensdorf

ETH-Militärakademie: Hier kämpfen die Wissenschaftstruppen

Seit zehn Jahren befindet sich die ETH-Militärakademie im Reppischtal – und strahlt bis nach China.

Keine Frage: Die Zürcher ETH ist in der ganzen Welt bekannt – ganz im Gegensatz zu ihrer Zusammenarbeit mit der Schweizer Armee in Birmensdorf. Seit 2006 befindet sich dort in einem ehemaligen Gebäude der Rekrutenschule die «Militärakademie an der ETH Zürich» (Milak). Zwar sind auch hier die Tarnanzüge allzeit präsent, aber unter den 50 Mitarbeitern hat es auch so einige Anzugträger – wie etwa den Österreicher Professor Franz Kernic: In seiner Heimat zum Oberst ausgebildet, hat er heute die Dozentur für Führung und Kommunikation an der Birmensdorfer Milak inne. Auch der Frauenanteil ist an der Milak höher als anderswo in der Armee: Zwar sind alle Dozenten Männer, insgesamt sind beim akademischen Milak-Personal aber die Frauen in der Mehrheit.

Neben der Forschung, die an den sechs verschiedenen Dozenturen betrieben wird (siehe auch Text unten), ist die Milak auch eine Hochschule: Sie bildet zusammen mit der ETH Berufsoffiziere aus, im Diplomlehrgang (für Studierte), dem Bachelorlehrgang (für Maturanden und Berufsmaturanden) oder der Militärschule (für Lehrabgänger).

Wer denkt, dass die Armee jeden nimmt, damit sie genug Leute hat, wird von Milak-Direktor Daniel Moccand (60) eines Besseren belehrt: «Die Selektion ist scharf, denn unser Ruf soll nicht geschädigt werden. Ein Drittel der Bewerber fliegt beim Aufnahmeprozedere raus, oft wegen der Sprache.» Wer nicht in einer zweiten Landessprache sattelfest ist, hat wenig Chancen.

Vor 165 Jahren stand die Idee

Die Geschichte der Milak geht zurück bis ins Jahr 1851, als der Bundesrat einen ersten Entwurf für die Gründung einer Eidgenössischen Technischen Hochschule erarbeitete. Darin sah die Regierung auch militärwissenschaftlichen Unterricht an der ETH vor. Doch es dauerte noch eine Weile, bis an der ETH die ersten militärwissenschaftlichen Vorlesungen gehalten wurden: Erst 1877 war es soweit. Obgleich es sich damals noch um Freifächer handelte, wird das Jahr 1877 heute als Gründungsdatum der ETH-Militärakademie angesehen. 1878 wurde dann der erste militärwissenschaftliche Professor angestellt und die eigene Militärabteilung der ETH war Tatsache. Über die Jahre veränderte sich der Name immer wieder. Zuletzt wurde die Institution 2002 umbenannt, von der «Militärischen Führungsschule» in «Militärakademie». Laut Militärhistorikern hatte das auch marketingtechnische Gründe: Denn mit der Abkürzung MFS wurde oft gewitzelt: So hiess es beispielsweise, es handle sich dabei um das Ministerium für Staatssicherheit (das war der offizielle Name der Stasi in der DDR).

2006 zog die Milak dann vom alten Standort in Wädenswil nach Birmensdorf. Zur Eröffnungsfeier sagte der damalige Birmensdorfer Gemeindepräsident Jakob Gut zu dieser Zeitung: «Das wertet unsere Gemeinde auf. Sonst werden wir wohl nicht viel davon bemerken.» Dass die Milak in Birmensdorf steht, geht zuweilen unter: Kommen ihre Forscher in den Medien zu Wort, werden sie oft als Wissenschafter der ETH Zürich bezeichnet.

«Wir haben halt keine Panzer»

Direktor Daniel Moccand weiss darum. Für die kleine Militärakademie sei es aber schwierig, sich attraktiv der Öffentlichkeit zu zeigen: «Wenn wir zum Beispiel einen Tag der offenen Tür machen würden, könnten wir den Gästen kaum spannende Ausrüstung zeigen. Wir haben halt keine Panzer», sagt der Innerschweizer. Doch zumindest armeeintern läuft bei der Milak zurzeit das Projekt «Visibilität»: So informiert die Milak beispielsweise alle Generäle über die Forschungsaktivitäten und deren Mehrwert für die Armee. Das soll auch die Wahrscheinlichkeit senken, dass die Milak Sparbemühungen zum Opfer fällt. Zuletzt musste sie 2010 einzelne Stellen abbauen. Direktor Moccand wünscht sich vielmehr einen Ausbau, um eine siebte Dozentur errichten zu können. «Wir sollten verstärkt Entwicklungen antizipieren und uns vermehrt auch der Militärtechnologie widmen können, insbesondere im Cyber-Bereich», so Moccand. Derzeit beendet jede der sechs Dozenturen innert drei Jahren jeweils zwei Forschungsprojekte, von denen jedes inklusive Personalkosten mit etwa 100 000 Franken zu Buche schlägt.

Die Milak empfängt auch internationale Gäste: So waren diese Woche Kader-
angestellte der Bank of China in Birmensdorf zu Besuch, die sich weiterbilden und für die Schweizer Führungskultur interessieren. Das Wissen aus Birmensdorf wird in die ganze Welt exportiert.

Tibor Szvircsev.

Tibor Szvircsev.

Tibor Szvircsev Tresch: «Das Sicherheitsempfinden ist fast nirgends so stabil wie in der Schweiz.»

An der Birmensdorfer ETH-Militärakademie (Milak) arbeiten auch so manche Koryphäen. Besonders berühmt ist der Militärsoziologe Tibor Szvircsev Tresch, der jedes Jahr eine Studie zum Sicherheitsempfinden der Schweizer Bevölkerung herausgibt, die breit diskutiert wird. Erstmals an der Studie mitgearbeitet hat er 1999, damals noch als WK-Soldat. Zurzeit befindet er sich an einer internationalen Militärsoziologen-Konferenz in Rio de Janeiro. Im Interview mit der Limmattaler Zeitung sagt er nun erstmals, wie sicher er sich selber fühlt.

Tibor Szvircsev Tresch, Sie arbeiten als Soziologe für die Armee. Kann man zu Recht sagen, dass Sie einer seltenen Art angehören?

Tibor Szvircsev Tresch: In der Schweizer Soziologenszene bin ich schon eher ein Ausnahmefall. Eigentlich bin ich sogar ein doppelter Exot, da ich im 80-Prozent-Pensum arbeite, um genug Zeit für meine Kinder zu haben. Unter Angehörigen des oberen Militärkaders ist Teilzeitarbeit sehr selten.

Welchen Vorteil hat es, ein Exot unter den Soziologen zu sein?

Da es so wenige Militärsoziologen gibt, kann und muss man sehr schnell enge internationale Kontakte knüpfen. Das macht es natürlich zusätzlich spannend.

Ihre letzte Studie hatte gezeigt, dass sich die Schweizer weniger sicher fühlen. Wie stehen wir damit im internationalen Vergleich da?

Im Vergleich zu anderen Ländern hat die Schweiz immer noch ein sehr hohes Sicherheitsempfinden. Dieses geht überall etwa gleich stark zurück, war aber in den anderen Ländern schon vor dem Rückgang tiefer. So stabil wie bei uns ist das Sicherheitsempfinden fast nirgends.

Mit den Anschlägen in Frankreich ist der Terror nahe an die Schweiz gerückt. Kein Wunder also, dass das Sicherheitsempfinden abnimmt. Was fasziniert Sie daran, solche Studien durchzuführen?

Im Gespräch mit amerikanischen und europäischen Kollegen stelle ich fest, dass unsere Studie einmalig ist: Es gibt wohl keinen Staat, der so konsequent die gleiche Forschungsanordnung anwendet. Denn wir stellen jedes Jahr in Telefoninterviews die gleichen Fragen zum gleichen Zeitpunkt, im Januar. So lassen sich die Zahlen vergleichen und wir können genau sagen, was sich am Sicherheitsempfinden ändert. Zudem bieten wir eine Orientierung für die Politik und die Gesellschaft. Wir haben den Anspruch, dass auch Menschen ohne Hochschulabschluss die Ergebnisse unserer Studien verstehen können und dass sich die Studien auch mit der Aktualität befassen: Die Fragen, die jedes Jahr gleich sind, machen 70 Prozent der Fragen aus, die restlichen 30 Prozent können wir jeweils auswechseln.

Aktuell ist auch die Abstimmung zum verschärften Nachrichtendienstgesetz morgen Sonntag. Was kann der Militärsoziologe in die Debatte einbringen?

Jetzt, nach der Häufung von Terroranschlägen, zeigt sich, dass sich die Schweizer im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit wieder mehr an der Sicherheit orientieren. Das wird die Abstimmung sicher beeinflussen.

Was schädigt dem Sicherheitsempfinden am meisten?

Die Häufigkeit der Ereignisse, nicht ihr Ausmass. Etwas lapidar kann man sagen, dass das Sicherheitsempfinden viel mehr Schaden nimmt, wenn es in der Schweiz jedes Wochenende eine Messerattacke mit zwei Toten gibt, als wenn es in einer Stadt zu einem einmaligen grossen Terroranschlag kommt. Einzelereignisse kann die menschliche Psyche besser verarbeiten.

Aber auf der anderen Seite lässt uns die Häufigkeit von Terroranschlägen doch abstumpfen, oder nicht?

Zur Häufigkeit und zum Ausmass kommt noch etwas hinzu: Das Gefühl, dass Anschläge überall passieren können. Ohne dieses Gefühl ist die Abstumpfung nicht gross. So ist zum Beispiel Israel im permanenten Ausnahmezustand: Dort ist man sich gewohnt, dass es zu Anschlägen kommt und dass man vor Restaurants mit dem Metalldetektor geprüft wird. Davon sind wir in der Schweiz noch weit entfernt.

Ihre Studie sagt, was die Gesellschaft als Ganzes über die Sicherheitslage denkt. Aber was ist mit Ihnen? Fühlen Sie sich denn auch weniger sicher als auch schon?

Ich fühle mich sicher. Wenn ich ängstlich wäre, würde ich nicht im Zürcher Kreis 4 wohnen. Es kommt aber auf die Fragestellung an. Viele Menschen, die uns sagen, sie fühlen sich sicher, antworten anders, wenn man sie nach der Sicherheit Ihrer Angehörigen fragt. Das merke ich auch bei mir. Wer Kinder hat, ist vorsichtiger. Als wir die Sommerferien planten, war für mich klar, dass ich mit zwei kleinen Kindern in gewisse Länder nicht gehen will. So gingen wir dann nach Griechenland. Fragen zum Reiseverhalten werden wir 2017 vermutlich auch in unsere Studie zum Sicherheitsempfinden einbauen.

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