Mehrere Autos fahren vor. Die Türen werden von Angestellten des Hotels Atlantis aufgehalten und die Besucher steigen aus. Ein Maserati parkiert seitlich des Eingangs zum Luxushotel am Fuss des Üetlibergs. Plötzlich tauchen fünf junge Männer auf. Sie schlendern lässig – als würde sie ein langsamer und grooviger Rhythmus begleiten – in das Gebäude.

Einer der Gruppe ist Mardocay Abraham. Der 19-Jährige ist Songwriter und will am 29. Juni Hörproben seiner Single-Auskopplung veröffentlichen. Abraham wird begleitet von gleichaltrigen Freunden: Einer fotografiert ihn während des Gesprächs ununterbrochen. Ein weiterer vereinbart die Termine und zwei andere stehen ihm unterstützend zur Seite. Alle haben einen ähnlichen Kleidungsstil – es sind bekannte Luxusmarken wie Louis Vuitton, Gucci und Rolex. Sie kämen oft am Wochenende in das Hotel, um an der Bar oder auf der Terrasse etwas zu trinken, sagt der Adliswiler, der im Bezirk Dietikon seine KV-Lehre macht.

Abraham kam als eritreischer Flüchtling vor neun Jahren in die Schweiz. Nun hat er das Ziel, die Schweizer Musikszene umzukrempeln. «Jeder hat eine Verbindung zur Musik. Ich habe mich schon immer dafür interessiert», sagt Abraham. Vor etwa fünf Jahren habe er begonnen, selbst zu komponieren und Liedtexte zu schreiben.

Ghostwriter für R-’n’-B-Musiker

«Ich wurde vor zwei Jahren auf einer Party entdeckt, an der ich auftrat. Alles war noch sehr unprofessionell», sagt Abraham. Er sei daraufhin von einem Manager angefragt worden, Songs zu schreiben. «Ich habe an den Liedern internationaler R-’n’-B-Musiker und Rapper, wie The Weeknd, Travis Scott und Drake, mitgeschrieben», sagt Abraham.

Sucht man Abraham oder seinen Künstlernamen Mvrdo in Zusammenhang mit diesen weltweit bekannten Musikern, findet man nichts. Abraham sagt, dass dies ein grosses Problem sei: «Es schreiben oft mehr als zwei Dutzend Personen an einem Lied. Sie verheimlichen das.»
Er schicke noch immer Beispielstücke an die Künstler, aber seine Meinung habe sich nun geändert. «Ich möchte eine eigene Karriere in der Branche starten.» Wenn seine Lieder so gut ankämen, könne er sie auch mit seinem Namen veröffentlichen. «Es wäre schade, wenn ein Ami Tausende Franken für den Auftritt mit einem Song verdient, den ich geschrieben habe, und ich ein paar hundert Franken.» Das könne und dürfe nicht sein. Deshalb wolle er sich in der Schweizer Musikszene einbringen.

Die Zusammensetzung aus sieben verschiedenen, inhaltlich nicht zusammenhängenden Stücken, die er bald veröffentlichen wird, sei ein erster Schritt in diese Richtung. «Ich muss nun herausfinden, welche Art Song und welcher Stil beim Publikum gut ankommt», sagt Abraham. Er sei ein emotionaler Mensch. «Es ist schwierig einzuschätzen, ob ein Lied so verstanden wird, wie ich es erklären will.»

Der Schweiz «einen Push geben»

Komponieren will Abraham in der Schweiz. «Ich möchte etwas für unser Land machen, für die Schweizer Musikszene», sagt Abraham. Jugendliche würden überwiegend «Ami-Musik» hören. «Wieso können wir nicht einfach hier etwas machen», sagt der Künstler weiter. «Man muss nicht nach Amerika, um etwas zu erreichen.»

Er wolle der inländischen Musikszene «einen Push geben». Die Schweiz solle nicht mehr nur für Schoggi und Banken bekannt sein. «Es wird Zeit, dass wir auch durch unsere Musik auffallen.» Es gebe international bekannte Schweizer Produzenten, beispielsweise OZ, die sich für die hiesige Branche einsetzten.

Abraham ist nach Los Angeles geflogen, um die Stücke in einem professionellen Studio aufzunehmen. Er werde wegen des Jetlags in den ersten paar Tagen immer krank. «Ich musste mich halt durchkämpfen. Letztlich haben die Studios auch nicht alle Zeit der Welt», sagt Abraham. Er sei zufrieden mit dem Resultat. «Ich veröffentliche nur Musik, zu der ich auch stehe.» Er finanziere das Projekt allein oder durch gelegentliche Auftritte in der Schweiz.
Abraham möchte als nächstes Projekt sommerliche Songs schreiben und diese veröffentlichen. «Als Newcomer muss man immer aktiv bleiben. Sonst gerät man schnell in Vergessenheit.» Er werde deshalb immer Lieder komponieren: «Es ist mein Leben. Ich verarbeite meine Gefühle. Es gibt fast keinen Moment, in dem ich nicht an Musik denke.»