Von Margrit Gähwilers Balkon hat man eine gute Sicht auf das nahegelegene Oetwiler Gemeindehaus und den Gemeindespycher. Die Nähe zu Letzterem erwies sich für die Seniorin jahrelang als äusserst praktisch. Im Spycher fanden nämlich die Sitzungen für den gemeindeeigenen Fahrdienst statt, um den die 80-Jährige seit der Gründung 1990 besorgt war. Doch seit April ist für Gähwiler Schluss. Sie hat das Präsidium Gaby Winiger anvertraut.

«Ich bin schon etwas wehmütig, aber es war Zeit, aufzuhören», sagt Gähwiler.
Seit über 50 Jahren hat sich die Oetwilerin der gemeinnützigen Arbeit verschrieben. Sie präsidierte den Frauenverein, den Samariterverein in Oetwil, im Limmattal und im Kanton Zürich. Zudem setzte sie sich für das Schweizerische Rote Kreuz ein, war als Fahrerin und im Kantonalvorstand tätig. Und nicht nur das: Sogar in der Ortsfeuerwehr engagierte sich Gähwiler als erstes weibliches Mitglied. Nun wolle sie die Zeit für sich, ihre Kinder und Enkelkinder nutzen. «Die habe ich lange genug vernachlässigt», sagt sie und lacht.

Das soziale Gewissen habe sie von ihren Eltern in die Wiege gelegt bekommen, sagt Gähwiler. «Mein Vater war Arzt, meine Mutter Krankenschwester. Nächstenliebe wurde in meiner Familie grossgeschrieben.» So kam es auch dazu, dass die gebürtige Frankfurterin eine Ausbildung zur Zahnarzt- und Arzthelferin absolvierte, bevor sie ihren Ehemann kennenlernte und in die Schweiz zog.

Doch nicht nur deshalb verschrieb sie sich dem Wohl anderer. Der frühe Verlust ihres Sohnes war wohl der entscheidende Auslöser für ihr langjähriges Engagement. «Er verunglückte bei einem Zusammenstoss mit einem Auto tödlich.» Beeindruckt von einem Helfer, der mit einem Samariterkoffer erste Hilfe leisten wollte, fasste sie den Entschluss es ihm gleich zu tun. «Auch wenn er meinem Kind leider nicht helfen konnte, inspirierte mich dieser Mann. Ich wollte lernen, andere Menschen zu retten.»

Frau der ersten Stunde

Gähwiler war neben Hildegard Gosteli die Frau der ersten Stunde, als die Kommission für Autofahrdienste vor 28 Jahren ins Leben gerufen wurde. Zwei Jahre lang war sie als Fahrerin unterwegs, bis sie sich ausschliesslich dem Administrativen widmete. Gosteli kümmert sich bis heute um die Koordination der Einsätze. «Oetwil war damals das Dorf der ‹alten Leute›. Wir fragten uns, wie Senioren und Beeinträchtigte, die nicht mehr Autofahren dürfen und weit oben am Hang wohnen, zum Arzt, zur Therapie oder zur Apotheke gelangen», sagt Gähwiler.

Mit dem Fahrdienst habe man ihnen und auch jüngeren Personen mit Einschränkungen eine günstige Alternative zu Taxis bieten wollen. Die Fahrt von Oetwil ins Nachbardorf Geroldswil kostet seit eh 5 Franken. Für einen Besuch im Spital Limmattal zahlen Passagiere 20 Franken. «Besuche auf dem Friedhof oder Besorgungen unterwegs waren und sind ebenso möglich», sagt Gähwiler. Dass der Fahrdienst aber Plauschfahrten ins Kino oder in ein Restaurant unternimmt, dagegen hat sich die ehemalige Präsidentin immer gewehrt. «Dafür gibt es andere Angebote. Der Fahrdienst ist eine Lebenshilfe.» Und dazu gehört nicht nur der Fahrservice. «Das Zuhören während der Fahrt ist genau so wichtig», findet Gähwiler. Viele der älteren Personen kämen weniger unter die Leute. «Deshalb fungieren die Fahrer auch als Gesprächspartner. Man baut eine Beziehung auf.»

Was den Fahrdienst ebenso von herkömmlichen Taxis unterscheidet, ist, dass die Fahrgäste bis zur Wohnungstüre begleitet werden. «Es wird nicht nur ausgeladen und Adios», sagt Gähwiler. Unterdessen nimmt sie den Dienst selber in Anspruch. «Vor 28 Jahren hätte ich nicht damit gerechnet, dass ich einmal selbst davon profitieren werde.» Sie fahre zwar noch Auto. Aber die vielen Baustellen und die Parkplatzsuche machen der Seniorin zu schaffen. «Wenn mein Mann keine Zeit hat, bin ich froh, wenn ich den Fahrdienst nutzen kann.»

Symbolische Entlöhnung

Derzeit zählt der Fahrservice zehn Fahrerinnen und Fahrer. Bei der Gründung waren es fünf Personen. «Obwohl die Freiwilligenarbeit an Beliebtheit einbüsst, hatten wir nie Probleme, Leute zu finden», sagt Gähwiler. Sie sei den Fahrern sehr dankbar für ihre Arbeit. «Es ist nicht selbstverständlich, was sie leisten.» Deshalb sei es ihr immer ein Anliegen gewesen, dass die Fahrer nicht ganz gratis arbeiten, sondern eine symbolische Entlöhnung erhalten. Die Gemeinde zahlt den Freiwilligen daher eine Pauschale.

Im Frühling hat Gähwiler ihre Aufgabe an Gaby Winiger übertragen. «Ich freue mich sehr, dass Gaby zugesagt hat.» Seit der Gründung der Kommission war die neue Präsidentin als Fahrerin im Einsatz. «Ich weiss nicht warum, aber schon damals sagte ich mir, die wird einmal Präsidentin», sagt Gähwiler. Sie wünsche sich, dass es so weitergeht und dass der Fahrdienst der Bevölkerung erhalten bleibt. «Ich hoffe, dass der neu zusammengesetzte Gemeinderat dem Angebot die nötige Beachtung schenkt und den Fahrdienst weiterhin unterstützt.»