Mit der Entlassung des früheren Statthalters und Bezirksratspräsidenten Adrian Leimgrübler, dem turbulenten Wahlkampf und seiner Nicht-Wiederwahl waren das Dietiker Statthalteramt und der Bezirksrat eineinhalb Jahre lang oft in den Schlagzeilen. Hansjörg Frei, früher Vizepräsident des Bezirksrats, sprang als Interimspräsident ein. Nun, kurz bevor er am Mittwoch nach zwölf Jahren im Bezirksrat abtritt, spricht er erstmals darüber, wie er diese aussergewöhnliche Zeit empfunden hat.

Herr Frei, der Bezirksrat arbeitet meistens im Hintergrund. Nach Adrian Leimgrüblers Entlassung im Herbst 2015 stand er aber immer wieder im Scheinwerferlicht. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Hansjörg Frei: Der Bezirksrat selber konnte gut damit umgehen. Unangenehmer war das Ganze eher manchmal für die Mitarbeitenden des Statthalteramts und der Bezirksratskanzlei. Aber auch das sind Profis, die mit einer solchen Situation umgehen können.

Sie haben sich nie öffentlich zu dieser Geschichte geäussert. Bestimmt wurden Sie jedoch oft gefragt, wie Sie die Situation einschätzen. Wie haben Sie darauf reagiert?

Zurückhaltend. Denn ich hätte sagen können, was ich will, es wäre immer von der einen oder anderen Seite falsch aufgefasst worden. Doch da wir dem Amtsgeheimnis unterstehen, hätte ich mich auch nicht äussern dürfen.

Hatten Sie danach noch Kontakt mit Adrian Leimgrübler?

Nein, wir haben uns bewusst ausgeklinkt – nicht zuletzt, weil der Bezirksrat auch wahlleitende Behörde für die Statthalterwahl war. Den einzigen Kontakt hatten wir am Wahlsonntag, als ich ihm telefonisch das Resultat mitteilte. Er klang wie immer.

Als früherer Vizepräsident mussten Sie Ende 2015 plötzlich die dem Bezirksratspräsidenten obliegende Verantwortung übernehmen – hatten aber nicht einmal einen Arbeitsplatz im Bezirksgebäude oder Zugriff auf das Computersystem. Wie haben Sie diese Herausforderung gemeistert?

Arbeiten konnte ich, ich hatte ja ein eingerichtetes Homeoffice und war bestens dokumentiert. Weil Heinz Nydegger, der andere Bezirksrat, und ich zudem je die Hälfte des Bezirks betreuten, waren wir sowieso sehr nahe am Ball und auch im Lead, wenn es Gemeindevisitationen gab. Herr Leimgrübler hatte in gewissen Bereichen eine repräsentative Funktion, die seither niemand wahrnahm. Die Präsidialfunktion war für mich gut zu bewältigen. Ungewöhnlich war, dass ich als Präsident ad interim plötzlich Aufsichtspflichten über die Bezirksratskanzlei wahrnehmen musste.

Wie ging es weiter für Sie in der neuen Funktion?

Mein oberstes Ziel war immer, dass die Geschäfte laufen. Die Schwierigkeit war, dass ich ein aussenstehendes Behördenmitglied war – und danach war ich plötzlich vor Ort und verantwortlich. Das war eine grosse Veränderung für alle und hat teilweise auch zu Schwierigkeiten geführt. Im Gegensatz zu Adrian Leimgrübler trug ich ja nur den Hut des Bezirksratspräsidenten, nicht denjenigen des Statthalters, der auch mit einem gewissen Status verbunden ist.

Hätten Sie gerne auch noch die Aufgabe des Statthalters übernommen?

Nein, das sind zwei getrennte Bereiche, das hätte ich mir nicht gewünscht. Zudem gab es eine bessere Lösung, indem die Statthalter von Meilen und Hinwil interimistisch die Verantwortung übernahmen und alle ein bis zwei Wochen vorbeikamen. Das funktionierte gut, denn das Statthalteramt ist so etwas wie ein Selbstläufer. Es fallen viele Routinegeschäfte an. Die schwierigen und vielseitigen Geschäfte sind beim Bezirksrat.

Wie hat sich Ihr Pensum verändert?

Im Bezirk Dietikon hat ein regulärer Bezirksrat ein Pensum von 15 Prozent. Als ich das Präsidium übernahm, hatte ich ein Pensum von deutlich mehr als 50 Prozent.

Was war Ihre Motivation, diese neue Aufgabe anzunehmen?

Jemand musste es ja machen. Ich war gewählter Bezirksrat mit juristischer Ausbildung und Praxis. Zudem habe ich zeitlebens immer Herausforderungen gesucht. Ich war früher einmal Bauleiter und war stets am liebsten dann auf dem Bau, wenn es nicht richtig lief. Dann wurde ich gebraucht. Als Präsident ad interim gefiel mir, wie wir zusammen mit den Ersatzbezirksratsmitgliedern ein funktionierendes Team bildeten. Wir haben mit den Mitarbeitenden der Kanzlei viel aufgearbeitet. Gleichzeitig war es auch eine der härtesten Zeiten in meinem Leben. Viele konnten nicht nachvollziehen, was eigentlich vor sich ging. Wir durften aber nichts sagen.

Wie haben die Mitarbeitenden auf Sie in Ihrer neuen Rolle reagiert?

Anfangs zurückhaltend – ich war der Externe, der nicht für diese Aufgabe gewählt worden war. Doch es pendelte sich ein mit der Zeit, vor allem, nachdem die Direktion sich einschaltete. Wir beschlossen, dass wir den Beschäftigungsgrad und die Infrastruktur anpassen müssen, was einen Unterschied machte. Danach funktionierte alles besser.

Sie mussten auch Opfer erbringen für die neue Aufgabe. 2014 haben Sie extra noch das Anwaltspatent erworben, weil Sie ab Herbst 2015 freiberuflich als Anwalt tätig sein wollten – genau dann wurden Sie Bezirksratspräsident.

Ich habe nicht nur auf die Rechtsanwaltsprüfung gelernt, um später unbedingt als Rechtsanwalt zu arbeiten. Auch im Bezirksrat habe ich viel Gelerntes anwenden können. Und letztlich war es wichtiger, als Bezirksratspräsident einzuspringen. Ich hätte ein sehr ungutes Gefühl gehabt, wenn ich diese Verantwortung nicht wahrgenommen hätte.

Hat es Sie gar nicht geärgert, dass Sie Ihre Pläne über den Haufen werfen mussten?

So konkret waren die Pläne eigentlich nicht. Ich habe in meinem Leben viel gemacht, hatte aber nie vorher einen verbindlichen Plan. Ich ging einfach immer einen Schritt vorwärts. Für mich war immer der Weg das Ziel.

Sie haben einen aussergewöhnlichen Werdegang: Nach der Realschule haben Sie als Hochbauzeichner gearbeitet, später die Matura nachgeholt, studiert, eine juristische Karriere eingeschlagen – und schliesslich im Pensionsalter noch das Anwaltspatent erworben. Was treibt Sie an?

Ich habe mich das auch immer gefragt, aber ich glaube, es ist vor allem die Freude am Lernen. Wahrscheinlich spielt auch meine Jugend eine Rolle. Wir waren nicht auf Rosen gebettet – wofür ich dankbar bin. Denn dadurch habe ich gelernt, zu kämpfen. Aber damals war ich froh, dass ich eine Lehre machen konnte. Die Matur wollte ich gar nicht machen.

Wieso haben Sie sie trotzdem gemacht?

Ich habe mich weitergebildet, und irgendwann fand ich, jetzt bin ich schon so weit, jetzt kann ich gerade so gut noch die Matur machen. Und als ich sie hatte, fragte ich mich: Wieso studiere ich nicht auch noch? Das war aber nur möglich, weil ich stets die Unterstützung meiner Frau hatte und die Umstände das zuliessen.

Abgesehen von den letzten eineinhalb Jahren: Was hat Sie in Ihren zwölf Jahren im Bezirksrat besonders gefordert?

Am belastendsten waren die Fälle, bei denen es um Kinder geht. Oft geht es um Konflikte oder Machtkämpfe, und die Kinder geraten zwischen die Fronten. Das kann erschütternd sein, vor allem, wenn es um sehr junge Kinder geht.

Was hat Sie besonders gefreut in Ihrer Zeit im Bezirksrat?

Es ist ein tolles Amt, weil es so vielseitig ist. Das Spektrum ist so breit, dass man kaum sagen kann, was das Beste ist. Mir hat fast alles Freude gemacht.

Nun will die Regierung die Aufsicht über die Statthalter neu regeln. Wie beurteilen Sie die Situation?

Tatsächlich ist die Aufsicht nicht sauber gelöst. Ich finde es daher gut, dass der Regierungsrat die Initiative ergreift und das Ganze neu regelt. Generell ist der Regierungsrat die oberste Behörde und beaufsichtigt die Verwaltung, delegiert aber Aufsichten an die Direktionen. Die Justizdirektion ist klar für das Statthalteramt zuständig. Weil der Statthalter aber gleichzeitig Bezirksratspräsident ist, gibt es hier unklare Schnittstellen, was nun mit dem kürzlich erfolgten Entscheid des Verwaltungsgerichts bekannt geworden ist. Etwas anderes ist aber weniger bekannt.

Nämlich?

Der Regierungsrat wollte ursprünglich, dass die Beschwerden gegen die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb vom Bezirksgericht behandelt werden. Doch der Kantonsrat hat das geändert und das Bundesgericht hat bestätigt, dass der Bezirksrat diesbezüglich die Funktion eines Bezirksgerichts hat. Über die Bezirksgerichte hat aber das Obergericht die Aufsicht, jedoch nicht über die Bezirksräte, die Urteile im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht fällen.

Was wäre dann richtig?

Das kann ich nicht sagen. Aber das muss überprüft werden.

Nun übernimmt Simon Hofmann als neuer Statthalter und Bezirksratspräsident. Übergeben Sie ihm einen funktionierenden Bezirksrat?

Ich denke schon. Wir haben alles sehr, sehr gut aufgearbeitet. Wir haben Auslegeordnungen gemacht, Zielvorgaben, haben die Abläufe geregelt und Instrumente entwickelt, um Pendenzen zu kontrollieren. Das Ziel war, alles so gut wie möglich zu übergeben, egal, wer kommt. Und wir können nun sagen: Es ist alles sauber organisiert.

Ihren Plan, als Rechtsanwalt tätig zu sein, legen Sie nun definitiv zur Seite. Was haben Sie noch vor?

Ich will vor allem Erfahrungen weitergeben. Unter anderem habe ich begonnen, ein Handbuch für Bezirksratsmitglieder zusammenzustellen, in dem sie Ratschläge und Hinweise für ihre Arbeit finden. Zudem habe ich entschieden, mich beim Seniorenrat Dietikon zu engagieren. Dann bin ich noch in der Schulkommission der Kantonsschule Urdorf. Und zu guter Letzt möchte ich wieder mehr Zeit für meine Enkel haben.