Bezirksgericht Dietikon

Es war ein Rachefeldzug des Ex-Manns – die Wende im Brustnuckel-Fall

Bezirksgericht Dietikon

Bezirksgericht Dietikon

Die angeklagte Mutter wird vom Vorwurf der Kindsschändung freigesprochen. Der Vater zeigte sie an, damit er das Sorgerecht erhält. Ihm wird sogar sexuelle Nötigung vorgeworfen. In anderer Sache muss sich noch das Bundesgericht mit den Eheleuten befassen.

Die Tochter war im zweiten Lebensjahr und sie hat die Muttermilch gemocht. Doch aus medizinischen Gründen musste die Mutter abrupt abstillen. Um diese Wende für die Tochter erträglich zu gestalten, erlaubte die Mutter der Tochter, sich weiterhin an die Brust zu schmiegen und sie auch mit der Hand anzufassen.

Jahre später, also diesen Mittwoch, musste die Mutter vor dem Bezirksgericht Dietikon antraben. Denn in den Augen des Kindvaters ist sie keine gute Mutter, sondern pädophil.

Er erstattete Strafanzeige. Sein Vorwurf: Noch nach der Einschulung soll die Tochter täglich für eine Viertelstunde an der einen Brust genuckelt und die andere gestreichelt haben. Und das, obwohl die Mutter schon längst abgestillt hatte. Gut vier Jahre lang will der Vater das Ritual beobachtet haben – bis zum Zeitpunkt, als ihn Frau und Kind verliessen.

Wie lange soll man Stillen?

Wie lange soll man Stillen?

Eine Mutter soll ihr 7-jähriges Kind gestillt haben. Markus Wopmann, Chefarzt Klinik f. Kinder u. Jugendliche erklärt, bis wann Stillen sinnvoll ist.

Angesichts der massiven Vorwürfe und einem Kind als Opfer konnte Staatsanwalt Pascal Gossner kaum wegschauen. Im März 2016 erhob er Anklage gegen die Mutter, wegen mehrfacher Schändung und sexuellen Handlungen mit einem Kind.

Der Vater wirkte besonders glaubwürdig, weil er in Kauf nahm, selbst bestraft zu werden. Denn er hat das Handeln seiner Frau nicht unterbunden. Darum wurden ihm im April 2016 eine bedingte Geldstrafe von 2700 Franken sowie Verfahrenskosten von 1600 Franken auferlegt.

Diese Version der Geschichte war die einzig bekannte – bis gestern, als die Verteidigerin Karen Schobloch dazu ansetzte, die Vorwürfe des Vaters bis ins letzte Detail zu zerpflücken. Nun erschien der Mann nicht mehr als der besorgte Vater, der seine Tochter vor der pädophilen Mutter schützt. Sondern als hinterhältiger Egoist, der mit der Trennung nicht klar kommt und der seinen Rachegelüsten freien Lauf lässt. Oder wie es die Beschuldigte sagte: «Er will mich vernichten.»

Der Vater zeigt seine dunkle Seite

Diese Geschichte startete, als es in der Ehe zu kriseln begann. Aus dem Miteinander wird ein Nebeneinander. Die Frau hatte eine Affäre, trank zu viel. Der Haushalt wurde so unaufgeräumt wie das Eheleben. Der Mann betäubte seine Frau mit Wein, nötigte sie dann zu Sex. Eines Tages schlug er zu. Die Kantonspolizei rückte aus und schaltete die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ein. Der erste Aktenordner füllte sich. Das Bezirksgericht Dietikon sprach die Obhut über das Kind beiden Elternteilen hälftig zu. Der Vater wurde zu Unterhaltszahlungen verpflichtet, denen er nur unregelmässig und später gar nicht mehr nachkam. Mit dem Gerichtsurteil war er unzufrieden. Er holte sich eine Anwältin und stellte ein Gesuch, um die alleinige Obhut zu erhalten. Da sein Arbeitspensum aber viel grösser ist als jenes der Frau, hat er eine schlechte Ausgangslage dafür, die alleinige Obhut zu erhalten.

Dann kam ihm «das perfekte Argument», wie es die Verteidigerin der Beschuldigten gestern formulierte. Der Vorwurf der Schändung und der sexuellen Handlung mit einem Kind war geboren. Dabei habe die Tochter bloss manchmal die Hand auf die bekleidete Brust gelegt, um bei ihrer Mutter Trost zu suchen. «Es ging um reine Wärme, um reines Wohlbefinden», sagte Anwältin Karen Schobloch.

Vater nackt im Bett mit Tochter

Irgendwann gab der Mann die Tochter schlicht und einfach nicht mehr her. Der Beiständin der Tochter, die zwischen Vater und Mutter vermittelte, sagte er, er hasse diese Frau. Die brach ob all der Wirren zusammen. Die Anwältin erzählte zudem, dass der Mann regelmässig mit der Tochter im gleichen Bett schlafe. «Er schläft von jeher nackt», fügte sie an.

Auf dieses lange Plädoyer wusste die Anwältin der Tochter, die vom Rechtsdienst des kantonalen Jugendamts gestellt wurde, nicht mehr viel zu entgegnen – ausser dass es in dieser Familie Unklarheiten gebe, was Grenzen anbelange.

Dann das Schlusswort der Mutter, die ihre Tochter seit weit über einem Jahr nicht mehr gesehen hat: «Ich wünsche mir, meine Tochter bald wieder sehen zu können und ich wünsche ihr und mir, dass wir uns wieder annähern können.» Sie sagte es unter Tränen. Ihre Tochter hatte in der Untersuchung übrigens die Aussage verweigert.

Frau erhält 2000 Franken Genugtuung

Gerichtsvizepräsident Bruno Amacker urteilte: «Es bestehen erhebliche Zweifel am Sachverhalt, er lässt sich nicht aus den Akten rekonstruieren. Das einzige Beweismittel des Strafverfahrens, das sich zu Ungunsten der Frau verwerten lässt, ist die Aussage des Ehemanns.» Er sprach die Frau frei. Zudem erhält sie 2000 Franken Genugtuung für die erlittene seelische Unbill, insbesondere weil sie in manchen Medienberichten identifizierbar gewesen sei.

Auch das Bundesgericht muss noch urteilen

Wie es in Sachen Obhut über die Tochter weitergeht, ist noch offen: Diese Frage liegt derzeit vor Bundesgericht. Der Rosenkrieg ist noch lange nicht vorbei.

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