Sommerserie
«Es kommt vor, dass sie mich statt mit Geld mit ‹Herz› bezahlen wollen»: Im Taxi unterwegs in Dietikon

Rund 63 Taxis sind in Dietikon registriert. Eines davon gehört Kadri Lajqi. Vier Tage die Woche ist er vornehmlich in der Stadt unterwegs. Die Redaktion der Limmattaler Zeitung begleitete ihn auf einer Abendschicht und erfuhr von den Nöten und Freuden des Taxifahrerseins.

Sibylle Egloff
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Kadri Lajqi wartet beim Taxistand am Bahnhof Dietikon auf Fahrgäste. So zahlreich sind sie aber nicht. Nach einer achtstündigen Schicht kommt der 53-Jährige manchmal nur mit 20 Franken nach Hause.

Kadri Lajqi wartet beim Taxistand am Bahnhof Dietikon auf Fahrgäste. So zahlreich sind sie aber nicht. Nach einer achtstündigen Schicht kommt der 53-Jährige manchmal nur mit 20 Franken nach Hause.

Claudio Thoma

Die Sonne brennt auf den Asphalt. Obwohl es bereits 17 Uhr ist, herrschen warme Temperaturen. Der Bahnhofplatz in Dietikon ist an diesem Freitagabend trotz Hitze belebt. Eine Frau mustert die Parkuhren vor der Post-Filiale und versieht einige Windschutzscheiben mit Bussenzetteln. Auf der anderen Seite der Strasse verlassen Kunden den Imbiss-Laden mit Döner-Boxen und dergleichen. Am Taxistand stehen drei Wagen bereit. Zwei Fahrer plaudern im Schatten. Im hintersten Taxi sitzt Kadri Lajqi und blättert in einem Buch. Bei diesen Temperaturen hält er sich lieber in seinem klimatisierten silbernen Toyota auf und wartet auf Kundschaft. Aus Erfahrung weiss er, dass das dauern kann. «Manchmal geht es fünf Stunden, bis ich einen Gast habe», sagt er. Mit Lesen vertreibe er sich die Zeit. Im Moment hat es ihm ein historischer Roman von Jusuf Buxhovi angetan. Vielleicht liegt das an der gemeinsamen Herkunft. Beide stammen aus der Stadt Peja im Kosovo.

Bloss nicht zu Hause rumsitzen

Dass an diesem Abend viel passieren wird, bezweifelt Lajqi. «Gestern bin ich früher nach Hause gegangen, weil ich nach vier Stunden nur 10 Franken verdient habe», erzählt der 53-Jährige. 2012 machte er sich selbstständig als Taxifahrer. Vornehmlich arbeitet er im Umkreis seines Wohnorts in Baden. Seit einem halben Jahr befördert er aber auch Menschen im Limmattal für die Forty Taxi GmbH von A nach B.

Auf die Frage, ob Taxifahren sein Traumberuf ist, schüttelt er vehement den Kopf. «Ganz und gar nicht.» Doch das Leben verlaufe oftmals anders, als man es sich wünsche. Im Kosovo schloss er ein Wirtschaftsstudium ab. Anfang der 1990er Jahre flüchtete er in die Schweiz. Er erhielt einen Job bei den SBB. «Ich war 22 Jahre lang als Rangierarbeiter und Logistiker tätig und hatte einen guten Verdienst.» Doch 2012 habe ihn die Gesundheit im Stich gelassen. «Ich hatte einen Bandscheibenvorfall und leide seitdem unter Rückenproblemen.» Die körperliche Arbeit bei den SBB war nicht mehr möglich. Lajqi musste sich umorientieren. Zu Hause rumsitzen, das wollte er auf keinen Fall. Er absolvierte die LKW-Prüfung und den Car-Führerschein. Doch als die langen Fahrstrecken seinem Rücken zusetzten, wechselte er zum Taxifahren.

Taxifahrer und Zügelhelfer: Kadri Lajqi unterstützt diesen Fahrgast beim Möbeltransport.

Taxifahrer und Zügelhelfer: Kadri Lajqi unterstützt diesen Fahrgast beim Möbeltransport.

Claudio Thomas

Jedes Mal, wenn er in sein Taxi steige, sei er nervös. Nicht in erster Linie wegen den Fahrgästen, sondern weil er nie wisse, mit wie viel Geld er nach Hause komme. «Ich habe keinen festen Monatslohn. Es ist schwierig, so das Leben zu planen.» Wenn er Glück habe, verdiene er 2'000 Franken pro Monat. Er sei deshalb froh, dass wenigstens seine Frau ein regelmässiges Einkommen habe, sagt der zweifache Vater. Er startet den Motor und fährt bis ans vordere Ende des Taxistands. Seine Kollegen sind mit Kunden weggefahren. Doch nicht nur das Einkommen macht dem Taxifahrer zu schaffen. Manchmal sind es auch mühsame Fahrgäste. Etwa solche, die nicht bezahlen und einfach abhauen. «Was will ich machen. Mit 53 Jahren und kaputtem Rücken kann ich ihnen nicht nachrennen.» Zu den häufigsten Nichtzahlern gehörten junge Frauen. «Es kommt vor, dass sie mich statt mit Geld mit ‹Herz› bezahlen wollen», sagt Lajqi. Seine Reaktion ist immer die gleiche: «Ich brauche Geld und keinen Sex.» Erstens sei er glücklich verheiratet und zweitens würde er, wenn er käufliche Liebe wollte, ins Puff gehen. «Da gibt es bestimmt schönere Frauen», sagt er und lacht. Zu den Nichtzahlern gesellen sich Besoffene. Ab und zu wird Lajqi von ihnen grundlos beschimpft. «Das tut schon weh, wenn sie ihren Frust an mir auslassen.

Ein grosses Problem sei zudem der Fahrdienst Uber. «Er zerstört das Taxigeschäft», sagt Lajqi. Sehr viele Kunden zwischen Dietikon und der Stadt Zürich habe er dadurch verloren. «Die Uber-Fahrer müssen keine Stadtkundeprüfung machen wie wir Taxifahrer. Eine solche kostet für die Stadt Zürich zum Beispiel 5000 Franken.» Zudem würden viele Uber-Fahrer tagsüber arbeiten und abends fahren. «Dass diese Personen die nötigen Ruhezeiten nicht einhalten, stört niemand. Für uns Taxifahrer ist das unfair.»

Eine Frau schreitet über den Bahnhofplatz Richtung Taxistand. Sie zieht ein Postiwägeli. Lajqi springt aus dem Wagen und begrüsst sie. Im Nu ist der Trolley im Kofferraum verstaut und Magi Wolf nimmt auf dem Rücksitz Platz. Sie muss zur Florastrasse. «Ich besuche meine Schwester», sagt die gebürtige Dietikerin, die schon seit Jahren in Lausanne lebt. Nach fast dreistündiger Zugfahrt sei sie froh, dass sie die letzte Strecke im Taxi bewältigen könne. Zumal sie immer mit viel Gepäck auf Besuch komme. «Wenn ich in dieser Hitze zu Fuss gegangen wäre, wäre ich nudelfertig», sagt Wolf. Für die Dietiker Taxifahrer ist sie voll des Lobes. «Sie sind immer sehr nett.» Es ist eine kurze Fahrt. Nach drei Minuten biegt Lajqi in die Florastrasse ein. Er stoppt das Taxameter. 10 Franken leuchten in roten Zahlen auf dem Rückspiegel auf. Wolf drückt ihm eine 20-Franken-Note in die Hand. «Machen Sie 12.»

Gratis Feierabendfahrt

Lajqis Stimmung ist nach dem ersten Einsatz deutlich gestiegen. «Auch wenn man als Taxifahrer viel Mühsames erlebt, gibt es auch viele tolle Kunden wie diese Frau. Dann macht die Arbeit Spass.» Er kommt ins Plaudern. Einmal habe er einen älteren Herrn aus Österreich als Fahrgast gehabt. «Sein Portemonnaie wurde ihm im Zug gestohlen und sein Sohn, den er in Dietikon besuchen wollte, war noch bei der Arbeit.» Der Mann sei verzweifelt gewesen und hätte nicht gewusst, wie er zum Sohn nach Hause komme. «Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn umsonst heimbringe.» Einige Tage darauf sei der Mann zu ihm gekommen und habe ihm 100 Franken für die 17 Franken teure Fahrt geben wollen. «Ich wollte das Geld nicht. Weil er aber so lange auf mich einredete, habe ich schliesslich 30 Franken angenommen.»

Sommerserie (10/12) Seit Jahrtausenden sind die Menschen unterwegs. Heute stehen unzählige Fortbewegungsmittel zur Verfügung, und die Mobilität ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In ihrer Sommerserie 2018 zeigt die Limmattaler Zeitung die Mobilität im Limmattal aus verschiedenen Blickwinkeln.

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Limmattaler Zeitung

Dass es Lajqi nicht nur ums Geldmachen geht, wird auch klar, wenn er von seinem Feierabendritual berichtet. «Bevor ich nach Hause nach Baden fahre, frage ich am Bahnhof nach, ob jemand in diese Richtung muss. Wenn ja, nehme ich diese Personen gratis mit», sagt er, als wäre das völlig selbstverständlich. «Vielleicht ist das kulturell bedingt. Im Kosovo helfen wir einander. Da ist man nicht so skeptisch wie in der Schweiz. Wer eine Mitfahrgelegenheit braucht, bekommt eine.»

Hilfsbereitschaft ist auch beim nächsten Auftrag von Nöten. Lajqis Handy klingelt. Es warten Fahrgäste an der Poststrasse. Der Taxifahrer trifft auf zwei Frauen und ein Migroswägeli, das bis oben gefüllt ist mit Gegenständen und Säcken. «Normalerweise müssen uns die Kunden vorher Bescheid geben, wenn sie viel Gepäck haben», sagt Lajqi während er ein Regal im Kofferraum verstaut. Imelda Kis und ihre Mutter Margareth entrümpeln die Wohnung einer Freundin, die nach Ungarn gezogen ist. «Was noch brauchbar ist, übernehme ich. Der Rest wird weggeschmissen», sagt Kis. Die erste Ladung transportiert Lajqi gemeinsam mit der Mutter zur Wohnung der Tochter. Die zweite Fracht beinhaltet einen Flachbildschirmfernseher. Beim Ausladen unterstützt der Taxifahrer die Frauen. Sie sind sichtlich erleichtert über die Hilfe. Dies zeigt sich auch am Trinkgeld. Die Fahrt kostet 42 Franken. Lajqi fährt mit 55 Franken zurück zum Bahnhof.

Lange möchte er nicht mehr Taxifahren. «Ich würde mich gerne frühpensionieren lassen und zurück nach Hause gehen.» In Peja besitze er eine Wohnung. Doch vorher habe er noch einen grossen Wunsch. «Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Tochter ein Studium abschliesst. Sie macht derzeit die Matura», sagt er und blättert in seinem Buch.