Sommerserie
«Es kann plötzlich »: So überwacht die Kantonspolizei pausenlos die Zürcher Autobahn

«Big Brother is watching you»: Kantonspolizisten in der Zürcher Verkehrsleitzentrale überwachen pausenlos das gesamte Zürcher Autobahnnetz. Manchmal ist es ruhig – und in der nächsten Sekunde haben sie Menschen am Telefon, die gerade einen Schicksalsschlag erleben.

Leo Eiholzer
Merken
Drucken
Teilen
52 Monitore: Durch sie können die Kantonspolizisten die Zürcher Autobahnen überwachen – im Gubristtunnel hat es alle 100 bis 200 Meter eine Kamera.

52 Monitore: Durch sie können die Kantonspolizisten die Zürcher Autobahnen überwachen – im Gubristtunnel hat es alle 100 bis 200 Meter eine Kamera.

Limmattaler Zeitung

Ein grosser, abgedunkelter Raum. Drei Männer in Polizeiuniformen sitzen auf ihren Bürostühlen. Vor jedem sind in einem Halbkreis sieben Bildschirme angeordnet. Die Wand davor, rund fünf Meter hoch, ist ganz mit Monitoren bedeckt. Im riesigen Bildschirm in der Mitte ist eine Karte des Kantons Zürich dargestellt. Darauf ist das Autobahnnetz aufgezeichnet. Die 52 Monitore darunter zeigen Autos, die in Live-Übertragungen durch den Gubrist-Tunnel fahren – alle 100 bis 200 Meter von einer Kamera gefilmt. Dieser Raum ist das Herzstück der Verkehrsleitzentrale der Kantonspolizei Zürich. Die drei Polizisten kontrollieren 218 Kilometer Autobahn und 17 Tunnels.

Es ist 15.54 Uhr und der Verkehr läuft noch rund. Doch dann piepst es plötzlich. Auf der Kantonskarte erscheint in der Nähe des Flughafens ein unübersehbares rotes Telefonsymbol. Der Polizist in der Mitte drückt einen Knopf: «Huber*, Kantonspolizei Zürich.» Keine Antwort. «Huber*, Kantonspolizei Zürich, hallo?», fragt der Polizist. Die Antwort kommt von seinem Kollegen: «Heinz, du kannst auflegen. Das war ich. Für die Besucher habe ich einen Anruf von einer Notrufsäule simuliert.» Meinrad Kuhn, der stellvertretende Dienstchef der Verkehrsleitzentrale steht mit im Raum und sagt: «Es ist hier nicht immer so entspannt. Plötzlich kann es ‹chlöpfen› und die Stimmung innert Sekunden ändern.»

Das wäre der Fall, wenn jemand im Gubrist auf den Anrufknopf einer Notrufsäule drückt. Automatisch werden dann in Sekundenbruchteilen das Tempolimit reduziert, die Beleuchtung auf das Maximum hochgedreht und die gelben Blinklichter angeschaltet. Der Sachbearbeiter, wie der Polizist in der Zentrale genannt wird, sieht den Anrufer auf dem Monitor, denn auf jede der Notrufsäulen im Tunnel ist eine Kamera gerichtet. «Die Leute sollten die Notrufsäulen nutzen. Man hat durch die automatisch ausgelösten Massnahmen Sicherheit und wir wissen sofort, wo der Hilfesuchende ist», sagt Kuhn. Verunfallte seien oft unter Schock und sagen nicht, wo sie sind.

Er erzählt von einem Verunfallten, der seine Umgebung präzis beschrieb, aber auf mehrere Nachfragen partout nicht sagte, in welcher Gemeinde er sich befindet. «Wir haben da ein paar Tricks. Der Sachbearbeiter sagt beispielsweise, er sende eine Patrouille nach Urdorf. Dann reagieren die Anrufer meist schnell und merken, dass sie vergessen haben, den Ortsnamen zu nennen.»

Sensoren erkennen Brände

Ausserdem werden die automatischen Massnahmen sofort ausgelöst, wenn es in einem Tunnel brennt. Sie sind mit Sensoren ausgerüstet, die die Temperatur und die Sichtweite messen. Sie registrieren sogar, wenn jemand einen im Tunnel angebrachten Feuerlöscher entnimmt.
Wenn ein Anruf via Notrufsäule eingeht, «müssen wir eigentlich alles fast gleichzeitig machen», sagt Kuhn. Das heisst: Polizei, und wenn nötig, Sanität und Feuerwehr an den Einsatzort schicken sowie Fahrspuren sperren. Das macht der Sachbearbeiter, der den Anruf entgegennimmt meistens gleich selbst mit einem Computerprogramm. Kuhn zeigt es im Simulationsmodus. Er klickt auf «Spur 1 sperren». Das System fordert ihn auf, die Videobilder darauf zu prüfen, ob der Pannenstreifen frei ist. Er ist es. Kuhn bestätigt die Eingabe, Sekunden später zeigen die Anzeigen auf der linken Spur ein rotes «X». Dafür schalten die Bildschirme über dem Pannenstreifen auf einen grünen Pfeil.

Sie benutzen noch Windows XP

Die Frage drängt sich auf: Was, wenn man sich verklickt? «Dann ist es – vorerst – vorbei. Man kann den Fehler erst nach etwa zehn Sekunden korrigieren, wenn das System die Eingabe verarbeitet hat», antwortet Kuhn. Das passiere aber «sehr, sehr selten». Die Programme arbeiten noch auf Windows XP, das ursprünglich 2001 veröffentlicht wurde.

Unbenannt

Unbenannt

Limmattaler Zeitung

In der Verkehrsleitzentrale nehmen zwanzig verschiedene Polizisten die Telefone ab. Sie begleiten aus der Zentrale auch die Signalisierung bei Ausnahmetransporten und bei Baustellen. Rund 44'000 Fälle eröffnen die Operatoren pro Jahr. Jedes Mal, wenn ein Anruf von der allgemeinen Notrufzentrale weitergeleitet wird oder ein Anruf direkt eingeht, wird ein solcher Fall erstellt, jede Aktion des Beamten am Computer aufgezeichnet. Gearbeitet wird in vier Schichten, an 365 Tagen rund um die Uhr. «Das Limmattal ist ein besonders wichtiges und für uns ein besonders herausforderndes Gebiet. Wir haben kaum Umleitungsrouten, wenn ein Unfall passiert.»

Klare Spitzenzeiten gibt es für die Sachbearbeiter nicht. Einfluss auf ihre Arbeitsbelastung habe vor allem die Witterung. «Aber wir haben mehr zu tun, wenn die Leute am Monatsende ihr Gehalt bekommen», sagt Kuhn. Dann würden die Menschen einfach mehr herumfahren.
Der Job fordert. Auch emotional. Kuhn erzählt: «Man spricht am Telefon mit Menschen, die gerade Schicksalsschläge erlebt haben. Das bewegt. Mich als Familienvater vor allem, wenn Kinder betroffen sind. Aber wir haben stets die Aufgabe, professionell zu arbeiten und den Menschen konzentriert zu helfen.» Was mit Verletzten, die sie über das Head-Set betreut und beruhigt haben, später passiert, erfahren die Zentrale-Polizisten meistens nicht. Sie fragen auch nur selten nach. «Das wäre zu viel», sagt Kuhn. «Man hat die Zeit nicht. Und ob es einem danach wohler wäre, weiss ich auch nicht...»
*Name geändert