Weisse Rollläden verdecken die grossen Fenster des Restaurants Bären am Dietiker Hauptbahnhofplatz. Ein älterer Passant bleibt vor der Liegenschaft der Katholischen Kirchgemeinde stehen. Er steigt die Treppen zum Eingang hoch und liest den Zettel, der an der Glastür hängt. «Infolge Mieterwechsel bleibt unser Restaurant Bären vorübergehend geschlossen.» Der Passant hält kurz inne und macht sich dann davon.

Seit März ist der Restaurantbetrieb stillgelegt; Pächter und Wirt Giovanni Cerqui, der den «Bären» 2009 übernommen hat, ist in Pension gegangen. «Das Restaurant wird auf alle Fälle wieder eröffnet», sagt Karl Geiger, Präsident der Kirchenpflege Dietikon. Wann sich die Gäste im «Bären» wieder verköstigen können, sei noch nicht entschieden: Es gebe verschiedene Kandidaten, die für die Nachfolge Cerquis infrage kämen. «Das Auswahlverfahren ist am Laufen», sagt Geiger. Man sei zuversichtlich, den geeigneten Kandidaten zu finden, der zum «Bären» passt.

Treffpunkt der Gastarbeiter

Man habe sich bewusst etwas Zeit nehmen wollen, einen Nachfolger zu finden. Der «Bären» blickt schliesslich auf eine traditionsreiche Geschichte zurück: Das Gebäude unterhalb der St.-Agatha-Kirche gehört nicht nur seit 1985 dem Inventar der schützenswerten kommunalen Bauten an. Der «Bären» war ab der Eröffnung 1912 auch ein beliebter Treffpunkt für Gastarbeiter, Pendler, Berufsleute und Jasser. Zwei Wirtefamilien waren es, die dem Restaurant während vieler Jahre Charme verliehen haben: Die Familie Spallanzani, die den Betrieb 1918 übernahm, und später die Familie Camponovo-Frapolli.

Ausgangspunkt dafür war die Industrialisierung, die Ende des 19. Jahrhunderts viele Italienischsprachige dazu veranlasste, ihre Heimat zu verlassen; die Eröffnung der Gotthardbahn 1882 erleichterte zudem die Fahrt in die Deutschschweiz. Der Italiener Enrico Spallanzani war einer von ihnen. 1907 als Bahnarbeiter und Kostgeber nach Dietikon gekommen, übernahm er mit seiner Gattin 1918 den «Bären». Damit erhielt die Dietiker Bevölkerung erstmals einen Einblick in die italienische Esskultur; südländisch geprägte Speisen und Weine versprühten vor Ort einen Hauch von Italianità. Verstärkt wurde diese, als 1931 das Restaurant Sommerau von der Tessiner Familie Frapolli übernommen wurde – nebst den Gastarbeitern begann auch die ansässige Bevölkerung, das kulinarische Angebot zu schätzen.

Tessiner Gerichte neu im Angebot

Nachdem die Spallanzani über 25 Jahre den «Bären» geführt hatten, folgte 1947 die Ära der Tessiner Familie Camponovo-Frapolli. Angelina Frapolli war die Frau von Angelo, der mit Bruder Carlo die «Sommerau» erworben hatte. Gemeinsam mit ihrem Mann Alessandro Camponovo übernahm Angelina das Restaurant. Sie sorgte in den folgenden Jahren mit Herzblut dafür, dass der «Bären» zum Treffpunkt einer vielschichtigen Kundschaft wurde. Nach dem Ableben von Angelina 1980 verköstigten Sohn Giancarlo und Enkel Sergio die «Bären»-Besucher mit Risotto, hausgemachten Teigwaren, Piccata oder Cordon bleu. Gesundheitliche Beschwerden und das Auslaufen des Pachtvertrags Ende 2008 brachten schliesslich Giancarlo Frapolli dazu, den Betrieb zu verlassen. 2009 trat Giovanni Cerqui die Nachfolge der Frapolli-Ära an – im März hat er sich nun altershalber zurückgezogen.

Wer den traditionsreichen «Bären» übernehmen wird und ob wiederum ein Hauch von Italianità versprüht wird, ist laut Kirchenpflege-Präsident Geiger offen. Jedoch steht fest: «Der ‹Bären› wird nicht verkauft und geht wieder auf.»