Urdorf
Es ist ein schlechtes Jahr für Frösche und Kröten

Urs Hilfiker aus Urdorf rettet jeden Frühling Amphibien. Dieses Jahr hat er allerdings nicht so viel zu tun. es sind es so wenig Frösche, Kröten und Molche wie noch nie.

Gioia Lenggenhager
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Ein letztes Erdkrötenpärchen hat sich am Sonntag von Urs Hilfiker über die Strasse tragen lassen. zvg

Ein letztes Erdkrötenpärchen hat sich am Sonntag von Urs Hilfiker über die Strasse tragen lassen. zvg

Die Tautropfen an den Grashalmen glitzern in der Morgensonne. Rot- und braunkehlige Singvögel zwitschern um die Wette – die Idylle wäre perfekt, würde man das Brummen des Morgenverkehrs auf der schnell befahrenen Birmensdorferstrasse nicht hören.

Autos und Lastwagen bringen jeden Frühling unzähligen Amphibien den Tod. Beim Versuch, die Strasse zu überqueren, werden sie überrollt. Urs Hilfiker ist eine der guten Seelen, die jedes Jahr Kröten, Frösche, Salamander und Molche vor dem sicheren Tod bewahren. Ob er deshalb ein Froschkönig sei? Auf keinen Fall, sagt der 56-Jährige und schmunzelt.

«Ein einziges grosses Massaker»

Amphibien sind wechselwarme Tiere. Das heisst, sie produzieren keine eigene Körperwärme, sondern passen ihre Temperatur der Umgebung an. Ist es kalt, sind sie weniger aktiv. Im Winter verkriechen sie sich an geschützten Orten im Wald, die vom Frost verschont bleiben. Im Frühling wandern sie zurück an den Weiher, in dem sie geschlüpft sind. In Urdorf durchschneiden die Autobahn und die Birmensdorferstrasse den Weg zwischen Überwintern im Wald und Laichen im Wasser.

Rechts und links der Birmensdorferstrasse versperrt darum ein kniehohes Drahtgitter den Zugang auf die offene Strasse. Alle paar Meter ist ein Kessel im Boden eingegraben, in den die Amphibien auf dem Weg um das Hindernis hineinfallen. «Ohne die Auffangvorrichtungen wäre die Strasse ein einziges grosses Massaker», sagt Hilfiker und beugt sich gespannt über einen eingegrabenen Kübel.

Doch kein Frosch quakt ihm entgegen. Kein Molch versucht, den glatten Wänden des Kessels emporzuklettern. Gähnende Leere in allen Auffangkesseln an diesem Morgen. Das gleiche Bild bot sich Hilfiker am Tag zuvor. Ab und an verirre sich eine Feld- oder Spitzmaus in die Kübel. Laufkäfer, Spinnen und zerknüllte Laubblätter hat Hilfiker dieses Jahr häufiger aus dem Kessel rausgeschüttelt, als dass er Amphibien sicher auf die andere Strassenseite transportiert hätte.

Halb so viele Tiere wie letztes Jahr

Dieses Jahr habe es im ganzen Mittelland sehr wenig Amphibien, sagt Hilfiker. Vermutlich eine Kombination der extremen Kälte Anfang Februar und eines hohen Bestands an Fressfeinden letzten Herbst. 51 Tiere hat er diese Saison über die Strasse getragen. Für einen Laien mag die Zahl beunruhigend klingen – letztes Jahr waren es beinahe doppelt so viele, die gerettet wurden. «Es waren noch nie so wenige wie dieses Jahr», sagt dann auch Hilfiker, der Amphibienretter mit Langzeiterfahrung. Doch das sei noch kein Grund zur Sorge. Grosse Schwankungen in der Amphibienpopulation seien normal. «Das ist die Natur», sagt Hilfiker.

Amphibien wandern mit Vorliebe, wenn das Thermometer in der Nacht nicht unter 6 Grad sinkt. Fällt dazu noch Regen, sind die Bedingungen ideal. Deshalb macht Hilfiker seit über zehn Jahren in den ersten Frühlingswochen Morgen für Morgen den Rettungsrundgang. Verschlafen hat er bis heute kein einziges Mal. Im Gegenteil, er wache jeweils vor dem Wecker auf. «Jeden Morgen gibt es etwas zu entdecken. Ich geniesse die Bewegung in der Natur. Sie ist ein schöner Ausgleich.»

Demnächst ist allerdings Schluss mit Spazieren im Morgengrauen. Die Auffangvorrichtungen werden noch vor Ostern abgeräumt. Am Sonntag fand Hilfiker das letzte Kröten- und Bergmolchpärchen dieser Saison. Es war ein mageres Jahr für die Amphibien.

Trotzdem geht der Kreislauf des Lebens weiter. Den Beweis dafür findet Hilfiker einige hundert Meter von der Birmensdorferstrasse entfernt im künstlichen Wasserbecken «Tüchelroos». Es wurde angelegt, damit die Amphibien nicht über die Strassen müssen. Die Nacht war kalt, der Teich ist stellenweise mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Auch hier weit und breit keine Tiere. Doch Hilfiker zeigt auf den Biotoprand. Dort beweisen Laichballen die Gegenwart von Grasfröschen. Erste Kaulquappen sind bereits geschlüpft.

Die Metamorphose fasziniert

Die komplexe Entwicklung der Amphibien fasziniert Hilfiker. Aus dem Ei schlüpft die Larve und entwickelt sich nach und nach vom Kiemenatmer zum Lungenatmer. Eine schier unglaubliche Metamorphose.

Hilfikers Lieblingstier erstaunt: Der Iltis ist ein Feind der Amphibien. Tatsächlich hat Hilfiker selber auch schon Froschschenkel probiert. «Danach hatte ich eine so schlechte Nacht wie noch nie», sagt er. Hilfiker ist Jäger und weiss: «Man kann der Natur Dinge entnehmen, ohne ihr zu schaden. Aber es ist extrem wichtig, dass es auf eine faire Art geschieht.»