Bruno-Weber-Park

«Es ging eigentlich nur um einen Schlüssel»: Weber-Witwe Maria Anna holt sich ihre Bilder zurück

Stiftungsrat Eric Maier öffnete am Montag der Künstlerwitwe das Gemäldedepot im Wassergartensaal.

Am Montagmorgen um 8 Uhr macht im Bruno-Weber-Park nur Pfau Josef einen gelassenen Eindruck. Ohne sich um die nervösen Menschen zu kümmern, die plötzlich sein Terrain bevölkern, stolziert er durch das vom nächtlichen Regen nasse Gras. Etwa zehn Leute in Arbeitskleidung rüsten sich an Bruno Webers Wohnatelier aus mit dem Arbeitsmaterial für diesen Tag: grosse Rollen transparenter Luftpolsterfolie, weiche, weisse Baumwollhandschuhe und Fotoapparate. Mit dabei: Maria Anna Weber, die Witwe des Dietiker Künstlers Bruno Weber. Man sieht ihr die Anspannung deutlich an; viel geschlafen haben wird sie nicht in der letzten Nacht. An diesem Morgen will sie nach über zwei Jahren wieder uneingeschränkten Zugang zu ihrem Eigentum erhalten: über 300 Gemälde und Tausende von Skizzen, Grafiken und Zeichnungen ihres produktiven Mannes.

Ein Urteil des Aargauer Obergerichts vom Juni hatte ihr Zugang und Verfügungsgewalt «per sofort» zugesprochen. Die Kunstwerke befanden sich bis zum Montag in einem Nebenraum des Wassergartensaals. Dieser und dessen unmittelbare Umgebung ist Terrain der Bruno-Weber-Stiftung; der Rest des Parks ist Eigentum von Weber. Stiftung und Weber sind seit Jahren zerstritten. Ein erster Übergabetermin am Mittwochmorgen letzter Woche war nicht zustande gekommen, weil sich die Stiftung «aus zeitlichen Gründen» nicht dazu in der Lage sah, der Aufforderung nachzukommen. Fünf Arbeitstage forderte Stiftungsratspräsidentin Isabelle Cart als Vorbereitungszeit. Dabei sollte sich der Arbeitsaufwand für die Stiftung einzig und allein darauf beschränken, einen Schlüssel im Schloss zu drehen. Laut Gerichtsurteil durften vonseiten der Stiftung die Werke nicht bewegt werden. Auch Mithilfe beim Abtransport war weder erforderlich noch erwünscht.

Nun also der Showdown am Montagmorgen. Pünktlich um 8 Uhr steht der Weber-Arbeitstrupp, darunter einige Vertreter des Vereins «Freunde Bruno Weber Park», vor der Seitentür des Wassergartensaals, um Einlass zu erhalten. Mit etwas Verspätung erscheint einer der Stiftungsräte, Eric Maier. Er macht aus seinem Widerwillen, dem Urteil nachkommen zu müssen, keinen Hehl. Vor der Tür zum Depot angelangt, verstrickt er sich in Diskussionen mit Meret Lotter, einer Rechtsanwältin der Zürcher Kanzlei Walder, die als Rechtsbeistand von Weber der Übergabe beiwohnt. Maier möchte ein bestimmtes Prozedere durchsetzen, auf das sich Lotter allerdings nicht einlässt. Schliesslich öffnet er die zweiflügelige Tür zum Depot.

Darin steht ein deckenhohes, etwa zehn Meter langes Regal, dicht gefüllt mit liegend gelagerten Din-A3-grossen Künstlermappen, in der unteren Reihe stehend, jeweils mit Schutzkarton-Trennern versehen Gemälde, eines neben dem anderen, Regalfach um Regalfach. In dem fensterlosen Raum, der auch als Serverraum dient, sind gegenüber den Bildern auf etwa acht Regalmetern unzählige Stiftungsakten gelagert.

Per Video festgehalten

Maier platziert gegenüber der Depottüre eine Kamera, die das ganze Geschehen filmt. Dazu spricht er vor der Linse hinein, welche Person den Raum betritt, und was sie herausträgt. Der Ärger über seine Ohnmacht ist ihm anzumerken. Obwohl von Anfang an klar ist, dass die Limmattaler Zeitung von der Übergabe berichten wird, ein Pressefotograf anwesend ist und auch Interviewfragen gestellt und beantwortet werden, möchten die Stiftungsvertreter – auch Michele Imobersteg erscheint nach etwa einer halben Stunde – nicht im Foto erscheinen. Darin wenigstens sind sie sich einig mit ihrer Kontrahentin Maria Anna Weber.

Auch sie möchte nicht abgelichtet werden. «An diesem Tag geht es nicht um mich. Es geht ausschliesslich um das Werk meines Mannes.» Sie möchte, dass die ganze Aktion «möglichst ruhig» abgewickelt wird.

Der Ort, wohin die Werke mit drei Lieferwagen gebracht werden, soll geheim bleiben. Wie es mit der Dokumentation der Werke nun weiter gehen soll, dazu möchte Weber auf Anraten ihrer Anwälte derzeit nichts sagen. Auf die Frage nach ihren Gefühlen antwortet sie, dass sie an diesem Tag keine Genugtuung empfinde. «Aber ich halte es für gut, dass das jetzt vollzogen wird. Es ging ja eigentlich nur um einen Schlüssel.»

Diesen wollte Stiftungsratspräsidentin Cart ihr aber nicht geben. «Die Bilder sollten gut gelagert werden, etwas, das Frau Weber über 40 Jahre lang unterlassen hat.» Temperatur, Feuchtigkeit und Sicherheit seien ihr, Cart, dabei wichtig gewesen. Auf Nachfrage erklärt sie, dass der Server bezüglich des Raumklimas unproblematisch gewesen sei. Rauchmelder seien nicht installiert gewesen.

Nur noch über Anwälte

Sie und Weber hätten sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen bei der Dokumentation des Werks einigen können. «Mit dem Urteil erlebten wir eine Kollision von Eigentumsrecht und Stiftungszweck. Aus unserer Sicht hätte das Gericht den Stiftungszweck und damit das öffentliche Interesse höher gewichten müssen als das Eigentumsrecht», so Cart. «Ich frage mich, wem und wozu soll die Aktion heute dienen?» Aber offensichtlich habe die Stiftung den Handlungsspielraum, den Stiftungszweck zu erfüllen, nicht, ergänzt sie mit Bitterkeit in der Stimme. Sie klagt, dass die Kommunikation mit Weber nur noch über Anwälte stattfände. Darüber hinaus fehle das Budget für ein Werkverzeichnis.

Mittel für die Arbeiten vonseiten privater oder öffentlicher Kulturförderung gebe es nicht. Durch den Konflikt seien der Stiftung die Hände gebunden gewesen, die Arbeit am Werkverzeichnis voranzutreiben. Sie bedaure das Ganze sehr und fügt hinzu: «Der Konflikt eskalierte einmal mehr. Ich wünsche mir, dass endlich das Werk im Mittelpunkt steht.» Es könne nicht sein, dass sich «unglückliche Leute» inszenierten.

Geschenke an die Stiftung?

In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der Limmattaler Zeitung hält Maria Anna Weber fest, dass ihr Mann sein malerisches und zeichnerisches Werk «keinesfalls der Stiftung zur Archivierung überlassen wollte». Bei der Stiftungsgründung im Jahr 1990 durch unter anderem Bruno Weber und sie selbst sei als Stiftungszweck explizit festgelegt worden: «Dokumentation und nicht Archivierung der Werke». Solange Bruno Weber lebte, habe er die Bilder nicht zur Archivierung im Wassergartensaal freigegeben, obwohl der damalige Stiftungsrat einen Raum für das Archivieren der Bilder vorsah. «Ich stehe einer Dokumentation nicht entgegen, sie ist mir auch wichtig», so Maria Anna Weber. «Ob wir einen Teil der Bilder der Stiftung als Geschenk übergeben, wenn die Stiftung nach Zewo-Zertifikat arbeitet und wirkt, das werde ich mit unseren Töchtern zur gegebenen Zeit besprechen.»

Damit verweist Weber auf den nächsten anstehenden Konflikt. Im Sommer 2016 hatte der Verein «Freunde Bruno Weber Park», in dessen Vorstand auch Weber sitzt, bei der Aargauer Stiftungsaufsicht eine Beschwerde eingereicht. Begründung: Die Stiftung habe unprofessionelle Strukturen. Der dreiköpfige Stiftungsrat werde vom Ehepaar Cart – Maier dominiert, welches das vertraglich zugesicherte Vetorecht von Maria Anna Weber nicht respektiere und zudem nicht ehrenamtlich tätig sei.

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