Limmattal
Es gibt Schnaps statt Tafelkirschen

Die Limmattaler Obstproduzenten spüren dieses Jahr die regionalen Unterschiede. Entgegen der Rekordmeldung beklagen sie sich über Ertragseinbussen.

Sebastian Schanzer
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Fredy Boll zeigt den Überschuss der Kirschen-Ernte in seinen Gärfässern.

Fredy Boll zeigt den Überschuss der Kirschen-Ernte in seinen Gärfässern.

ssc

3400 Tonnen Kirschen pflückten Schweizer Bauern bis kurz vor Ernteabschluss. Das ist ein Rekord, wie der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) letzte Woche meldete. Nicht nur Kirschen, auch anderes Steinobst wie etwa Zwetschgen und Aprikosen wurden in Rekordmengen geerntet, sagt Martin Ammann, Geschäftsleiter des Dietiker Obsthändlers Charles Füglister AG. Der Obsthändler weiss, dass eine solche Meldung nicht nur positiv zu verstehen ist. «Der Markt nimmt nur eine begrenzte Menge an Ware auf. Bei Überschüssen wird es schwierig, die Früchte zu verkaufen», sagt er. Man setze sich als Händler daher schon früh dafür ein, dass die Produzenten bei einer grossen Ernte nur die beste Qualität von den Bäumen nehmen.

Josef Christen, der Kommunikationsleiter des Schweizer Obstverbandes möchte zwar noch nicht vor dem definitiven Ernteabschluss Ende September von Rekordzahlen sprechen. Dennoch vermutet auch er grösserer Mengen an Früchten. «So wie es aussieht, gibt es dieses Jahr schweizweit eine grössere Ernte», sagt er. «Regional mag es allerdings Unterschiede geben.» Bei grösseren Ernten sei die gute Zusammenarbeit zwischen Produzenten und Händlern wichtig. Dazu werde vor der Ernte jeweils die Vermarktungssaison besprochen und entsprechende Aktionen würden geplant, sagt Christen.

Einbussen im Limmattal

Kurt Bräm aus Dietikon etwa musste 30 Prozent seiner Ware abschreiben. «Erst kam der Regen, dann der Hagel und zuletzt die Essigfliegen», sagt er. Durch den Regen fingen die empfindlichen Kirschen schon früh an, zu verfaulen. Der Hagel im Juni zerstörte weitere Früchte. Zuletzt, kurz vor der Reife, seien dann die Essigfliegen gekommen und richteten nicht nur bei den Kirschen, sondern auch bei Zwetschgen und Beeren erheblichen Schaden an. Für Bräm sei es heuer das erste Jahr, in dem er es mit dieser Fliegenart zu tun bekomme.

Der Bergdietiker Obstbauer Hans Peyer hat mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie Bräm. «Es hingen zwar extrem viele Früchte an den Bäumen, vieles wurde aber durch die Witterung zerstört», sagt er. Auch seine Früchte wurden von der Essigfliege nicht verschont. Er habe infolgedessen weniger Ertrag als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Von seinen Kirschen konnte er zehn Prozent weniger verkaufen als im Vorjahr.

Im Gegensatz zu anderen Schädlingen kann die asiatische Kirschessig-Fliege schon vor der Reife der Frucht deren Haut durchstechen und Eier legen.

Im Gegensatz zu anderen Schädlingen kann die asiatische Kirschessig-Fliege schon vor der Reife der Frucht deren Haut durchstechen und Eier legen.

zvg

Kirschen, die zwar nicht verfaulten, aber aufgrund ihres Aussehens nicht mehr in den Handel kommen, werden oft zu Schnaps weiterverarbeitet. Fredy Boll aus Gwinden lagert gewöhnlich etwa 200 Kilogramm solcher Kirschen pro Ernte in seinen Fässern. Im Winter komme dann der sogenannte Störbrenner von Hof zu Hof und verarbeite die Gärmasse zu Schnaps. «Dieses Jahr sind es rund eine Tonne», sagt Boll. «Finanziell rentiert sich das Schnapsbrennen kaum, immerhin wird aber so möglichst viel der Ernte verwertet.»