In Dietikon gibt es kein rollstuhlgängiges Sekundarschulhaus. Dieser Aussage, die der Stadtrat in der Antwort auf ein Postulat von SP-Gemeinderätin Catherine Peer machte, widerspricht FDP-Gemeinderat Raphael Müller. Seine Mutter, Sekundarlehrerin Doris Müller, habe vor Jahren im Schulhaus Luberzen einen Schüler im Rollstuhl unterrichtet, sagte Raphael Müller in der letzten Parlamentssitzung.

Das «Luberzen» sei sehr wohl behindertengerecht, auch der Singsaal sei ebenerdig. Die Postulatsantwort beinhalte daher Fehler. Raphael Müllers Aussage löste im Parlament Verwirrung aus. «Ich bin überrascht», sagte Postulantin Catherine Peer. Sie frage sich, ob der Stadtrat seine Antworten nicht umfassend abkläre. Problematisch sei auch, dass der Stadtrat in Betracht ziehe, ein gehbehindertes Kind, das nächstes Jahr in die Sekundarschule übertritt, in eine Nachbargemeinde zu schicken. Ob es wirklich nötig sei, das Kind aus seinem sozialen Umfeld herauszureissen, wenn es auch in Dietikon zur Schule gehen könnte, fragte Peer.

Wechsel des Klassenzimmers

Klar ist: Das Zentralschulhaus ist nicht behindertengerecht und wird aus finanziellen Gründen in Moment auch nicht aufgerüstet. Das macht der Stadtrat in seiner Postulatsantwort deutlich. Man merke den Einbau eines Lifts aber für eine künftige Gesamtsanierung vor.

Aber wie sieht es mit dem Schulhaus Luberzen aus? Schulpräsident Jean-Pierre Balbiani bestätigt auf Anfrage der Limmattaler Zeitung, dass tatsächlich einst ein Sekundarschüler im Rollstuhl das Schulhaus an der Schöneggstrasse besucht habe. Davon habe er aber auch erst jetzt erfahren, sagt Balbiani. Um dem Schüler den Unterricht zu ermöglichen, habe die Klasse damals jedoch in ein ebenerdiges Klassenzimmer umziehen müssen. Auch gewisse andere Kompromisse seien nötig gewesen. «Aber man wusste sich zu helfen», so Balbiani.

Wie Recherchen der Limmattaler Zeitung zeigen, war die Integration des Schülers im Rollstuhl in den regulären Schulalltag damals möglich, aber mit grossem Aufwand verbunden. Denn obwohl das Klassenzimmer ins Erdgeschoss verschoben wurde, mussten regelmässig Spezialräume erreicht werden. Dies war nur dank eines mobilen Treppenlifts möglich, der wie eine Raupe funktioniert. Die Mutter des Schülers kam zwischen den Stunden vorbei, um ihren Sohn ins nächste Zimmer zu fahren. Nur gerade vier Zimmer sind im Schulhaus Luberzen ebenerdig.

Wie die allermeisten älteren Schulhäuser erfüllt auch das 1972 eröffnete «Luberzen» nicht alle Vorschriften an einen behindertengerechten Bau. Zwar schreibt das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes, das im Januar 2004 in Kraft trat, vor, dass öffentliche Bauten hindernisfrei gebaut werden müssen.

Dazu gehören etwa ein möglichst stufenloser Zugang zu allen Bereichen, Rollstuhl-WCs auf jedem Stock und Türbreiten von mindestens 80 Zentimeter und höchstens 2,5 Zentimeter hohe Türschwellen. Ältere Bauten müssen aber gemäss Auskunft bei der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen nur angepasst werden, wenn bei einer Renovation der Mehraufwand 20 Prozent der Investitionskosten nicht überschreitet.

«Das wäre der letzte Ausweg»

Wo der gehbehinderte Dietiker Schüler nächstes Jahr in die Sek gehen wird, ist noch nicht klar. Man suche eine Lösung, sagt Schulpräsident Balbiani. Klar sei: «Ihn in eine andere Gemeinde zu schicken, wäre der letzte Ausweg.»