Es gibt kaum eine Schweizer Region, deren Landschaft so von Autobahnen zerschnitten ist wie das Limmattal. Bisher allerdings nur in zwei Dimensionen. Die Dritte könnte hinzukommen. Denn der Direktor des Bundesamtes für Strassen (Astra), Jürg Röthlisberger, sagte in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag», man prüfe im Limmattal, «ob wir einen Teil der A1 doppelstöckig führen können» (die Limmattaler Zeitung berichtete).

Auf Anfrage führt Thomas Rohrbach, Sprecher des Astra, aus, dass man eine Zwei-Etagen-Autobahn lediglich als eine mögliche Variante prüft. Konkret sei noch gar nichts. Für das Astra ist aber klar: Ein Ausbau ist sicher nötig. Der Handlungsbedarf sei sehr gross. Ohne Massnahmen werde es 2040 zwischen Aarau Ost und Dietikon zu täglichen Staus von zwei bis vier Stunden kommen.

Um das zu verhindern, will das Astra bis 2030 eine vierte Baregg-Röhre bauen. Damit sich, wenn dieses Nadelöhr beseitigt ist, der Stau nicht noch stärker ins Limmattal verlagert, möchte man auch die A1 im Limmattal per 2040 auf acht Spuren ausbauen. Dies geht im Bereich zwischen Weiningen und Dietikon Silbern kaum, weil ein bedeutendes Flachmoor neben der Autobahn verläuft. Deshalb ist die Idee einer Zwei-Etagen-Autobahn auf dem Tisch.

Baubewilligung fraglich

Noch seien aber sehr viele Fragen offen. Unter anderem folgende: Wird die bestehende Autobahn tiefer gelegt oder einfach ein Stockwerk auf die aktuelle draufgebaut? Wie will man den Lärmschutz sicherstellen? Sind die Etagen je für eine Richtung reserviert oder fahren Autos auf der gleichen Etage in verschiedene Richtungen?

Vor allem die rechtlichen Bestimmungen zum Landschaftsschutz werden dem Astra wohl noch Kopfzerbrechen bereiten, wenn es tatsächlich eine Zwei-Etagen-Autobahn bauen will. «Es ist unklar, ob wir für eine doppelstöckige Autobahn eine Baubewilligung erhalten würden», sagt Astra-Sprecher Rohrbach.

Es wird auch eine Alternative zur vierten Baregg-Röhre geprüft: ein Tunnel durch den Heitersberg. Astra-Direktor Röthlisberger sagte im Interview, diesen könne man in Spreitenbach bauen. Doch es gebe auch Varianten südlich oder nördlich davon. Südlich könnten wohl nur Dietikon und Bergdietikon betroffen sein, weil dahinter schon die Autobahn A3 kommt.

Roger Bachmann: Doppelstöckige Autobahn muss in Landschaft passen

Bei den Limmattaler Gemeinden, deren Gebiet von der Doppelstock-Autobahn tangiert würde, begrüsst man die Kreativität des Astra. Doch es werden klare Bedingungen gestellt. So sagt der Dietiker Stadtpräsident Roger Bachmann (SVP): «Grundsätzlich wäre eine doppelstöckige Autobahn eine gute Lösung.» Er fügt aber sofort an: «Sofern sie baulich gut umgesetzt ist. Die Zwei-Etagen-Autobahn dürfte kein riesiger Betonklotz werden, der mitten im Limmattal steht.» Sie müsse in die Landschaft passen.

Bachmann ist ausserdem vor allem wichtig, dass nicht wieder endlos lange Blechlawinen im Limmattal zu liegen kommen. «Es kann nicht sein, dass es beim Baregg-Tunnel durch eine vierte Röhre eine Verflüssigung gibt, der Gubrist währenddessen wieder zuwenig leistungsfähig ist und wir dadurch den Stau erneut bei uns im Limmattal haben.»
Zu den Plänen des Astra, eventuell einen Tunnel durch den Heitersberg zu bauen, sagt Bachmann: «Das ist prüfenswert. Alles, was das Zentrum vom Verkehr entlastet, ist unterstützenswert.» Er schlägt auch die unterirdische Verlängerung der Mutschellenstrasse ins Reusstal vor.

Angesprochen auf die Auswirkungen für das Dietiker Moor entlang der Limmat, sagt Bachmann: «Wir müssen die Natur respektieren, aber man sollte dadurch nicht sämtliche Bauvorhaben blockieren.»

Okle spielt aufs Bundesgericht an

Die Gemeinde Weiningen hat sich bereits bissig gezeigt, als ihr Bundesberner Ideen auf ihrem Gemeindegebiet nicht passten. Beim Gubristausbau ging die Gemeinde bis vor Bundesgericht. Zu den neuen Doppelstock-Plänen sagt Gemeindepräsident Mario Okle (parteilos): «Grundsätzlich bieten wir gerne Hand für eine gute Lösung.»

Aber die Gemeinde werde sich ganz sicher dafür einsetzen, dass die zweite Etage unterirdisch gebaut wird. «Mit einer oberirdischen zweiten Fahrbahn hätte ich persönlich enorme Probleme», sagt Okle. «Ich bin mir sicher, dass, wenn man diese zweite Etage auf die jetzige Fahrbahn setzt und dann einfach entsprechende Lärmschutzwände baut, man keine Mehrheit der Weininger überzeugen kann», so Okle. «Und wir haben ja beim Gubristausbau gesehen, was passiert, wenn das Astra nicht mit den Gemeinden zusammenarbeitet: Wir gingen bis vor Bundesgericht.»

Der Geroldswiler Gemeindepräsident Michael Deplazes (parteilos) sagt, die Idee sei «grundsätzlich bestechend». Mindestens wenn das zweite Autobahn-Stockwerk unterirdisch zu liegen kommt. «Wir leiden extrem unter dem Stau auf der Autobahn. Denn viele Autofahrer aus dem Aargau weichen dem Stau vor dem Gubrist aus und fahren durch Geroldswil», sagt Deplazes. Somit seien kreative Ideen, mit denen das Blechlawinen-Problem bekämpft werden könne, willkommen. «Wenn das zweite Stockwerk aber einfach auf die heutige Autobahn draufgesetzt wird, habe ich grosse Mühe damit», so Deplazes weiter. «Die Siedlungsgebiete nah an der Autobahn und die Naherholungsgebiete verlieren an Lebensqualität und würden massiv darunter leiden.»

Für Deplazes ist aber auch klar: «Man muss öffentlichen Verkehr ausbauen und attraktiver machen, anstatt Autobahnen immer weiter auszubauen.»
Die Organisation Birdlife, die sich immer wieder für den Schutz des Moors eingesetzt hat, konnte gestern keine Stellungnahme abgeben.

Entlastung für Autofahrer plant das Astra auf jeden Fall, egal ob die doppelstöckige Autobahn kommt: Der Pannenstreifen zwischen dem Limmattalerkreuz und Dietikon soll während Spitzenzeiten als zusätzliche Fahrspur benutzt werden. Dafür muss gebaut werden. Es braucht zum Beispiel Nothaltebuchten. Diese Entlastung kommt frühestens per 2023.