Dietikon

Es brodelt hinter der Fassade: Im Alterszentrum Senevita fehle es an Personal

Wolken ziehen auf: Bewohnerinnen des Senevita im Limmatfeld klagen über fehlendes Personal und wollen wieder eine Zentrums-Leitung.

Wolken ziehen auf: Bewohnerinnen des Senevita im Limmatfeld klagen über fehlendes Personal und wollen wieder eine Zentrums-Leitung.

Seniorinnen des Alterszentrums Senevita in Dietikon klagen über Personalmangel und verlangen eine Führung, die wieder zuhört.

Das grosse Foyer mit angrenzendem Restaurant empfängt die Gäste im Alterszentrum Senevita im Dietiker Limmatfeld. Im Wandaquarium schwimmen Fische, die Rahmen der grossen Fensterfront werfen Schatten auf den hellen Boden – und alle paar Meter lädt eine Sitznische zum Ausruhen ein. «Das wäre ja alles schön, wenn es auch genug Personal im Haus gäbe», sagt Bertha Schenker. Die 84-jährige Dietikerin wohnt seit vier Jahren im Limmatfeld. In dieser Zeit sei der Senevita-Gruppe laufend Personal abgesprungen, klagt sie. Die Pflegestationen seien inzwischen unterbesetzt. Zudem würden auch die Zentrumsleiter ständig wechseln. «Das geht so nicht mehr weiter», macht sie ihrem Unmut Luft.
Schenker wohnt in einer begleiteten 2-Zimmer-Wohnung und ist eigentlich selbst vom beklagten Abbau nicht besonders betroffen. Mit ihrer Kritik hoffe sie aber, dem Personal eine Stimme geben zu können, sagt Schenker. Beim Gang durchs Alterszentrum scherzt sie mit den Mitarbeitenden und grüsst sie mit Namen. Es seien alles liebe und gute Leute, die hier arbeiten. Doch sie seien einfach zu viel am Schaffen. «Sie laufen hier auf dem Zahnfleisch.» Deshalb würden sie auch die Stelle wechseln. «Ich danke allen, die für uns eine so grossartige Arbeit leisten. Auch denen die uns noch verlassen. Wir werden sie vermissen», sagt sie. Die verbliebenen Mitarbeitenden würden sich nicht getrauen, sich zu wehren, sagt Schenker, deshalb tue sie es nun.

Vier Leitungen innert fünf Jahren

Nicht nur das fehlende Personal, auch der «fehlende Hirte», wie Schenker die Zentrumsleitung nennt, hätten ein grosses Loch hinterlassen. Mitten in der Coronakrise sei die vierte Leitung innert fünf Jahren gegangen. Sie habe lediglich einige Wochen im Limmatfeld gearbeitet. Auch der Pflegedienstleiter, der von vielen Senioren sehr geschätzt wurde, habe gekündigt und das Zentrum verlassen. «Es braucht jemanden, der sich um alle kümmert. Eine Leitung, der wir nicht egal sind», sagt Schenker. Schliesslich zahlen die Senioren für die Pflege und Betreuung, da sei es nicht recht, wenn man kaum je die Leitung sehe und die Mitarbeitenden überarbeitet seien.

Schenker schrieb vor einigen Wochen einen Beschwerdebrief an den Geschäftssitz der Senevita in Bern. Daraufhin habe sie Besuch von einer Leitungsperson erhalten. Doch obwohl die beiden zusammen sprachen und Schenker ihre Vorwürfe nochmals ausführte, sei das Gespräch erfolglos geblieben. «Sie machte mir nur leere Versprechen», sagt die Kritikerin. Taten seien keine gefolgt.
Auf Nachfrage bestätigt die Senevita-Gruppe, dass im Limmatfeld aktuell mehrere Stellen offen seien. «Wir nehmen die Situation ernst und führen zahlreiche Gespräche mit Bewohnerinnen, Bewohnern, Angehörigen, Mitarbeitenden und Bewerbern», sagte Senevita-Sprecherin Daniela Flückiger. Aktuell führe ein erfahrener und respektierter Geschäftsführer das Alterszentrum im Limmatfeld ad Interim. «Die Wechsel in der Geschäftsführung sowie im Personalbestand bedauern wir teils, teils haben wir uns zum Wohl der übrigen Mitarbeitenden und Bewohnenden aber auch bewusst von Mitarbeitenden getrennt», sagt Flückiger. Hinzu komme, dass temporäre Abwesenheiten, etwa durch Mutterschafsurlaube, in der momentanen Situation noch mehr ins Gewicht fielen.

Früher habe sie Werbung für Senevita gemacht

Früher war Schenker begeistert von den Seniorenwohnungen: «Ich habe sogar bei anderen Senioren Werbung für Senevita gemacht», sagt sie. Auch ihre Kollegin Britgitte Häberli, die ebenfalls in einer Seniorenwohnung lebt, sagt: «Ich war stolz auf das Senevita.» Doch seither habe sich einiges verändert. Auf dem Tisch vor den beiden Damen liegt nun eine Umfrage der Küche. Die Senioren sollen ihr Lieblingsessen aufschreiben, damit es in den nächsten Wochen auf den Tisch kommt. So soll der Geschmack der Seniorinnen und Senioren besser berücksichtigt werden. Denn das Essen ist ein weiterer Streitpunkt: «Das Essen könnte gut weniger al dente und dafür schweizerischer sein. Sie müssen uns nicht beweisen, dass sie japanisch kochen können», sagt Schenker. Auf dem Zettel hat Häberli «Gulasch und Schinkennudeln», notiert. Die Geroldswilerin arbeitete jahrelange in einem Restaurant und weiss deshalb, was es heisst, unter Zeitdruck zu kochen. Das Essen der Senevita-Küche sei grundsätzlich gut. Der Koch dürfe ihrem Geschmack nach jedoch weniger ausländische Speisen kochen, und Kartoffeln könnten ruhig mehr auf den Teller kommen. «Doch dann müssten sie geschält werden, so kann ich sie kaum essen», sagt Häberli.

Schlimmer als die harte Schale der Kartoffeln, empfindet Häberli aber die Situation der fehlenden Heimleitung. «Sie halten es jeweils nur etwa ein Jahr hier aus», sagt Häberli. Sie wünsche sich eine Leitung, die sich wieder um die einzelnen Senioren kümmert. «Sie sollte mit uns reden und uns zuhören», sagt sie.

Die Senevita Gruppe schreibt, dass immer wieder Umfragen unter den Bewohnenden und Mitarbeitenden durchgeführt würden. «Laut unserer Bewohnerumfrage würden uns 97 Prozent weiterempfehlen», so Flückiger. Auch die Gesamtzufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liege mit 74 Prozent 3 Prozent über dem Branchenschnitt. Dem Einsatz der Mitarbeitenden sei es zu verdanken, dass es kaum Wechsel unter den Bewohnenden gäbe.

Auch in der Küche scheint es zu kriseln

Doch die Unzufriedenheit zieht sich weiter: Cécile Ottiker, eine weitere Freundin Schenkers, die einen Stock unter ihr wohnt, sagt: «Es braucht mehr Pflegepersonal und eine Führung.» Was es bedeutet, wenn nicht genug Personal da ist, erfuhr sie in den letzten Monaten im nächsten Umfeld. Damals sei ihr Mann aufgrund einer akuten Erkrankung bettlägerig gewesen und habe viel Betreuung gebraucht. Während eines Besuches merkte sie, wie lang es dauert, bis die Pflegefachperson Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern und welche Folgen dies für ihren Mann hatte. «Ich zeigte der damaligen Verantwortlichen Fotos von der Situation auf der Pflegestation. Danach wurde es besser», sagt Ottiker. Auch mit ihrem Mann ging es aufwärts, heute besucht er sie täglich mit dem Rollstuhl in ihrer Seniorenwohnung. Es fehle aber noch immer an Pflegepersonal. Die Corona-Zeit habe das Ganze nur verschlimmert.
Ottiker hat auf ihren Menü-Wunschzettel Schnitzel mit Pommes frites geschrieben. Doch im Küchen-Team scheint es auch zu kriseln. «In der letzten Zeit gingen einige Leute. Das ist schade, denn sie arbeiteten gut», sagt Schenker. Ottiker hofft, dass es trotz der personellen Turbulenzen bald Schnipo geben wird. Schenker glaubt nicht, dass ihre Wünsche angehört werden: Sie hat kein Menü auf den Zettel geschrieben.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1