ADHS und Ritalin – selten wird hierzulande über das eine ohne das andere gesprochen. Das ist kein Wunder, schnellten die Verteilmengen der Psychopharmaka mit dem Wirkstoff Methylphenidat (wie eben Ritalin) in den letzten Jahren doch markant in die Höhe. Seit zwei Jahren stagnieren sie auf hohem Niveau; doch nach wie vor folgt der Griff in den Medizinschrank häufig automatisch auf die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS.

Häufig genug auf jeden Fall, dass die Schweiz im Februar eine Rüge vom UNO-Kinderrechtsausschuss kassierte: ADHS werde bei Kindern und Jugendlichen viel zu häufig diagnostiziert und Ritalin «trotz zunehmender Hinweise auf schädigende Folgen dieser

Medikamente» zu oft verabreicht.

Kinder mit ADHS fallen auf: Weil sie nicht stillsitzen können, weil sie sich schlecht konzentrieren können, weil sie vergesslich sind oder weil sie sich «bockig» verhalten. Manchen von ihnen hilft Ritalin. Dass es aber auch ohne gehen kann, zeigt jene Hälfte der diagnostizierten Fälle, die ohne medikamentöse Behandlung zurechtkommt. Insgesamt sollen in der Schweiz rund fünf Prozent der Schulkinder von ADHS betroffen sein. Ritalin und ähnliche Medikamente werden laut einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) rund 2,4 Prozent verabreicht; im Kanton Zürich sind es ein bisschen mehr.

«Ich kann es ja doch»

Auch Bernhard von Bresinski von der Jugendberatung Blinker ist der heutigen Praxis gegenüber skeptisch. «Wir machten bisher die Erfahrung, dass der Einsatz von Medikamenten oft nicht nötig ist oder die therapeutische Arbeit sogar behindern kann», sagt er, der in Schlieren regelmässig Jugendliche mit ADHS-Symptomen berät.

Was ist ADHS? Schon Heinrich Hoffmann beschrieb in seinem «Struwwelpeter» mit Figuren wie dem Zappelphilipp oder Hans-Guck-in-die-Luft typische Verhaltensweisen von Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Das war 1845. Seither hat die Krankheit eine steile Karriere hingelegt – und mit ihr das Novartis-Produkt Ritalin, dessen Einsatz Befürworter und Kritiker hat. In den 1990er-Jahren wurde ADHS als Krankheit in die relevanten internationalen Diagnoseklassifikationssysteme aufgenommen. Die Krankheit, die im Kindesalter in Erscheinung tritt und Betroffene teilweise das ganze Leben lang begleitet, äussert sich durch Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit, Impulsivität, Unruhe und Hyperaktivität. Liegt Letzteres nicht vor, spricht man von ADS, also dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – dieses wird jedoch häufig nicht erkannt, da die hyperaktive Ausprägung in der Regel schneller auffällt und häufig auch zu Problemen führt.

Was ist ADHS? Schon Heinrich Hoffmann beschrieb in seinem «Struwwelpeter» mit Figuren wie dem Zappelphilipp oder Hans-Guck-in-die-Luft typische Verhaltensweisen von Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Das war 1845. Seither hat die Krankheit eine steile Karriere hingelegt – und mit ihr das Novartis-Produkt Ritalin, dessen Einsatz Befürworter und Kritiker hat. In den 1990er-Jahren wurde ADHS als Krankheit in die relevanten internationalen Diagnoseklassifikationssysteme aufgenommen. Die Krankheit, die im Kindesalter in Erscheinung tritt und Betroffene teilweise das ganze Leben lang begleitet, äussert sich durch Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit, Impulsivität, Unruhe und Hyperaktivität. Liegt Letzteres nicht vor, spricht man von ADS, also dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – dieses wird jedoch häufig nicht erkannt, da die hyperaktive Ausprägung in der Regel schneller auffällt und häufig auch zu Problemen führt.

Dennoch ist er offen für medikamentöse Behandlungen: Es gebe Betroffene, denen die Beruhigung, die Ritalin ihnen bringe, sehr helfe. Etwa eine damals 15-Jährige, die er einmal beraten hatte: Das Kind einer Flüchtlingsfamilie wurde von Heim zu Heim geschoben, hatte in der Schule massive Konzentrationsschwierigkeiten, schrieb schlechte Noten. Als bei ihr ADHS diagnostiziert wurde, war sie froh, endlich zu wissen, wo das Problem liegt.

Und als sie dann mit der Einnahme von Ritalin begann, habe sie plötzlich die Erfahrung gemacht, dass es doch geht mit dem Hinsitzen und Lernen. Die Einsicht «Ich kann es ja» habe sie motiviert – und ihr die Angst genommen, dass das Versagen in der Schule in fehlender Intelligenz begründet liegt.

Viel zielführender sei es aber, die Kinder in ihren Stärken zu unterstützen, anstatt ihre Schwächen ausbügeln zu wollen. Er nennt das «positive Aufmerksamkeit» – und die guten Erfahrungen, die damit gemacht werden, will er in den kommenden Wochen und Monaten in einer Veranstaltungsreihe betroffenen Eltern vermitteln. Denn viele Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, hätten besondere Begabungen, auf die zu fokussieren sich lohnen würde, sagt von Bresinski – «wenn nur nicht stets im Vordergrund stehen würde, was mit ihnen nicht in Ordnung ist».

Er stört sich schon an der Bezeichnung Aufmerksamkeitsdefizit: «Es ist ein anderer Aufmerksamkeitsstil, der nicht immer gleich ein Defizit sein muss.» Es seien meist die «intensiven Reize», für die sich ADHS-Betroffene begeistern können: etwa fürs Gamen, für Sport, Kreatives oder soziale Kontakte. «Nur ist das eben leider nicht unbedingt das, was im schulischen Alltag gefragt ist.»

Deshalb wird die innere Unruhe für die Kinder auch häufig mit der Einschulung zum Problem. Sie fallen auf, weil sie sich nicht wie gewünscht an die schulischen Strukturen anpassen können. Häufig hapert es mit den Hausaufgaben, mit dem Mitbringen des Schulmaterials, aber auch um das Verhalten in der Klasse. Daraus entstehen Konflikte, mit Lehrern, Eltern und, seltener, auch Mitschülern. Die Beteiligten finden sich in einer Negativspirale wieder: «Wenn man sich nur darauf konzentriert, was jetzt schon wieder nicht geklappt hat, was das Kind jetzt schon wieder falsch gemacht hat, sind am Schluss die Eltern und die Lehrer wütend und das Kind ist nach all dem negativen Feedback verunsichert und demotiviert.»

«Vereinfacht gesagt: Mit Ritalin lassen sich Jugendliche besser takten.» Bernhard von Bresinski Jugendberater

«Vereinfacht gesagt: Mit Ritalin lassen sich Jugendliche besser takten.» Bernhard von Bresinski Jugendberater

Ohne Teamwork gehts nicht

In solch verfahrenen Situationen erstaunt es nicht, dass viele letztlich zu Medikamenten greifen. «Vereinfacht gesagt: Mit Ritalin lassen sich Jugendliche besser takten», sagt von Bresinski. Und in einer von Leistungsdruck bestimmten Gesellschaft wie unserer sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Schüler, der sich ungewöhnlich verhält, als störend empfunden wird. Dabei, so von Bresinski, sei es häufig gar nicht so schwierig, ADHS-Symptome mit den bestehenden Strukturen in Einklang zu bringen, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten und sich gemeinsam um Erfolgsmomente bemühen. «Doch dabei muss man sich auf eine Sache konzentrieren – darauf, was möglich ist.» Und: Man dürfe nicht in die Falle tappen, kleine Verbesserungen zu übersehen, «weil das Grosse immer noch nicht klappt».

Letztlich, ist von Bresinski überzeugt, sei es stark von den involvierten Personen abhängig, ob man zusammen eine gute Lösung findet. Er erinnert sich an Fälle, bei denen Lehrpersonen schon mit kleinsten Massnahmen Erfolge erzielen konnten: Etwa, indem einem Schüler erlaubt wurde, in den Schulstunden immer wieder mal aufzustehen, um den Bewegungsdrang zu lindern, oder durch das Anschaffen eines Hörschutzes, der es einer Schülerin ermöglichte, nicht durch jedes Geräusch im Raum abgelenkt zu werden.

Doch nicht in jedem Klassenzimmer herrsche dieselbe Bereitschaft, auf auffällige Kinder und Jugendliche einzugehen. «Es gibt Schulen und auch einzelne Lehrpersonen, die offener sind als andere.»

Herkulesaufgabe für Schulen

Von Bresinski ist sich bewusst, dass Schulen im Umgang mit ADHS-Betroffenen eine Herkulesaufgabe übernehmen. «Der Leistungsdruck ist gestiegen, gleichzeitig fordern die zahlreichen Reformen im Schulwesen eine Individualisierung des Unterrichts – das alles unter einen Hut zu bringen, ist schwierig», sagt er. Auch Gerold Schoch, der Leiter der Dietiker Schulabteilung, sagt: «Für die Lehrpersonen sind Kinder mit ADHS eine grosse Herausforderung.»

Dabei ist auch er sich der grossen Verantwortung bewusst, die der Schule und ihrem Personal dabei zukommt. Denn: «Auffälliges Verhalten manifestiert sich immer in zwischenmenschlichen Beziehungen.» So gebe es einerseits Klassen, in denen ein Kind mit ADHS besser oder schlechter untergebracht sein könne; andererseits gebe es auch Lehrpersonen, die mit solchen Situationen besser umgehen können als andere.

Die Schule gebe sich Mühe, den individuellen Bedürfnissen von hyperaktiven oder konzentrationsschwachen Schülern gerecht zu werden. Doch mit dem städtischen Sparauftrag im Nacken muss dies innerhalb der bestehenden Ressourcen geschehen. Dennoch gebe es einen gewissen Spielraum, sagt Schoch: Etwa mit dem Beiziehen von Heilpädagogen oder den Personalressourcen der integrativen Förderung (IF); manchmal reiche es auch schon aus, jemanden in eine andere Klasse zu versetzen, in der die Dynamik eine andere ist. Doch in manchen Fällen, so Schoch, sei es tatsächlich so, dass erst die Einnahme von Medikamenten die erwünschte Beruhigung bringe.

Auch das kantonale Volksschulamt sagt, dass die Regelschule individuellen Bedürfnissen – also auch denen von Kindern mit ADHS-Symptomen – ihren Platz einräumt. Amtschef Martin Wendelspiess weist auf das Credo «ressourcen- statt defizitorientierte Förderung» hin, das bei allen schulischen Angeboten zentral sei. Gelinge es der Regelschule dennoch nicht, einem Kind mit ADHS-Symptomen gerecht zu werden, könnten sonderpädagogische Massnahmen zum Zug kommen. Zudem können Lehrpersonen sowohl in der Ausbildung wie auch verschiedenen Weiterbildungen den Umgang mit besonderen Bedürfnissen und deren frühen Erkennung lernen.

Die Früherkennung sei sehr wichtig, sagt von Bresinski. Denn je eher man Strategien entwickle, mit der Andersartigkeit umzugehen, desto geringer sei die Gefahr, dass ADHS zum Problem wird und bleibt. «Wer es als Jugendlicher schafft, mit ADHS-Symptomen auch positive Erlebnisse zu verbinden, kann in der Regel auch als Erwachsener leichter damit umgehen», sagt er.
Die Jugendberatung Limmattal Blinker veranstaltet von September bis Dezember sieben Vortrags- und Diskussionsabende für Eltern von «handlungsaktiven und wahrnehmungsstarken Jugendlichen».

Daten: 16. und 30. September, 21. Oktober, 4. und 18. November, 2. und 16. Dezember, jeweils 18:30 Uhr.
Ort: Sozialdienst Limmattal, Grabenstrasse 9, Schlieren, im 3. Stock.
Weitere Informationen: www.b-link-er.ch