Birmensdorf

Erzählungen über Obdachlose liessen einen Saal verstummen

..

In ihrem Buch «Im Himmel gestrandet» schreibt Hélène Vuille wahre Geschichten über die Bewohner der Mondostrasse 74, ein Heim für Obdachlose. Einige der berührenden Lebensgeschichten liesst die Autorin am Mittwochabend in Birmensdorf vor.

Es sind Geschichten wie diese von Zeno, Asad, Werni oder Nicanor. Sie alle wohnen an der Mondostrasse 74, einem Heim für Obdachlose. Die Laufbahn der Männer ist alles andere als gradlinig verlaufen. Drogen und Alkohol bestimmten ganze Abschnitte ihres Lebens und liessen sie auf die schiefe Bahn kommen. Nach und nach verloren sie alles: Zuerst den Job, dann die Wohnung und schliesslich auch Freunde und Familie. Für ihre Geschichte interessierte sich kaum jemand, niemand nahm Anteil daran.

Hélène Vuille jedoch hat diese Menschen kennengelernt und ein offenes Ohr für sie gehabt. Durch die wahren Erzählungen aus dem Leben der Obdachlosen, die sie in ihrem Buch „Im Himmel gestrandet" zusammenfasst, gibt sie den Obdachlosen eine Stimme. Einige der berührenden Lebensgeschichten der Männer las die 59-Jährige am Mittwochabend im Gemeindezentrum Brüelmatt in Birmensdorf vor.

Die Texte machen betroffen

Mit jeder Erzählung aus dem Leben eines weiteren Obdachlosen, die Vuille las, wurde es ruhiger im Saal. Die Zuhörer schienen berührt und schockiert zugleich. Die Autorin zeigte auf, dass weder eine behütete Kindheit noch ein Studium an einer renommierten Universität eine Garantie dafür sind, dass das Leben geradlinig verläuft. Sie räumte auf mit dem Klischee, alle Obdachlosen würden aus zerrütteten Familienverhältnissen stammen. Sie erzählte von dem Wunsch der Männer, ihre Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol in den Griff zu kriegen oder der kindlichen Freude, die sie zeigen können, wenn Hélène Vuille mit ihrem Auto in der Mondostrasse vorfährt. Bis heute fährt die Autorin zwei Mal in der Woche zum Heim, den Laderaum ihres Wagens vollgepackt mit Sandwiches, Crèmeschnitten, Mohrenköpfen und Birchermüsli.

Lesung regte zum Denken an

Diesen Kampf für die Obdachlosen und gegen die Lebensmittelverschwendung führt die Birmensdorferin seit nun fast 15 Jahren unerbittlich. Angefangen hatte alles im Jahre 1998, als Hélène Vuille in der Migros Wiedikon per Zufall miterlebte, wie kurz nach Feierabend kiloweise frische Lebensmittel in einer Abfalltonne landeten. Entsetzt über diese Beobachtung und überzeugt davon, etwas dagegen zu unternehmen, fasste die heute 59-Jährige einen Entschluss: Die Tagesfrischprodukte sollten von nun an dort ankommen, wo sie dringender gebraucht werden: In der Mondostrasse.

Die Lesung in Birmensdorf regte die Zuhörer zum denken an. Viele blieben noch lange auf ihren Stühlen sitzen und unterhielten sich mit ihren Sitznachbern. Wie oft schmeisse man doch selbst Lebensmittel weg, einfach weil man zu viel gekocht oder eingekauft habe, konnte man jemanden fragen hören.

Für Vuille ist es damit aber noch nicht getan. „Es muss gesetzlich festgelegt werden, dass Grossverteiler ihre Lebensmittel nicht mehr entsorgen, sondern sie an lizensierte karitative Organisationen spenden müssen", so die Autorin. Doch sie sei zuversichtlich und sie habe das Gefühl, der Stein komme nun endlich ins Rollen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1