Geistlich-Areal
Erst verschwand der Geruch, nun die Gebäude: Schlieren verliert ein Stück Industriegeschichte

Mit dem Abbruch der Produktions- und Bürobauten auf dem Geistlich-Areal endet eine Ära. Das Unternehmen trauert den Bauten jedoch nicht nach. Stets sei es das Credo gewesen, zukunftsgerichtet zu agieren.

Alex Rudolf
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Die Belegschaft versammelte sich vor dem Büro an der Engstringerstrasse für das Betriebsfoto. Die Aufnahme stammt aus den frühen 1920er-Jahren, wie es im Jahrheft der Stadt Schlieren von 1994 heisst. Schlieremer Jahrheft 1994

Die Belegschaft versammelte sich vor dem Büro an der Engstringerstrasse für das Betriebsfoto. Die Aufnahme stammt aus den frühen 1920er-Jahren, wie es im Jahrheft der Stadt Schlieren von 1994 heisst. Schlieremer Jahrheft 1994

Dass hier wegen der Leimproduktion dereinst ein strenger Geruch dominierte, ist heute nur schwer vorstellbar. Dieser trübte die Idylle, welche die Gebäude des Geistlich-Areals unweit des Schlieremer Bahnhofs, umgibt.

Wer die Engstringerstrasse jedoch noch zu Zeiten passierte, in denen hier Tierknochen verarbeitet wurden, der wird den Gestank wohl nie mehr vergessen. Auch Martin Geistlich, der seit seiner Kindheit beim Hauptsitz des Unternehmens ein- und ausging, erinnert sich noch genau daran.

1869 verlegten die damaligen Besitzer den Standort von Riesbach nach Schlieren. In Zürich sei der Protest der Anwohner wegen der Geruchsemission zuletzt gross gewesen: «Hier in Schlieren gab es viel Platz und die Distanz zum Siedlungsgebiet war gross», sagt Geistlich.

Mit dem Gestank ist es seit mehr als zehn Jahren vorbei. Die Verarbeitung von Knochen zu Futtermittel und Gelatineschrot wurde damals eingestellt, die Klebstoffproduktion erfolgte bereits seit den Fünfzigerjahren auf synthetischer Basis.

01_Bald beginnen die Abbruch- und Untergrundsanierungsarbeiten auf dem Geistlich-Areal
14 Bilder
02_Damit verlässt ein Zeitzeuge der Schlieremer Industrialisierung die Stadt
03_Diverse Brände zerstörten über die letzten anderthalb Jahrhunderte viele der Originalbauten
04_Einer der grössten Feuerkatastrophen ereignete sich im Jahr 1919
05_So sah das Geistlich-Areal in den 1920er-Jahren aus
06_Blick von Süden ebenfalls in den 1920er-Jahren
07_Stehenbleiben wird nur die Trafostation (hinten links), deren Nebenhaus (vorne) und der sogenannte Landi-Pavillon (hinten rechts)
08_Bestrebungen des Architekten Jeremy Hoskyn, die alte Leimfabrik ebenfalls stehen zu lassen, fruchteten nicht
09_Die erste Etappe des Geistlich-Areals wurde diesen Sommer eröffnet. Die Überbauung Magnolia bietet 138 Wohnungen
10_Wie es auf der Webseite des Projekts heisst, sind bereits alle Wohnungen verkauft
11_Noch ist aber längst nicht Schluss. Ab kommendem Sommer sollen zwei weitere Wohngebäude gebaut werden. Hier das Projekt Brassavola an der Brandstrasse
12_ Und das Projekt Oleander an der Brand-Engstringerstrasse
13_An der Engstringerstrasse entsteht sogar ein rund 45 Meter hohes Hochhaus
14_Martin Geistlich

01_Bald beginnen die Abbruch- und Untergrundsanierungsarbeiten auf dem Geistlich-Areal

Limmattaler Zeitung

Rund zehn Jahre nach dem Geruch verschwinden nun auch die meisten baulichen Überbleibsel des Schlieremer Traditionsunternehmens. Bereits sind Bagger und andere Baumaschinen in den Startlöchern, um Mauern, Dächer und den Hochkamin dem Erdboden gleichzumachen.

Was danach kommt, ist bereits bekannt: Das rund 80 000 Quadratmeter grosse Areal an bester Lage wird schrittweise zum Wohn- und Arbeitsquartier. «In rund einer Woche beginnen wir mit dem Abriss und der Asbestsanierung, damit wir im kommenden Sommer mit dem Bau beginnen können», so Geistlich, der Vorsitzender der Geschäftsleitung der Geistlich Immobilia ist. Er spricht dabei von der zweiten Etappe: Das Wohnhaus Magnolia wurde bereits diesen Sommer fertiggestellt.

Sentimental, nicht traurig

Nun, da es auf den Abbruch zugehe, werde man schon ein wenig sentimental, sagt er. Nachweinen werde er der alten Bausubstanz jedoch nicht.

Im Gestaltungsplan, der Mitte der Nullerjahre gemeinsam mit der Stadt erarbeitet wurde, ist festgehalten, dass das Trafohaus mit seinem Nebengebäude, der historische Dachstuhl des sogenannten Landi-Pavillons sowie die Industriegeleise im Parkteil stehenbleiben. «Da unser Unternehmen nie repräsentative Gebäude erstellte, sind die heutigen Hallen und Büros architektonisch nicht wertvoll.»

Neben dem Heimatschutz habe dies auch ein bauhistorisches Gutachten bestätigt, sagt Geistlich. Bei den drei Brandunglücken in den Jahren 1917, 1919 sowie im Jahr 1976 seien zudem grosse Teile der originalen Bausubstanz zerstört worden. Wozu die drei Gebäude, die stehengelassen werden, dereinst genutzt werden, ist noch in Prüfung. Sicher ist, dass sie dem Quartier einen Blick in die Vergangenheit gewähren werden; sie sollen für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Nach dem Abbruch wächst ein neues Quartier

Die geschichtsträchtigen Gemäuer der Firma Geistlich gehören bald der Vergangenheit an. In den kommenden Wochen erfolgt der Rückbau, bis im Sommer 2017 wird der Untergrund saniert. Was danach kommt, verändert das Schlieremer Zentrum nachhaltig.

So werden bis Ende 2019 zwei Gebäude an der Engstringer- und der Brandstrasse erstellt. Die beiden Wohnhäuser aus der Feder der Architekten Gmür & Geschwentner sowie Graber Pulver weisen eine Nutzfläche von insgesamt rund 45 000 Quadratmetern auf. Gesamthaft entstehen 450 Wohnungen, davon 78 Alterswohnungen, 30 Pflegezimmer und 84 Loftwohnungen.

Diese Neubauten – sie werden von Helvetia Versicherungen und Geistlich erstellt – sind die Fortsetzung der Quartierentwicklung am Rietpark.

Das Immobilienunternehmen Halter entwickelte auf der westlichen Seite des Quartiers – ehemals Färbi-Areal – bereits rund 600 Wohnungen, Gewerbeflächen und die erste Hälfte des namensgebenden Rietparks selbst. Durch die Überbauung des Geistlich-Areals verlängert sich dieser auf eine Länge von rund 600 Metern.


Etwas verzögert entsteht an der Engstringerstrasse ein weiteres Wohngebäude mit Gewerbenutzungen im Erdgeschoss. Mit dieser Planung sind E2A Architekten betraut. «Ursprünglich war ein Bürobau geplant, welcher mangels Nachfrage nach Flächen jedoch nicht weiterverfolgt wurde», sagt Martin Geistlich von der Geistlich Immobilia AG.

Wann die Baufelder zwischen Brandstrasse und Bernstrasse wie auch jenes zwischen Rietpark und der Wiesenstrasse bebaut werden, ist noch offen. «Vorerst haben wir mit den anstehenden Baufeldern genug zu tun und werden die verbleibenden zu einem späteren Zeitpunkt entwickeln», so Geistlich.


Erst diesen Sommer konnte auf dem Geistlich-Areal das erste Wohngebäude, es trägt den klingenden Namen Magnolia, bezogen werden. Es grenzt direkt an den Rietpark und die Brandstrasse und bot 137 Eigentumswohnungen. Nach Angaben der Website des Projekts sind bereits alle verkauft.

Auch wenn die bestehende Bausubstanz wenig wertvoll ist, verliert die Stadt mit dem Abriss des ehemaligen Industrieareals ein Erkennungsmerkmal, einen Fixpunkt des Stadtbilds. So ist der Name Geistlich eng mit Schlieren verbunden.

Nebst dem, dass das Unternehmen einer der bedeutendsten Arbeitgeber des Limmattals war, wirkte die Familie auch in anderen Bereichen. Anfänglich nicht, indem man politisch aktiv war, sondern eher hintergründig, wie Philipp Meier im Schlieremer Jahrheft von 1994 schrieb. So sei die Familie Geistlich die treibende Kraft hinter dem Bau der ersten Limmattalbahn gewesen, die zwischen 1900 und 1930 zwischen Zürich-Letzi-graben und Dietikon verkehrte.

Auch der Kindergarten im sogenannten Nähhüsli an der Schulstrasse konnte 1911 nur dank der finanziellen Unterstützung von Caroline Geistlich eröffnet werden. Wohl weniger bekannt, doch nicht minder interessant: Schlieremer Schulkinder sammelten regelmässig Würmer, die sich bei den übers Wochenende eingelagerten Tierknochen eingenistet hatten und verkauften diese an Fischer zu 20 Rappen pro Büchslein – eine Fortsetzung der Wertschöpfungskette.

Auch das erste Telefon der Stadt stand im Unternehmen und wurde der Bevölkerung zur Verfügung gestellt, wenn diese notfallmässig jemanden erreichen musste.

Misslungener Rettungsversuch

Nicht alle sind glücklich darüber, dass bald mit dem Abbruch der Gebäude auf dem Geistlich-Areal begonnen wird. Im Speziellen geht es dabei um die alte Leimfabrik und den Hochkamin (kleines Bild links), die nach Ansicht von Architekt Jeremy Hoskyn erhaltenswert sind.

Er kennt das Areal bestens, da er bei allen Wettbewerbsverfahren den Vorsitz der Fachjury bei der Prämierung der siegreichen Projekte (siehe Kontext) innehatte wie auch bei der Verabschiedung des Gestaltungsplanes beteiligt war. In einer selber erstellten Testplanung, welche dieser Zeitung vorliegt, zeigte er auf, was sich beim Erhalt der Leimfabrik alles realisieren lassen würde.

Denkbar wäre es beispielsweise gewesen, in den alten Gemäuern ein Restaurant zu betreiben. Als Vorbild hierfür dienen verschiedene Restaurants in Zürich wie beispielsweise die Reithalle oder die Giesserei. Auch sie sind in alten Industriehallen untergebracht. Aber auch Gästezimmer, Gewerbe- und Atelierräume hätte sich der Architekt vorstellen können. «Da die ‹Leimi› inmitten des neuen Rietparks liegt, hätte auch eine schöne Gartenwirtschaft betrieben werden können», so Hoskyn.


Zwar handle es sich bei der «Leimi», die im kommenden Jahr hundertjährig würde, nicht um repräsentative Architektur, doch sei sie als Zeitzeuge erhaltenswert, sagt er. «Sie ist ein einfaches Industriegebäude mit robustem Stahlbetonskelett. Dessen Architekten, die auch andere Bauten für die Familie realisierten, haben es aber in ein hübsches, klassizistisches Kleid gehüllt.»

Zusammen mit dem Hochkamin, dem Trafo- und dem Gärtnerhaus hätte die «Leimi» als historisches Ensemble die 150-jährige Geschichte der Leimfabrik erhalten, ist Hoskyn überzeugt.

«Mit einer öffentlichen Nutzung hätte sie das neue Stadtquartier am Rietpark aufgewertet und belebt.» So sei alte Bausubstanz insbesondere bei Neubauquartieren in Vorstädten wichtig, da diese sonst oft identitätslos und anonym seien. «Den zukünftigen Bewohnern wäre so ein Sinn für das Vergangene und für die Geschichte dieses Ortes gegeben worden.»


Positive Resonanz

Dass der Erhalt der «Leimi» sinnvoll wäre, sei Hoskyn erst im Jahr 2012 beim Wettbewerb zur Überbauung der ersten Etappe «Magnolia» aufgefallen. Zu spät, wie sich nun zeigt: Denn der Erhalt hätte im Gestaltungsplan für das Geistlich-Areal festgeschrieben werden müssen. Dieser wurde aber bereits vor rund zehn Jahren ausgearbeitet. Was das Ensemble für das neue Quartier hätte bedeuten können, sei ihm damals aber noch nicht bewusst gewesen.

Seine Nutzungsstudie, die er Anfang Jahr erstellte und der Stadt Schlieren wie auch dem Verwaltungsrat der Geistlich Immobilia AG sowie diversen Familienmitgliedern präsentierte, sei auf viel positive Resonanz gestossen. Die Stadt habe sich offen für die Idee gezeigt.

«Bei einer zweiten Besprechung wurde dann aber darauf verwiesen, dass eine Anpassung des Gestaltungsplans notwendig sei, wenn man das Ensemble stehen lassen wolle», so Hoskyn. Auf diesen Prozess hätten sich die Grundeigentümer des Geistlich-Areals aber nicht einlassen wollen.

Leimproduktion verkauft

Eine Vielzahl von Männern der Familie engagierte sich im vergangenen Jahrhundert in der Schulpflege, doch erst im Jahr 1990 zog mit Rita Geistlich das erste Familienmitglied in den Stadtrat ein. Zwischen 1994 und 2002 fungierte sie als Stadtpräsidentin. Während dieser Zeit veränderte sich auch das Unternehmen.

Im Jahr 1999 wurde die ehemalige Ed. Geistlich AG in eine Holding-Struktur überführt, der heute mehrere Firmen im In- und Ausland mit 600 Mitarbeitern angehören. Heute stellt das Unternehmen im luzernischen Wolhusen Biomaterialien für den zahnmedizinischen Bereich her. «Das Geschäft mit Klebstoffen hingegen ist kürzlich verkauft worden», wie Geistlich sagt.

Auf diese Weise wurde das älteste Schlieremer Industrieunternehmen fit für die Zukunft gemacht. Andere wie etwa das Gaswerk oder die Wagonsfabrik kamen später und konnten im Wandel der Zeit nicht bestehen, Geistlich blieb, passte sich an, erweiterte seine Produktepalette, veränderte seine Struktur.

Und nun: Wenn die Bagger auffahren, wird dann auch Geistlich Schlieren den Rücken kehren? Laut Martin Geistlich ist dem ganz und gar nicht so. So sei die Familie noch immer fest mit Schlieren verwurzelt. «Zudem ist die Umnutzung dieses Landes, die richtige Entscheidung für die Zukunft», sagt er. Diesem Credo hätten sich bereits seine Vorfahren bei der Führung des Unternehmens verschworen.