Der Rücktritt von Josef Bütler, Gemeindeammann von Spreitenbach, zieht immer grössere Kreise. Nun äussert sich auch Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, zu den Drohungen, die den FDP-Politiker dazu veranlasst haben, sich zurückzuziehen. «Ich bin gleichermassen erschüttert und empört ob diesem Vorfall», schreibt Bigler in einer Mitteilung an die az Limmattaler Zeitung.

Drohungen von «Eidgenossen»

Bütler und seine Familie waren mit anonymen Anrufen terrorisiert worden, nachdem sich der Gemeindeammann in einem Live-Interview in der Sendung «Schweiz Aktuell» des Schweizer Fernsehens zum guten Zusammenleben der Schweizer und Ausländer in Spreitenbach geäussert hatte (az Limmattaler Zeitung berichtete). Seine Aussage, es gebe «keinen Schweizer x und Ausländer y, sondern nur Spreitenbacher», habe selbst ernannte «Eidgenossen» auf den Plan gerufen. Die Drohungen und Beschimpfungen waren so derb gewesen, dass Bütler sich dazu veranlasst fühlte, zurückzutreten, um sich und seine Familie zu schützen.

Dass so etwas «in unserem Land mit seiner Freiheit und seinem Wohlstand» möglich sei, habe er sich «schlicht nicht vorstellen» können, schreibt Bigler. «Nun fragen Sie nicht zu Unrecht: Was hat das mit Gewerbepolitik zu tun? Sehr viel, ist da die Antwort», so der Präsident des Gewerbeverbands Schweiz. Denn Ausländerinnen und Ausländer seien aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. «Ohne Sie gäbe es keine zuverlässige Altersversorgung und Krankenpflege, ohne sie gäbe es kein funktionierendes Gastgewerbe, ohne sie stünden zahlreiche industrielle Produktionsstätten zumindest teilweise still.» Ohne die Mitarbeit ausländischer Arbeitskräfte wäre die Schweiz nicht, was sie ist, findet Bigler: Ein Land mit niedriger Arbeitslosenquote und hohem Wohlstand und ein Land, welches es immer fertiggebracht habe, Andersgläubige und Andersdenkende zu integrieren.

Kein Mann der leisen Töne

Wenn nun feige Anrufer, «vermummt mit ihrer Anonymität», jemanden bedrohen, weil er die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft lobe, so sei dies mehr als ein Tabubruch, schreibt Bigler: Es sei «ein fieser Angriff auf die wichtigsten Werte einer freien und liberalen Gesellschaft».

Er sei «weiss Gott nicht bekannt als Mann der leisen Töne», gibt Bigler zu. Genauso gestatte er es auch jedem politischen Gegner, sich frei zu äussern. Doch verlange er Anstand, Respekt und Fairness – ansonsten «schaden wir nicht einfach unserer Kultur, wir schaden ganz direkt der Wirtschaft».

Was in Spreitenbach geschehen sei, sei deshalb «nicht weit davon entfernt von dem, was am letzten Sonntag auf dem Zürcher Letzigrund geschehen ist», so Bigler. Beides seien Gewaltereignisse: «So verschieden und doch so gleich. Denn an beiden Orten flüchten die Täter in die Anonymität, hier mit Roger-Staub-Mützen, dort mit anonymisierter Kommunikation.» Seit Sonntag müsse man daher nicht nur von der Schande von Zürich sprechen, sondern auch von der Schande von Spreitenbach.